Ein Cartoon von Hilbring zeigt vor einem Auto in der Verbotszone einen aufgeregten, mickrigen Nerd, der zu einer Politesse, die ihn gerade aufgeschrieben hat, mit beinahe ungebrochenem Stolz sagt: "Ich bin ein mittelloser Literat." – "Also, ich", antwortet ihm die Politesse mit dem Knöllchen in der Hand, "kann vom Schreiben leben."

Das hat mich erschüttert, und beim Grübeln bin ich darauf gekommen, dass ich keinen einzigen reichen Menschen persönlich kenne. Das Einzige, was ich vom Reichtum weiß, steht in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. Dort findet sich ein Argument gegen die Ansicht des jungen Karl Marx, Geld ermögliche es, Eigenschaften zu kaufen. Nach Musil ist aber der Reichtum selbst eine Eigenschaft: "Jede menschliche Nase riecht unweigerlich sofort den zarten Hauch von Unabhängigkeit, Gewohnheit, zu befehlen, Gewohnheit, überall das Beste für sich zu wählen, leichter Weltverachtung und beständig bewusster Machtverantwortung, der von einem großen und sicheren Einkommen aufsteigt."

Jetzt diskutiert ein Philosoph solche Werte: Christian Neuhäuser pflegt in seinem Bändchen Wie reich darf man sein? eine Denkweise von praktischer Anschaulichkeit, er denkt Schritt für Schritt in einfachen, aber lehrreichen Fallgeschichten. Auf diesem Weg kommt er zu Schlüssen wie folgendem: "Reich ist derjenige, der deutlich mehr Geld zur Verfügung hat, als man für die Umsetzung einer vernünftigen Vorstellung vom gelingenden Leben braucht."

Das Wesen der Gier ist es, für sich unangemessene Vorstellungen vom Gelingen des Lebens durchsetzen zu wollen. Man kann behaupten, dass Reichtum per se weder gut noch schlecht ist. Ungerecht muss man ihn aber dann nennen, "wenn Reichtum zu grundsätzlichen Schädigungen von Strukturen und anderen Menschen führt. Sollten beispielsweise reiche Menschen anfangen, erheblichen Einfluss auf die Politik zu nehmen, schädigt das unmittelbar die für liberale Republiken zentrale Grundidee der politischen Gleichheit aller StaatsbürgerInnen." Darf man die USA noch eine Demokratie nennen, wenn Nichtmillionäre für die Präsidentschaft gar nicht sinnvoll kandidieren können?

Es ist nicht Neid, mit dem Frauen den Männern gegenüber die Forderung nach gleichem Lohn für die gleiche Arbeit stellen. Schließlich wäre die Einlösung nur gerecht. Die Ideologie, jede Kritik an der Ungerechtigkeit mit dem Neidvorwurf abzublocken, ist ausgeleiert. Bei Musil findet aber auch der Neidische Trost: "Zerstöre Bankkonto und Kredit, und der reiche Mann hat nicht bloß kein Geld mehr, sondern er ist am Tag, wo er es begriffen hat, eine abgewelkte Blume."

Christian Neuhäuser: Wie reich darf man sein? Über Gier, Neid und Gerechtigkeit; Reclam, Stuttgart 2019; 89 S., 6,– €, als E-Book 5,49 €