Manche Sätze wirken erst durch ihren Nachklang. Der AfD-Kulturpolitiker Marc Jongen hat schon im Januar 2017 gesagt, er freue sich auf den Moment, da seine Partei an einer Regierung beteiligt sein werde und er die "Entsiffung" des Kulturbetriebs in Angriff nehmen könne. Am 1. September 2019 wird in zwei ostdeutschen Bundesländern gewählt, in Sachsen und Brandenburg, und am 27. Oktober zieht Thüringen nach. Die dortigen Theater fürchten, Jongen könne der Erfüllung seines Wunsches recht nahe kommen: Die Prognosen stehen günstig für die AfD. Schon seit einiger Zeit versucht diese Partei, den Theaterbetrieb zu verunsichern: mit parlamentarischen Anfragen, mit Anzeigen gegen einzelne Häuser, mit der Drohung, die Kulturförderung zu hinterfragen und unliebsamen Theatern die Zuschüsse zu kürzen oder ganz zu streichen.

Aber zurück zum Kampf gegen die Versiffung. Was ist mit Jongens Ansage gemeint?

Wenn man davon spricht, etwas sei "versifft", so suggeriert man, es sei in einem für die Allgemeinheit bedrohlichen Maß verdreckt. Das Wort leitet sich von der Syphilis ab, einer Geschlechtskrankheit, und man darf Jongen unterstellen, dass er, der Kulturpolitische Sprecher seiner Partei, ein sprachbewusster Redner ist und diese Konnotation mitgemeint hat: dass nämlich im deutschen Kulturbetrieb einer den anderen lustvoll und besinnungslos anstecke mit demselben gehirnerweichenden linken Geist. Dieser Geist ist, in der Sprache der AfD, die "Ideologie des Multikulturalismus", welche als "ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation" einzustufen sei. Demgegenüber formuliert das Landeswahlprogramm der AfD von Sachsen-Anhalt folgende Maxime: "Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen." Hans-Thomas Tillschneider, Islamwissenschaftler und AfD-Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Anhalt, sagt es so: "Wenn wir eine starke Theaterkultur wollen, brauchen wir also zuerst eine starke Nationalkultur."

Die "Versiffung" des deutschen Kultur- und Theaterbetriebs zeigt sich dieser Logik zufolge womöglich schon in der physischen, konkret: internationalen Zusammensetzung der Ensembles (namentlich im Musiktheater- und Tanzbereich). Es liegt nahe, bei diesem Wort auch an eine parlamentarische Anfrage zu denken, welche die baden-württembergische AfD-Landtagsfraktion im Juni 2019 im Stuttgarter Landtag einbrachte. Die AfD forderte Auskunft darüber, wie viele Tänzer, Schauspieler, Sänger und Musiker der Staatstheater Stuttgart keinen deutschen Pass haben – als sei mit der Frage ein erster Beitrag zur "Entsiffung" schon geleistet. Und als sei die aggressive Energie von Alexander Gaulands Satz "Wir werden sie jagen!" probehalber auf den windstillen Korridoren der Stuttgarter Administration losgelassen worden.

Marc Grandmontagne, der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, spricht am Telefon von einer zunehmenden Härte der Auseinandersetzungen zwischen Theatern und rechten Kräften. Was tun? Man müsse "gefährliche Begegnungen" zulassen, so Grandmontagne, das Wegducken helfe so wenig wie das Ignorieren oder Dämonisieren der radikal rechten Bevölkerungsteile.

Wie bereiten sich nun die Bühnenkünstler auf die Wahlen in Ostdeutschland vor? Was erwarten sie? Wir haben einige Intendanten im Osten gefragt.

Reise nach Eisenach (Thüringen). Dort sitzen seit den jüngsten Kommunalwahlen vier NPD- und vier AfD-Vertreter im Stadtrat. Aber ihnen gegenüber sitzt, als Stadtrat der Linken, auch der Intendant des örtlichen Theaters, Andris Plucis. Regiert wird die Stadt von einer Oberbürgermeisterin der Linken, und die Linke ist die stärkste Partei im Stadtrat. Plucis ist ein optimistischer, weltläufiger Mann mit deutschem und britischem Pass, der seit zehn Jahren in Eisenach wohnt und dessen Tochter in einem Stadtteil mit hohem NPD-Wähleranteil zur Schule geht. Er sagt, er lebe gern hier und werde vielleicht auch nach Ende seines Arbeitslebens bleiben; politisch sei er eindeutig links, aber er müsse es nicht dauernd herauskehren.

Die Eisenacher Tanzcompanie vereine Tänzer aus aller Welt, etliche davon schwul – "insofern für Rechte das Feindbild schlechthin", sagt der ausgebildete Choreograf und Tänzer Plucis, "aber ohne Ausländer im Ballett bekommt man kein Ensemble mit einer gewissen Qualität zusammen". Es gebe in Eisenach ein starkes Bürgertum, das diesen Zusammenhang verstehe und auf dessen Engagement er sich immer habe verlassen können. Persönliche Anfeindungen habe er nie erlebt. Plucis: "Es kann sein, dass ich in zwei Jahren sage: Scheiße, jetzt ist es hier gekippt. Aber ich werde immer dafür kämpfen, dass es nicht passiert."

Weiter nach Sachsen. Christoph Dittrich, Generalintendant der Städtischen Theater Chemnitz, hat die schwere Aufgabe, in einer durch die Ereignisse des vergangenen Sommers zerrütteten, ja gespaltenen Stadt Theater für alle zu machen. Zur Erinnerung: Am 26. August 2018 wurde ein Deutscher während des Chemnitzer Stadtfestes erstochen, der Tat verdächtigt wurden ein Syrer und ein Iraker (bewiesen ist deren Schuld bis jetzt nicht), woraufhin es zu heftigen fremdenfeindlichen Demonstrationen, aber auch zu starken bürgerlichen und linken Gegenaktionen kam.

Auch Dittrich sagt, es habe gegen ihn und sein Haus keine persönlichen Angriffe gegeben. Zwar mache man sich manchmal Gedanken, ob man People of Color des Ensembles nachts gewisse Wege durch Chemnitz allein gehen lassen solle, aber es sei nie etwas passiert. Im Gegenteil hätten die Geschehnisse in der Stadt auch Widerstandsgeist geweckt, es gelte, Haltung zu zeigen: "Das Wichtigste, was wir tun, zeigt unser Spielplan: Darauf stehen Hamlet, Heiner Müller, Fidelio – es ist ein einziger humaner Appell zur Offenheit und Differenzierung."