Es gibt Momente im Leben, da blickt man zurück und stellt fest: Unglaublich, wie schnell der Mensch lernt. Nach zwei Jahren kann man eine neue Sprache beherrschen, leidlich gut. Man kann binnen zwei Jahren ein Zen-Buddhist werden, alternativ ein Karatekämpfer. Auch eine Demokratie kann in zwei Jahren lernen. Wenn an diesem Sonntag in Ostdeutschland zwei Landtage gewählt werden, zwei Jahre nach der Bundestagswahl 2017 – dann könnte es sein, dass wir feststellen: Diese Demokratie beherrscht inzwischen auch Zen-Buddhismus und Karate, und sogar eine andere Sprache. Es ist nicht ausgemacht, dass diese Wahlen in einer Katastrophe enden, bei aller deutschen Vorliebe für gepflegte Hysterie. Es könnte sein, dass dieser Wahltag eine Zäsur wird, aber eine Zäsur auch im Guten: weil die vergangenen beiden Jahre nicht nur schlecht waren, wie auch immer Sachsen und Brandenburger entscheiden. Denn die Republik beginnt, besser zu verstehen, was gegen den Populismus hilft. Wie man Spaltung angeht und vielleicht überwindet. Und wie man mit einer AfD umgeht, die wie ein Pflock in der politischen Landschaft steht: nicht schön, aber eben da.

1. Wie das Reden ein politisches Prinzip wurde

Am 24. September 2017, spät am Abend, saß ein CDU-Bundestagsabgeordneter namens Michael Kretschmer in seinem Auto und telefonierte mit der ZEIT. Es war die dunkelste Stunde seines bisherigen Berufslebens, denn Bundestagsabgeordneter war er streng genommen seit wenigen Stunden nicht mehr. Nicht nur war die CDU in Sachsen gerade von der AfD geschlagen worden, mit 26,9 zu 27 Prozent. Kretschmer hatte auch seinen Wahlkreis verloren – gegen einen Kandidaten der AfD. Kretschmer sagte in jener Nacht: "Vielleicht muss es so sein, dass diese Demokratie das jetzt braucht, es hilft ja nichts."

Mit dem, was die Demokratie damals brauchte, meinte Kretschmer: eine Umwälzung der politischen Verhältnisse, den Einzug der AfD in den Bundestag, neue Debatten. Eine Art heilsamen Schock. Sein Satz war natürlich eine Bewältigungsstrategie, Kretschmer wollte seiner Niederlage irgendetwas Positives abgewinnen. Aber im Kern hatte er erkannt: So, wie der politische Prozess über Jahrzehnte funktionierte, funktioniert er nicht mehr, im Osten nicht, aber vermutlich auch nicht im Westen. Politiker diskutieren, Zeitungen bilden diese Debatten ab und steuern sie mit, danach entscheiden sich die Bürger höflich für eines der bewährten politischen Angebote? Das war einmal.

Die 27 Prozent für Sachsens AfD bei der Bundestagswahl bedeuteten nicht, dass ein Drittel der Sachsen Neonazis wären, dass zwischen Dresden und Leipzig Hunger und Elend herrschten oder dass die Ossis ein bisschen verrückt geworden wären. Die 27 Prozent waren schlicht ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Kommunikation in diesem Land gestört ist. Nicht nur zwischen Ost und West, sondern zwischen Stadt und Land, akademisch und nicht akademisch, Macht und Ohnmacht, vermeintlicher Elite und denen, die sich für die normalen Leute halten.

Im Osten ist das erstmals in Wahlergebnissen sichtbar geworden. Aber nicht weil der Osten unnormal wäre, sondern weil er deutsche Provinz im Extremen darstellt: Der Osten ist besonders ländlich, er ist deutlich weniger akademisch, er ist weniger elitär, im Osten sitzt kaum Macht. Dass er sich abgehängt wähnt, hat nicht in erster Linie mit der DDR zu tun oder mit Bahngleisen, jedenfalls nicht nur. Sondern mit dem Eindruck vieler, dass Debatten am eigenen Leben vorbei geführt werden.

Kurz nach der Bundestagswahlnacht spülte der historische Zufall Michael Kretschmer, sozusagen aus der Arbeitslosigkeit, ins Amt des Ministerpräsidenten. Vielleicht war der Fausthieb, den er vorher erhalten hatte, sein Glück. Kretschmer entschied sich für das Reden als politisches Prinzip. Über zwei Jahre reiste er zu jedem Bürger. Sein Kalkül ist, dass man die Menschen nur aus ihren Filterblasen holen kann, indem man an ihrer Tür klingelt. Viele, sagt Kretschmer öfter, lesen keine Zeitung mehr, hören kein Radio, durchstöbern aber Internetforen. Diese Leute könnten Politiker nur noch erreichen, indem sie sie persönlich ansprechen. Vielleicht ist das eine sehr traditionelle Art, um auf ein rasend aktuelles Problem zu reagieren. Aber immerhin ist es eine Reaktion.

2. Hurra, wir sind emanzipiert!

Man kann ein Problem nur dann besiegen, wenn es sich zeigt. Wer im Osten mit AfD-Wählern spricht, stellt irgendwann fest: Ihr AfD-Wählen war offenbar eine Art Emanzipation. Nicht für alle, doch für viele. Sie haben sich politisch bekannt. Damit soll nicht die Gefährlichkeit der AfD relativiert werden, auch nicht ihre teilweise Nähe zu harten Rechten. Aber diejenigen, die früher Nichtwähler waren, vielleicht auch unzufrieden grummelnde CDU-, SPD- oder Linke-Wähler – die haben ihre Unzufriedenheit jetzt artikuliert. Dadurch wurden sie politisch sichtbar. Man kann sich mit ihnen und ihren Anliegen auseinandersetzen. Und das hat der politische Betrieb in den vergangenen zwei Jahren verstanden. Es kam ja tatsächlich alles auf den Tisch, es wurde alles diskutiert: die Nachwendezeit, die Lohnungerechtigkeit, die Einstellung zu Migration und Klimawandel. Gibt es noch einen Ossi, dem kein Mikrofon unter die Nase gehalten wurde: Und, warum sind Sie wütend?