Beim Wiener Sport-Club gibt es ein Ritual: Während jedes Heimspiels des Fußballvereins, circa in der 60. Minute, spaziert eine ältere, immer elegant gekleidete Dame die Seitenlinie entlang. Sie positioniert sich am Kabineneingang, hinter dem Tor, vor den eigenen Fans und beginnt zu brüllen: "Gemma, Burschen! Schießt’s a Goal!" Dabei bebt ihr ganzer Körper. Sie lebt das Spiel.

Elfriede List ist 92 Jahre alt und eine Legende des Wiener Sport-Clubs. Seit 50 Jahren ist sie dem Verein aus Hernals mit Leib und Seele treu. In den Siebzigerjahren hat sie Auswärtsfahrten, Bälle und Feiern organisiert. Heute sitzt sie bei jedem Heimspiel hinter der Kassa, vorn bei der Haupttribüne, raus zur Alszeile. Ein großer Teil ihres Lebens steckt im Sport-Club. Wenn der WSC gewinnt, ist die Wienerin gut aufgelegt. Verliert er, steht sie wütend im Kabinengang und teilt den Verantwortlichen mit, was ihrer Meinung nach anders laufen müsse.

Am Matchtag sitzt Frau List ab 17 Uhr in ihrem Kassahäuschen. Sie will gut vorbereitet sein, wenn die Gäste eintreffen. "Durch diese Hände ist sehr viel Geld gegangen", sagt sie, während sie die Zehner fein säuberlich zusammenlegt. In dem kleinen Raum hängen Mannschaftsfotos der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, List hat sie ausgeschnitten und aufgehängt. Um solche Dinge hat sie sich immer gekümmert. Früher, als es noch das Vereinsheim in der Rötzergasse gab, hat sie auch alle Vorhänge selbst genäht. Was bedeutet ihr der Sport-Club? "Ois", alles, knurrt List. Wunderschöne Zeiten habe sie hier erlebt. "Der Sport-Club ist mein Leben. Fußball ist mein Leben." Sie hat zwei Kinder großgezogen, hat heute zwei Enkel und drei Urenkel. Nicht alle davon spielen Fußball, aber viele. Es liegt in der Familie.

Früher stand hier auch ein Foto von ihrem Sohn, Peter List, der als Tormann zum Sport-Club kam und damit Auslöser der Liebe seiner Mutter zum Verein war. Auch Lists verstorbener Mann, mit dem sie 53 Jahre lang verheiratet war, hat hier gespielt, später auch gearbeitet. Der Sport-Club ist eine Familie. Jeder hier kennt Frau List, viele kennen auch noch ihren Mann. Und jeder hier hat einen Tipp. "Sprich sie nach dem Spiel an, aber nur bei einem Sieg", ist meistens zu hören.

Der Wiener Sport-Club hat schon viel bessere Zeiten gesehen. In den Fünfzigerjahren wurde der WSC zweimal Meister. Und Am 1. Oktober 1958 gelang ihm auch etwas, worüber bis heute gesprochen wird: Der Verein deklassierte im Praterstadion Juventus Turin mit 7 : 0 und schrieb damit österreichische Fußballgeschichte. Ab den Siebzigerjahren begann der langsame Niedergang. In den Neunzigerjahren folgten zwei Konkurse, mittlerweile hat man sich finanziell wieder gefangen.

Der WSC ist einer dieser Vereine, die durch ihre ruhmreiche Geschichte immer ein bisschen zu groß für ihre Gegenwart sind. Denn die spielt in der Regionalliga Ost, an der Schnittstelle zwischen Amateur- und Profifußball, wo Ambiente und die beschworene "Ehrlichkeit" des Geschehens manchmal über die Qualität auf dem Spielfeld hinwegtrösten müssen.

Den Sport-Club-Fans ist Tradition wichtig: Die Annemarie, ein Gasthaus um die Ecke des Stadions, gibt es seit mindestens zehn Jahren nicht mehr. In den Gesängen auf der Tribüne lebt es weiter, in Liedern darüber, wie man "bei der Annemarie" säuft und dann dort einschläft.

List hat alles miterlebt, die guten, schlechten und goldenen Zeiten. Sie erinnert sich an vieles, das den jüngeren Fans kein Begriff mehr ist. Als der Sport-Club noch einen Weinhandel im Stadion hatte und es nach dem Spiel "ausgezeichneten Zweigelt" gab. Wie gut die Stimmung auf der alten Tribüne war. Wie sie gemeinsam Auswärtsfahrten organisiert haben, so richtig mit Herzblut. Wenn sie einen Satz wie "So klein war der Andi damals!" sagt und dabei ihre Hand in Hüfthöhe hält, dann ist natürlich Andreas Herzog gemeint. Der Rekordspieler der Nationalmannschaft war sicher mal hüftgroß, ist mittlerweile aber auch schon über 50 Jahre alt.