"So etwas passt nicht ins Foyer" – Seite 1

DIE ZEIT: Frau Hoyos, Herr Schumacher, was haben Unternehmen davon, wenn sie Kunst sammeln?

Nathalie Hoyos: Kunst ist eine Chance, um sich als Unternehmen mit etwas anderem darzustellen als dem, wofür man es sonst kennt.

ZEIT: Dann dient eine Sammlung vorrangig dem Marketing?

Rainald Schumacher: Man muss schon unterscheiden. Wenn Eigentümer von Firmen sammeln, habe ich oft den Eindruck, sie tun dies auch für das interne Klima ihres Unternehmens. Sie sind überzeugt davon, dass Kunst gedanklich anregen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vielleicht auch für virulente gesellschaftliche Themen sensibilisieren kann.

Hoyos: Es geht auch anders. Da beschließt der Vorstand, dass ein großes Werk von einem bekannten Künstler in die Eingangshalle gehört. So zeigt man sich Neuem gegenüber aufgeschlossen und leistet sich zugleich einen großen Klunker.

Das Werk "Bosnian Girl" der Künstlerin Šejla Kamerić © Sejla Kameric/​Art Collection Telekom

ZEIT: Die Art Collection Telekom, die Sie beide seit zehn Jahren betreuen, unterscheidet sich auffallend von solchen Strategien. Sie versammelt junge, vielfach unbekannte Künstler aus dem osteuropäischen Raum. Es gibt Videos, kleine Zeichnungen oder Poster wie das provokante Plakat Bosnian Girl von Šejla Kamerić: Die Künstlerin schrieb 2003 auf ihr eigenes Porträt abfällige Zitate, die im Jugoslawienkrieg über bosnische Frauen kursierten. So etwas passt nicht in das Foyer eines Unternehmens.

Schumacher: Wir haben gemeinsam mit der Deutschen Telekom von Anfang an festgelegt, dass sich die Sammlung, die wir für sie aufbauen wollen, nicht vorrangig zur Dekoration von Büroräumen eignet. Sie ist auch weniger für repräsentative Zwecke gedacht, sondern ein Werkzeug zur Kommunikation, um sich über die Wirklichkeit auszutauschen und gleichzeitig mehr über jenen Teil Europas zu erfahren, der bis 1990 hinter dem Eisernen Vorhang lag.

ZEIT: Lehnt die Deutsche Telekom auch Vorschläge von Ihnen ab, weil der Inhalt der Kunst nicht passt?

Hoyos: Wir arbeiten bei der Deutschen Telekom mit einem kleinen, engagierten Team zusammen und einem Kunstkuratorium, das sich zweimal im Jahr trifft, über die wesentlichen Aktivitäten der Sammlung informiert wird und über zukünftige Projekte entscheidet. Wenn etwas angekauft werden soll, stehen dahinter keine konzernweiten Entscheidungsprozesse. Die Entscheidungen fallen schnell. Es wird aber auch nicht alles einfach durchgewunken. Anfangs hieß es zum Beispiel, Nacktes geht nicht. Nun hängt es vom Inhalt der Arbeit ab.

ZEIT: Reden wir über den Etat.

Hoyos: Es gibt keinen fixen Betrag. Er ändert sich, je nachdem, was wir zum Ankauf vorschlagen. Dennoch bleibt es eine bescheidene Summe, mit der man allerdings Künstlerinnen und Künstler in Polen, Rumänien oder Bulgarien wirklich fördern kann. Wir schauen dort ja nicht nach den großen, bekannten Namen, sondern versuchen Talente früh zu entdecken und über die Jahre mehrere Werke von ihnen zu erwerben. Unser erster Ankauf waren drei Videoarbeiten der polnischen Künstlerin Agnieszka Polska. 2017, also sieben Jahre später, hat sie den wichtigen Preis der Berliner Nationalgalerie für Künstler unter 40 Jahren bekommen.

ZEIT: Nun hatte die Telekom in den Achtzigerjahren auch einen Hang zu großen Namen und eine Sammlung mit Werken von Malern wie A. R. Penck oder Georg Baselitz begonnen. Was hat sich geändert?

Schumacher: Es gab wohl einen grundlegenden Wandel im Konzernverständnis. Da stellt sich die Frage, ob die teuren Werke von einzelnen Starkünstlern noch zu diesem Bild passen. "Erleben, was verbindet", diesen Anspruch der Deutschen Telekom kann zeitgenössische Kunst durchaus visualisieren. Wahrscheinlich wurden wir deshalb um ein neues Konzept gebeten.

"Niemand dort sagt: Lass uns die Ausstellung in Magenta tauchen"

ZEIT: Und dann kommen Sie mit Arbeiten, die nicht bloß weniger kosten, sondern auch oft bescheiden wirken und teils aus einfachsten Materialien bestehen. So wie Educational Model, eine Skulptur der tschechischen Künstlerin Eva Kot’átková, die aus gestapelten Bürotischen besteht. Oder Homo Bulla von der ukrainischen Künstlerin Maria Kulikovska , drei Seifenskulpturen, deren Entstehung auf die politische Situation auf der Krim zurückgeht. Beide Arbeiten stehen im Foyer der Deutschen Telekom in Bonn. Um solche Arbeiten zu verstehen, muss man einiges über die zeitgenössische Kunst wissen.

Schumacher: Es gibt wenige Werke in der Sammlung, die streng formal oder extrem abstrakt sind. Die meisten erzählen Geschichten und Geschichte. Deswegen legen wir viel Wert auf die Vermittlung. Inzwischen sind auch einige Arbeiten in der Bonner Konzernzentrale und der Berliner Hauptstadtrepräsentanz zu sehen. Dazu kann man sich eine App mit Texten zu den Kunstwerken herunterladen, um sich inhaltlich damit zu beschäftigen.

ZEIT: Geplant war eine Sammlung mit Kunst nach 1989. Inzwischen sind auch Pioniere der Sechziger- und Siebzigerjahre dabei, so die Künstlerin Geta Brătescu oder Vlado Martek.

Hoyos: Ursprünglich wollten wir uns auf eine jüngere Generation konzentrieren. Dann haben wir gemerkt, dass es in jeder Generation wichtige Künstler mit Vorbildcharakter gibt. Ein Lernprozess. Anfangs hatten wir ein sehr naives Bild von Osteuropa, dachten, alles dort sei postkommunistische Kunst. Dann wurde uns klar, wie extrem unterschiedlich die Entwicklung in den einzelnen Ländern vor und in den Neunzigerjahren war. Wir können aber nicht alles sammeln, die Art Collection Telekom ist kein Museum. Es lassen sich jedoch einzelne bedeutende Positionen als Ankerpunkte in die Sammlung aufnehmen – so wie von der 2018 mit 92 Jahren verstorbenen Künstlerin Geta Brătescu, von der wir Arbeiten gekauft haben, bevor sie international entdeckt wurde und die Preise enorm gestiegen sind.

ZEIT: Trotz ihrer Lücken zählt die Sammlung inzwischen zu den größten mit osteuropäischer Kunst…

Schumacher: … neben der Sammlung der Ersten Bank Österreich, die ihren Blick schon früher nach Osteuropa gerichtet, die Aktivitäten aber etwas eingeschränkt hat. Inzwischen gilt die Art Collection Telekom für Künstlerinnen und Künstler als wichtiger Ort, um ihre Werke innerhalb Europas gut zu platzieren.

ZEIT: Warum ist die Sammlung dann so selten in Deutschland zu sehen?

Hoyos: Die erste Ausstellung fand 2014 in der privaten Berliner Kunsthalle me Collectors Room statt, die jüngste im Frühjahr in der Kunsthalle Darmstadt. Wir unterstützen es sehr, wenn die Sammlung auch an jene Orte reist und dort Präsenz zeigt, wo die Kunst herkommt. Museen in Polen, Rumänien, Bulgarien und Kroatien haben sie bereits gezeigt.

Schumacher: Auch weil wir merken, dass die Institutionen dort kaum Arbeiten der eigenen Künstler ankaufen können. Diese Werke sind dort nicht zu sehen, deshalb wird auch nicht über die zeitgenössische Kunst diskutiert. Allerdings spüre ich bei den deutschen Museen durchaus Berührungsängste. Nicht vor dem Thema, sondern vor einer Firmensammlung. Dabei würden wir sie gern häufiger hier zeigen.

ZEIT: Liegt das an den Erwartungen der Telekom?

Hoyos: Das Unternehmen verhält sich sehr diskret. Niemand dort sagt: Lass uns die Ausstellung in Magenta tauchen. Es geht vorrangig um die Kunst, ihre Inhalte stehen im Vordergrund. Und wenn dann einer beim zweiten oder dritten Hinschauen denkt: Wow! Das ist die Sammlung der Deutschen Telekom, dann stimmt das Verhältnis.