Konferenzen, Vorträge, Feldforschung – Wissenschaftler sind ständig unterwegs. Hier legen sie ihre beruflichen Flüge und Fahrten des ersten Halbjahrs 2019 offen.

Professor

Das Reisen in alle Welt gehört zur Wissenschaft dazu. Hier die Gremiensitzung an der Partner-Uni, dort die Jahreskonferenz einer Fachdisziplin. Die Auswahl an Zielen ist groß: In diesen Wochen können Psychologen ins britische Bangor zu einem Kurs über kognitive Neurowissenschaften aufbrechen, anschließend zu einem Symposium über Suchtkrankheiten nach Barnstable (USA) fliegen, von dort direkt weiter nach Kopenhagen zu einer Konferenz für Neuropsychologen. Ihre Kolleginnen aus der Physik können sich auf einem Workshop über Quantenkontrolle im kanadischen Toronto weiterbilden, dann nach Birmingham zu einer Konferenz über ultrakalte Atome reisen und schließlich nach Warschau, um Vorträge über Zeitkristalle anzuhören.

Beziffert hat die Flugtätigkeit in der Wissenschaft bis heute niemand, auch große deutsche Universitäten wie die in Köln oder München können keine Angaben machen, wie viele Kilometer im akademischen Dienst absolviert werden. Zugleich aber weiß man, dass die Flüge an den weltweit klimaschädlichen Kohlendioxidemissionen einen Anteil von ungefähr drei Prozent haben. Ihre Wirkung ist allerdings weitaus größer: "Die gesamte Klimaschädigung durch den Flugverkehr in Deutschland liegt zwischen sechs und zehn Prozent", sagt Lars Mönch, Fachgebietsleiter Schadstoffminderung im Verkehr beim Umweltbundesamt. Das liege an den Emissionen von Stickoxiden und anderen Substanzen in hohen Luftschichten.

Eine Debatte um klimafreundliches Reisen werde derzeit noch nicht geführt, sagt ein Sprecher der Ludwig-Maximilians-Universität München, mit 50.000 Studierenden eine der größten Hochschulen Deutschlands. Man beobachte aber den Trend, dass insbesondere bei Flügen CO₂-Kompensationen mitgebucht werden. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), wichtigster Geldgeber für Forschungsprojekte in Deutschland, sei sich der Bedeutung des klimabewussten Reisens bewusst, sagt ein Sprecher. Allerdings unterliege die DFG den Reisekostengesetzen des Bundes und der Länder: "Erste Gespräche mit Bund und Ländern über klimafreundliches Reisen haben bereits stattgefunden – und sollen innerhalb der Allianz der Wissenschaftsorganisationen auch bald konkreter werden."

Noch eine Ebene darüber, beim Europäischen Forschungsrat (ERC), überlässt man die Entscheidung über wissenschaftliche Reisen ebenfalls den Stipendiaten. Dazu gebe es keine Vorgaben, so ein Sprecher. Der ERC wird im kommenden Jahr 2,2 Milliarden Euro verteilen, darunter auch nicht näher bezifferte Reisebudgets. Diese Budgets können Forschende meist selbst verwalten – je günstiger die Verbindung, desto mehr können sie auch reisen. Wissenschaftler verhalten sich dabei so wie die meisten Geschäftsleute, Journalistinnen und Urlauber: Sie wählen die günstigere und schnellere Variante, und die ist häufig das Flugzeug.

"Klimaforscher sind nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen", sagt der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Ottmar Edenhofer. Seine persönliche Emissionsbilanz sei viel zu hoch, und das liege auch am Fliegen, räumt Edenhofer ein. Seine Reisen offenlegen, wie sein PIK-Kollege Stefan Rahmstorf, will Edenhofer aber nicht: "Es braucht politische Lösungen wie eine faire CO₂-Bepreisung. Ein solcher Preis würde auf alle Dienstleistungen und Güter wirken, also auch aufs Fliegen."

Stefan Gössling sagt: "Die Politik ist dazu aufgerufen, Flüge gerecht zu besteuern." Er selbst fliegt aber kaum noch. Der Humanökologe forscht an der Universität Freiburg sowie im schwedischen Kalmar und Lund zu umweltbewusstem Reisen. Zuletzt luden ihn die Vereinten Nationen zu einer Klimakonferenz nach Brasilien ein – er sagte ab.

Die französische Regierung handelt entschlossener als die deutsche. Anfang Juli verabschiedete sie eine Kerosinsteuer auf alle Flüge. Eine Gruppe französischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist gleich selbst aktiv geworden, sie nennt sich "labos 1.5". Der Name bezieht sich auf die Erderwärmung, die entsprechend dem Pariser Klimaabkommen von 2015 möglichst unter 1,5 Grad gehalten werden soll. Die Initiative will auch ohne neue Gesetze ihre Emissionen reduzieren: beispielsweise indem weniger Personen in Gremien sitzen. Universitäten sollten komfortable Videosysteme installieren. Und: Das Reisen zu Konferenzen solle an Bedeutung verlieren, vor allem für die Begutachtung jüngerer Forscherinnen und Forscher.

Das klingt für viele Wissenschaftler wie eine unmögliche Forderung, gilt es doch als Ausweis von Erfolg und Exzellenz, auf internationalen Tagungen vorzutragen. Dort werden Pläne geschmiedet, Veröffentlichungen vorbereitet. Aber wie notwendig ist das wirklich? Stefan Gössling sagt, seine eigenen Publikationen entstünden meist per E-Mail-Austausch: "Wer mehr am Schreibtisch sitzt, statt in aller Welt herumzufliegen, kann wunderbar arbeiten." Er hat in einer Feldstudie mit 29 Studierenden erfragt, wie sie ihre Flüge der vergangenen fünf Jahre einschätzen. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Reisen erschien ihnen im Nachhinein als unwichtig.