Es ist eine herausragende Idee, Horst Krügers Buch Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland aus dem Jahr 1966 neu herauszugeben. Es war über viele Jahre nur noch antiquarisch erhältlich und ist heute längst vergessen, obwohl der Schriftsteller und Journalist zu den prägenden Stimmen der Bundesrepublik zählte und diese Lebenserinnerungen zu den berührendsten Büchern gehört, die das Genre zu bieten hat. Man muss nur die ersten Sätze lesen, um die schwerelose Kunst dieses Autors zu begreifen: "Berlin ist ein endloses Häusermeer, in dem ein Strom von Flugzeugen dauernd ertrinkt. Es ist eine große Steinwüste, die mich wieder erregt, wenn ich ihr entgegenschwebe: Magdeburg, Dessau, Brandenburg, Potsdam, Zoo." Der Erzähler reist in den Sechzigerjahren aus dem Westen in die Frontstadt. Es ist die Zeit entschiedener Modernisierungen, optimistisch wird West-Berlin zur autogerechten Stadt mit neuen "raffinierten Avus-Verteilern" und "verwegenen Fernsehtürmen" gestaltet. Krüger fährt vor die Baulücke, in der einst sein Elternaus in Berlin-Westend gestanden hatte. Es ist ausgebombt worden, die Linden stehen noch da. In die Lücke, die der Krieg geschaffen hat, tritt der Erzähler und entfaltet in einer selten gelesenen Mischung aus privaten Erinnerungen, allgemeiner Mentalitäts- und Sozialgeschichte seine Jugend im Nationalsozialismus.

Die Siedlung Eichkamp, in der Krüger aufwächst, war nach dem Ersten Weltkrieg für Kleinbürger im Berliner Westen errichtet worden, um die Wohnungsnot zu lindern. In den kleinen Doppel- und Reihenhäusern, dort, wo die Stadt ausfranst, grenzt man sich gegen das "Pack", das Arbeitermilieu, ab. Von den Honoratioren sondert man sich wiederum aus Ehrfurcht ab. Es sind die feinsten Unterschiede einer fast noch ständisch geschichteten Gesellschaft, die den Alltag prägen. Der Vater ist Beamter im preußischen Kultusministerium, die Mutter eine auf extravagante Weise kränkelnde Hausfrau und Katholikin. Gegen die Onanie legt man dem Sohn wortlos eine religiöse Schrift auf den Nachttisch, die vor Rückenmarksleiden warnt. Gegen die Juden hat man nichts, die sind ja im Viertel nicht so arm wie am Alexanderplatz, sondern ebenfalls Kleinbürger. Am Sonntag wird sich fein gemacht und über dem Braten klaustrophobisch geschwiegen. Krüger berichtet von einer Welt ferner Gefühlskälte und bieder-ordentlichem Fleiß, von einer "trockenen Bürokratie des Daseins". Er sei, resümiert er, "ein typischer Sohn jener harmlosen Deutschen, die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis doch niemals ihr Werk hätten tun können".

Ein unbestimmtes Gefühl von Größe und Weihe

Krüger ist 13 Jahre alt, als Hitler an die Macht kommt. Die familiäre Anpassung an das neue Regime erfolgt im Sturm, aber nicht durch ideologische Lehrsätze, denen man sich anschließt, sondern durch unbestimmte Gefühle der Größe, der Feierlichkeit und Weihe, die sich über Stadt und Land legen. Man ist auf einmal wer, und das selbst im beschaulichen, fast dörflichen Eichkamp. Nichts Altbackenes und Konservatives, wie das heute so geschichtsvergessen gedacht wird, dringt in das Viertel, eher im Gegenteil, etwas Neues und Unerhörtes, etwas Modernes und Großes: Es ist "ein Frühlingssturm, ein Sturm der deutschen Verjüngung". Und da immer und zu allen Zeiten alle mileugerecht sagen und tun, was halt alle so sagen und tun, kauft die Mutter dem Sohn eben ein Hakenkreuzfähnchen für das Fahrrad in einem Warenhaus, das noch in jüdischem Besitz ist: "Alle Jungens hier in Eichkamp haben jetzt an ihren Rädern solche hübschen Wimpel."

Ein Nazi wird der junge Mann nicht, er wird – zu bescheiden, um sich später so zu nennen – ein Widerstandskämpfer. Es ist eine fast beiläufig, völlig uneitel erzählte Episode: Krüger freundet sich mit einem verwilderten, anarcho-linken Schuljungen namens Wanja (eigentlich Lothar Killmer) an, der einem illegalen, sozialistischen Kreis angehört. Er übernimmt Kurierdienste und verteilt Flugblätter, und dass er dies für die Gruppe tut, überrascht ihn selbst am meisten, obgleich er das Nazi-Reich verachtet: "Ich habe sie niemals gesucht, ich habe sie niemals gefragt, ich bin niemals ein Held gewesen, ich rutschte so rein."

Man rutscht so rein, in ein Milieu, in einen Kreis, in eine Gesellschaft. Die Melancholie in den Werken von Krüger speist sich aus der Begrenztheit der Optionen, die man im Leben hat. Nicht, dass man nicht verantwortlich wäre, aber die Fluchtwege im Laufe der Jahre sind rar. Krüger landet, wie seine Mitverschwörer, im Knast. Nach wenigen Monaten wird er aus der Gestapo-Haft in Moabit auf Bewährung entlassen, weil der Sohn aus so "anständigem" Hause "vielleicht noch für den völkischen Staat zu retten" ist. Er studiert in Freiburg bei Martin Heidegger Philosophie und wird schließlich zur Wehrmacht eingezogen. Wanja und die meisten anderen Mitverschwörer bleiben hingegen bis zum Kriegsende im Gefängnis. Krüger – er ist in der Wehrmacht Fallschirmspringer, ein Gefreiter in Frankreich – wird auch noch vor Gericht gebracht, allerdings als Zeuge, gezwungen, gegen seine Freunde auszusagen, die "so klein und weiß und stumm" geworden sind. Ihre "Köpfe sind geschrumpft und heben sich aus der Ferne wie weiße Mäuse blaß vor grünem Hintergrund ab".

Zu einem Glanzpunkt des Buches zählt ein Wiedersehen mit seinem alten Freund über 20 Jahre später in Ost-Berlin. Wanja hatte Karriere beim Neuen Deutschland gemacht, arbeitete als Korrespondent in Kairo. Ein himmelschreiend distanziertes, winterliches Treffen wird geschildert. Der Freund hatte sich ganz dem Neusprech des real existierenden Sozialismus verschrieben, war nun sehr ordentlich gekämmt, ein Aparatschik, dem nach der Haft die Ideologie zum orientierungsgebenden Glaubenskorsett geworden ist. Die Gefühle sind verkapselt, man kommt nicht mehr an sie heran. Es gab ihn ja tatsächlich, den Neuen Menschen des Sozialismus, der nur frei werden konnte, indem er der Freiheit entsagte. Horst Krüger erzählt all dies bewundernswert souverän mit Vor- und Rückgriffen in der Zeit. Die Ostberliner Episode wird der Schilderung der Haft vorgezogen, es entsteht ein Panorama der erinnerten Zeit, keine – dem Bewusstsein ja immer fremde – lineare Entfaltung des Geschehenen. Der Blickwinkel, von dem aus erzählt wird, ist folgerichtig unstet. Die Welt wird aus Kinderaugen betrachtet, dann wieder mit dem Wissen des erwachsenen Erzählers der Nachkriegszeit eingeordnet und analysiert. Das Ausgesparte ist in dieser Erzählkunst markant, der Tod der Eltern 1945 bleibt eine Leerstelle, die Aussagen vor Gericht auch. Aber vor allem verweigert der Autor dem Leser jede moralische Lehre, die sich aus dem Geschehenen ableiten ließe.

Das Buch endet mit den Auschwitz-Prozessen, die Krüger auf Vermittlung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer besucht. Sie gelten knapp 20 Jahre nach Kriegsende den meisten als hoffnungslos deplatziert: "ein Roman des Schreckens, der in der Öffentlichkeit Langeweile auslöst: KZ-Greuel – wer kann das noch hören, wen soll das noch interessieren? Wir wissen doch alles." Es bleibt unbegreiflich, wie im Wirtschaftswunderland die Vergangenheit abgespalten wurde, als wäre sie nur ein ferner Traum. Alle sind unendlich tüchtig, Frankfurter "Banken und und Kaufhäuser, Schaufenster und Autos strahlen hier den kalten, schönen Glanz von Industrieprodukten aus".

Ein "Ich", gerade beim Schreiben journalistischer Texte, muss man sich leisten können. Es wirkt im Deutschen, wenn man nichts Welthaltiges zu erzählen hat, wichtigtuerisch und unbeholfen. Krüger hat fast nur Ich-Texte geschrieben, Reisereportagen und Feuilletons, auch jahrelang für die ZEIT. Diese Buchveröffentlichung, versehen mit einem lesenswerten Nachwort von Martin Mosebach, kann nur der Anfang einer Wiederentdeckung sein. Die meisten Bücher Krügers – sie handeln oft von Reisen in den Osten des Kontinents – sind nicht mehr erhältlich. Das ist ein bisschen verrückt. So viele Helden, seien sie noch so gebrochen, hat das Land ja nicht.

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus
Schöffling & Co., Frankfurt 2019; 216 Seiten, 22,– €