Stünde da nicht ein Mannschaftswagen der Polizei vor dem "Ofenhaus" in Bernau – kein Mensch käme darauf, dass sich hier, unweit von Berlin, irgendetwas Bemerkenswertes abspielen könnte. "Habeck kommt!", steht auf jedem zweiten Wahlplakat der Grünen in Brandenburg. AKK kommt auch, aber davon sollen offenbar nicht zu viele Leute erfahren. Mit keinem Wahlplakat kündigt die CDU ihre Vorsitzende an, nicht mal am Eingang findet sich der kleinste Hinweis. Stell dir vor, die Chefin kommt – und niemand geht hin.

Na ja, niemand stimmt nicht so ganz. Der ziemlich kleine Veranstaltungssaal ist gut gefüllt (deshalb ist er auch ausgewählt worden), im Publikum sitzen am Donnerstag vergangener Woche zum großen Teil Mitglieder der kommunalen CDU. Die wenigsten kennen ihre Vorsitzende persönlich. Er wolle sich mal ein Bild von der Dame machen, sagt einer der örtlichen Parteimänner, der im Baugewerbe tätig ist und nicht namentlich in der Zeitung auftauchen möchte. Kanzlerkandidatin werde sie ja eher nicht werden. Wer dann? "Na, Maaßen." Ausgerechnet Hans-Georg Maaßen, der frühere Verfassungsschutzchef. Seit seinem Rauswurf arbeitet er zusammen mit der konservativen Parteigruppierung "WerteUnion" daran, eine Art alternativer Parteichef innerhalb der CDU zu werden.

Das ist nur eins der Probleme, mit denen Annegret Kramp-Karrenbauer zu kämpfen hat. Viele hat sie selbst verursacht. Maaßen habe eine Haltung, die ihn nicht mit der CDU verbinde, hatte AKK kürzlich gesagt und bewusst offengelassen, ob es denkbar sei, ihn deshalb aus der Partei auszuschließen. Der Werte-Union bescherte das einen kleinen Mitgliederboom und AKK den nächsten Shitstorm. Bei anderen Themen ging es ihr nicht besser. Unisex-Toiletten, Rezo, Görlitz. Sie kennt das inzwischen schon.

Vergangenen Donnerstag kommt Kramp-Karrenbauer direkt aus dem Irak. Ihre erste Reise als Verteidigungsministerin in ein Einsatzgebiet. Dem Publikum in Bernau übermittelt sie Grüße von den Soldatinnen und Soldaten, die in der Ferne Deutschland Ehre machten. Dann berichtet sie von einer jesidischen Frau, die neunmal verkauft und unzählige Male vergewaltigt worden sei. Was hat das mit Brandenburg zu tun? Sehr viel, sagt Kramp-Karrenbauer: Letztlich wollten die Menschen auch nur in Ruhe und Frieden leben, universale Wünsche seien das, "und deshalb war es wichtig, dass ich dort war".

Das ist das Feld, auf dem sich die Vorsitzende der CDU derzeit bewegt: zwischen Bernau und Bagdad, Maaßen und Merkel. Nächste Kanzlerin der Republik oder doch nur die nächste Landespolitikerin, die mit großen Ambitionen auszog, um halb so groß wieder herauszukommen aus der Bundespolitik?

Mit dem Amt der Verteidigungsministerin war auch die Hoffnung auf einen Neustart verbunden. Doch anstatt darüber zu reden, dass Kramp-Karrenbauer ihr erstes Versprechen eingelöst hatte – freies Bahnfahren für Soldaten –, redete die ganze Republik über ihren Zweikampf mit Maaßen. Und viele fragten: Wer berät die CDU-Vorsitzende eigentlich? Die Antwort lautet: zu viele, die verschiedene Dinge wollen. Und zu wenige, die wissen, wo es hingehen soll. Dass das Umfeld von Kramp-Karrenbauer wie die CDU in zwei Lager zerfällt, ist in Berlin ein offenes Geheimnis. Was aber auch nur ablenkt von der einen, viel gefährlicheren Frage, die ebenfalls immer öfter auch in der eigenen Partei gestellt wird: Kann sie selbst es?

Es ist eine Frage, die Angela Merkel zur Genüge kennt. Die ersten Jahre als Parteivorsitzende und Kanzlerin war diese Frage ihre engste Begleiterin. Daraus schließen nun manche, dass Kramp-Karrenbauer wie einst Merkel auf dem sicheren Weg ins Kanzleramt sei. Das ist ebenso irrig wie die Behauptung: "Merkel wäre so etwas nicht passiert!" Doch, Merkel ist durchaus eine ganze Menge passiert an Stolperern. Aber anders als Kramp-Karrenbauer hatte Merkel immer ein einiges Umfeld. Sie hatte reichlich Erfahrung in der Bundespolitik. Vor allem jedoch hatte sie keinen amtierenden Kanzler im Rücken, und schon gar keine Merkel.