Frage: Die Selbsthilfebewegung hat sich über viele Jahrzehnte von Mitleid und Fremdbestimmung freigekämpft. Nur deshalb finden heute Inklusionsdebatten statt, auch deshalb haben wir heute ein Bundesteilhabegesetz. War das falsch?

Krahe: Nein, natürlich nicht. Falsch ist nur, zu verallgemeinern. Ich schreibe dem Mitleid und der Fürsorge einfach einen wichtigeren Stellenwert zu als andere Behinderte. Wie es bekanntermaßen auch Unterschiede unter Nichtbehinderten gibt. Außerdem habe ich ein bestimmtes Verständnis von Mitleid. Üblicherweise wird Mitleid von Menschen mit Behinderung als Degradierung erfahren, als Demütigung. "Ach, du Arme", das ist in den meisten Fällen keine Gefühlsäußerung, das ist eine Degradierung. Das wollen Menschen mit Behinderung aus gutem Grund nicht. Also behaupten sie oft, dass sie nicht leiden. "Ich kann das selbst", heißt es dann. Die Selbsthilfebewegung war zweifelsohne immens wichtig und hat neue Standards gesetzt. Das Problem ist trotzdem: Leid ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, als wäre es ansteckend. Alle haben permanent Angst, runtergezogen zu werden. Dann spricht man lieber von Empathie, die ist bekanntlich ganz toll. Weil man das Leid nicht hört, zumindest nicht, wenn man kein Griechisch kann.

Frage: Dürfen denn auch andere Menschen von Ihrem Leid sprechen?

Krahe: Ich glaube, ja.

Frage: Sie zögern ein wenig.

Krahe: Weil ich streng genommen, so könnten es manche Menschen sehen, an meiner Erblindung und später an meiner Organtransplantation selbst schuld bin. Ich hatte Diabetes und habe mich nicht an die Essensregeln gehalten. Ich habe das einfach nicht geschafft. Selbst schuld, könnte man also zu Recht sagen. Ich konnte nur weiterleben, weil mir zwei gespendete Organe transplantiert wurden. Jemand musste sterben, damit ich weiterleben konnte. So wurden mir 30 weitere Lebensjahre geschenkt. Verdient? Ich weiß es nicht.

Frage: Spüren Sie eine Verantwortung, heute möglichst gesund und dankbar zu leben?

Krahe: Ich weiß, dass mir Leben geschenkt wurde. Aber ich weiß auch, dass ich das Leben nicht ausreizen werde. Ich denke heute viel über Sterbehilfe nach. Was passiert, wenn ich in eine Situation komme, in der ich nicht mehr leben möchte? Als transplantierter Mensch gewöhnt man sich gewissermaßen an das Risiko, wir sind überdurchschnittlich gefährdet für Infektionen und andere Krankheiten. Die Organspende war ein Geschenk. Das war das Kopfnicken Gottes: Du darfst leben. Das konnte ich mir nicht verdienen. Es war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich.

Frage: Was bedeutet grundlegend?

Krahe: Ich habe gelernt, wie es ist, in einer ständigen Bezogenheit zu Menschen zu leben, auch in Abhängigkeit. Das habe ich in meinem ersten Leben total unterschätzt und vernachlässigt.

Frage: Sie haben Theologie studiert, wollten aber von Anfang an an der Universität bleiben. Ist Ihr Glaube sehr verkopft?

Krahe: Könnte man so sagen. Ich fühlte mich immer schon am wohlsten, wenn ich an einem Schreibtisch sitze. Ich mochte auch diese Sonderwelt der Wissenschaft. Ich wäre wohl keine gute Pfarrerin geworden. Ich hatte nie einen engen Bezug zu einer Kirchengemeinde, abgesehen von meiner Jugendzeit. Die Rituale und Liturgie in Gottesdiensten blieben mir fremd bis heute. Ich möchte kein Handauflegen, keine Segnung. Ich möchte eine echte Predigt hören, mehr eigentlich nicht.