Der Mann, der 1974 in Frankfurt auftaucht, ist ein Phantom. Es gibt keine Fotos von ihm. Auch keine überlieferten Anekdoten. Nur einen Namen: Gerard Maxwell van Brynke, ein US-Amerikaner. Mit einer Truppe von 30 jungen Männern verkauft er den Deutschen aus einer noblen Bürosuite am Westend ein neuartiges Produkt: "Spezial-Doppeloptionen". Zwei Jahre später, 1976, verschwindet van Brynke spurlos.

Die Männer aus seiner Truppe aber bleiben und bauen nun ihre eigenen Organisationen, mit denen sie ihre bösartigen Produkte vertreiben. Vereinfacht gesagt, verkaufen sie den Deutschen das Recht, eine Tonne Kakao oder Weizen in drei Monaten zum Preis von heute zu erwerben. Es ist eine Wette: Steigt der Preis, ist das für den Käufer ein gutes Geschäft, weil er nur den Preis von heute bezahlen muss. Fällt der Preis, ist die Option dagegen wertlos, weil in Zukunft niemand mehr bezahlen möchte, als das Produkt dann auf dem Markt kostet.

Brynke und seine Schüler bringen es dabei fertig, die Wette so zu gestalten, dass die Käufer nur verlieren können. Selbst wenn die Kakaopreise steigen, sind die Gebühren, die ihnen die Optionsverkäufer abknüpfen, höher als der Handelsgewinn.

Warum Tausende von Deutschen ein solches Geschäft abschlossen, obwohl sie nichts gewinnen, aber alles verlieren konnten? Weil es so komplex war. Die Anleger verstanden gar nicht, was sie da eigentlich kauften. Die Optionsverkäufer konnten ihnen alles Mögliche versprechen. Doch nicht nur die Anleger waren überfordert. Auch die Justiz. Der Handel mit Warenterminoptionen war in Deutschland weder durch Gesetze noch durch Verordnungen geregelt. Es war sogar umstritten, ob es sich überhaupt um Börsengeschäfte handelte. Es vergingen Jahre, bis die ersten Urteile wegen Betrugs und "wucherischer Verleitung zu Börsengeschäften" ergingen. Ihre Beute hatten viele Betrüger da längst versteckt.

Seit den 1970er-Jahren, als van Brynke und seine Schüler ihr Unwesen in Deutschland trieben, hat sich die Komplexität in der Finanzindustrie vervielfacht. Heute hat sie ein Ausmaß erreicht, mit dem eigentlich alle überfordert sind: Politiker, Manager, Wissenschaftler, Journalisten, Aufsichtsbehörden, Richter und Staatsanwälte. Das kaum noch zu beherrschende Kuddelmuddel gilt als eine der Hauptursachen der Weltfinanzkrise von 2008. Und es ist, wie schon damals, ein Einfallstor für Finanzjongleure im Graubereich der Legalität.

Kommende Woche beginnt am Landgericht Bonn ein Prozess, der das auf eindrucksvolle Art belegen wird. Es geht um Cum-Ex, den größten und kompliziertesten Steuerraub aller Zeiten. Zum ersten Mal werden sich zwei Angeklagte wegen solcher Fälle vor Gericht verantworten müssen, Martin S. und Nickolas D., zwei ehemalige Aktienhändler der HypoVereinsbank. Ihre Geschäfte sollen den Staat um 447 Millionen Euro erleichtert haben.

Schon das ist eine gewaltige Summe. Aber es geht um mehr. Insgesamt liegt der durch Cum-Ex verursachte Schaden in Deutschland laut Schätzungen der Grünen und des Steuerprofessors Christoph Spengel von der Universität Mannheim bei mindestens zehn Milliarden Euro. Viele große Banken haben mitgemacht. Hunderte von Beschuldigten könnten vor Gericht kommen. In Bonn wird der Musterprozess geführt um die Frage, wer diese Schlacht gewinnt: der Staat oder die Steuerräuber?

Zu klären ist, ob ein offenkundig das Gemeinwohl schädigendes Verhalten auch illegal war. Oder ob die Trickser durch eine Gesetzeslücke geschlüpft sind, die sie selbst geschickt mit aufgestemmt haben. Auf dem Spiel steht damit auch das Vertrauen in die Wehrhaftigkeit des Staates. Sollten die Cum-Ex-Jongleure als freie Männer (ja, es waren fast ausschließlich Männer) aus dem Gerichtssaal gehen, hätte der Staat erneut vor ihrer Strategie der Komplexitätsproduktion kapituliert. "Too big to fail", hieß es in der Finanzkrise, als man große Banken nicht pleitegehen lassen wollte. "Too complex to judge" müsste man dann wohl über Cum-Ex sagen. Zu komplex, um Urteile zu fällen.