Wessen Gebeine die Zeitläufte einigermaßen vollständig überdauern, der hat bessere Chancen, posthum berühmt zu werden. Jene Vor- und Urmenschen, von denen höchstens ein Zahn, ein Knöchelchen oder das Fragment eines Kiefers als Fossil übrig geblieben ist, zählen seltener zur Prominenz der paläolithischen Welt. Lucy gehört definitiv dazu.

Die 3,2 Millionen Jahre alte Australopithecus-afarensis-Dame aus Äthiopien verdankt ihre Bedeutung im menschlichen Stammbaum auch dem Umstand, dass sie sich mit 88 Skelettfragmenten in die Gegenwart gerettet hat – zusätzlich geholfen hat ihr natürlich, nach dem Beatles-Song Lucy In The Sky With Diamonds benannt worden zu sein.

Ein ihr nahe verwandtes Wesen hatte es dagegen schwer. Australopithecus anamensis zählte höchstens zur B-Prominenz. 3,9 bis 4,2 Millionen Jahre alte Teile von Ober- und Unterkiefer, einige Zähne und vereinzelte Knochen von Gliedmaßen aus Kenia und Äthiopien: Mehr hatte die Homininen-Art nicht zu bieten. Aufgrund des ungefähren Bildes, das man sich von seinem Aussehen machen konnte, reihte man A. anamensis einfach als Vorläufer von Lucy und Co. in die Entstehungsgeschichte der Frühmenschen ein: Als ältester Australopithecus galt er als jene Frühform, aus der heraus die spätere Variante Australopithecus afarensis entstand. Die beiden Australopitheziden galten damit als Mitglieder derselben evolutionären Spezies.

Nun aber dürfte die Berühmtheit von A. anamensis schlagartig wachsen – und unser Stammbaum noch komplizierter werden. Denn ein internationales Forscherteam um den äthiopischen Paläoanthropologen Yohannes Haile-Selassie stieß im Grabungsgebiet von Woranso-Mille in Äthiopien auf einen fast vollständigen Schädel dieser Spezies. Das Wissenschaftsmagazin Nature präsentiert den Fund in dieser Woche – inklusive einer sympathisch anmutenden Rekonstruktion des erwachsenen Mannes. Eine deutlich hervorstehende Kieferpartie und eine erstaunlich lange, schmale Hirnschale sind die auffälligsten Merkmale von A. anamensis.

Da das Fossil "nur" 3,8 Millionen Jahre alt und damit etwas jünger als die zuvor gefundenen mickrigen Skeletttrümmer seiner Artgenossen ist, muss auch die menschliche Abstammungsgeschichte in dieser Phase umgeschrieben werden: A. anamensis ist nicht einfach ein Vorläufer der Lucy-Spezies A. afarensis. Vielmehr lebten die beiden Arten vermutlich 100.000 Jahre lang als Nachbarn in Ostafrika nebeneinanderher.

Ein klangvoller Name wie Lucy wird dem neuen Schädel noch vorenthalten. MRD heißt er bisher spröde – die Kurzform der Sammlungsnummer MRD-VP-1/1. Der britische Paläontologe Fred Spoor zweifelt trotzdem nicht an der künftigen Prominenz dieses Fossils. In einem ergänzenden Kommentar zählt er Besonderheiten auf: MRD zeige einerseits "primitive" Merkmale, die an den deutlich älteren Schädel von Sahelanthropus erinnerten; dieser ging bereits vor sieben Millionen Jahren mit ähnlich länglichem Kopf durch die Welt. Andererseits zeige er neu erworbene Merkmale, die für jüngere Arten wie Paranthropus (2,5 Millionen Jahre alt) typisch seien, etwa die vorgewölbten Wangenknochen.

Spoor vermutet daher, dass dank MRD einiges klarer werden könnte, worüber sich Ahnenforscher partout nicht einigen können. Handelt es sich bei den älteren Herrschaften namens Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus um ausgestorbene Menschenaffen? Oder sind sie Teil unseres Evolutionsbaums geworden? Dieselben Fragen stellen sich für MRD: Ist er ein Missing Link von uns zu Sahelanthropus und den anderen Frühformen oder ein abgestorbener Ast im evolutionären Gestrüpp? Erst einmal braucht er einen richtigen Namen.