Im Sommer 1984 steckt der beste Fußballer der Welt in einer beruflichen Sackgasse. Diego Armando Maradona ist 23. Zwei Jahre zuvor ist er als teuerster Spieler überhaupt vom argentinischen Verein Boca Juniors zum FC Barcelona gekommen. Eigentlich sollte damit die Weltkarriere beginnen. Mit sagenhaftem Talent gesegnet, führt Maradona den Ball untrennbar am Fuß, selbst wenn er mit hoher Geschwindigkeit dribbelt. Er kann mit dem Ball tanzen. Doch nachts feiert er exzessive Partys, und tagsüber legt er sich mit seinen Gegenspielern, den gegnerischen Fans und, schlimmer noch, den Verantwortlichen des FC Barcelona an. Also muss er Katalonien verlassen. Er ist pleite, und kein anderer Verein will ihn haben. Außer der SSC Neapel.

In Neapel beginnt auch der neue Dokumentarfilm Diego Maradona des britischen Regisseurs Asif Kapadia, der schon für die Dokumentation Amy über die Sängerin Amy Winehouse mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Anhand von Interviews mit Spielern und Weggefährten sowie nie zuvor veröffentlichtem Archivmaterial (damit wirbt der Film stolz) will Kapadia erzählen, wie einer der größten Fußballer aller Zeiten am Prominentenkult zugrunde ging.

Maradona kommt aus der Gosse. Er wächst in einem Viertel von Buenos Aires auf, in dem es weder asphaltierte Straßen noch sauberes Wasser gibt. Als junger Fußballstar kommt er nach Neapel – in den Achtzigerjahren die Gosse Italiens. Hier kann er sein Potenzial endlich richtig entfalten. Der Hohn, der der neapolitanischen Mannschaft von den Vereinen aus dem feinen Norden entgegenschlägt, ist Benzin für den kurzbeinigen Spieler aus dem argentinischen Armenviertel. Er gewinnt mit Neapel die zwei einzigen Meistertitel der Vereinsgeschichte, dazu den Uefa-Pokal und die Torjägerkrone. Er wird eine Ikone der Verhöhnten. Nebenbei gewinnt er 1986 mit Argentinien die Weltmeisterschaft – und schießt die zwei legendärsten Tore der Fußballgeschichte: Im Viertelfinale gegen England, einem nach dem vier Jahre zuvor beendeten Falkland-Krieg hochpolitischen Spiel, betrügt Maradona binnen vier Minuten die Briten erst mit seinem Handtor (die "Hand Gottes" habe es mit erzielt, verkündet er nachher) und demütigt sie dann, als er mit einem Sololauf an fünf Gegenspielern vorbeidribbelt und zum 2 : 1 Endstand trifft. Er ist ein Trickser und ein Genie zugleich.

In seiner Rekonstruktion des Maradona-Märchens interessiert sich Kapadia für fußballerisches Talent aber nur am Rande. Viel detailreicher zeigt er, wie der Spieler unter seinem Ruhm leidet: Der Film ist zusammengesetzt aus vielen Archivszenen, die Maradona umringt von hysterischen Fans und Reportern zeigen. Kapadia grub auch Material von Kameraleuten aus, die Maradona in Neapel überallhin begleiteten, sogar ins Badezimmer und in den Operationssaal. Wo der Spieler auch unterwegs war, wurde er von Massen bedrängt, angefasst und geküsst. Sein damaliger Trainer Fernando Signorini erzählt, nach einer Blutuntersuchung habe der Krankenpfleger Maradonas Blut genommen und es in die Kathedrale von Neapel gebracht, zu San Gennaro, dem Schutzpatron der Stadt. Eine Szene zeigt, wie Maradona nachts auf einen Marktplatz in Neapel fährt, der sich, eben noch leer, innerhalb weniger Minuten mit Menschenmassen füllt. In einer anderen Szene steht er im Badezimmer und betrachtet sich im Spiegel, er macht den Eindruck, als sei er high.

Für den Zuschauer sind solche Einblicke faszinierend, gerade heute, wo Prominente sich immer mehr abschotten und kaum noch Interviews zulassen, die länger als 20 Minuten dauern und nicht von strengen PR-Mannschaften überwacht werden. Gleichzeitig befeuert der Film mit dem regelrecht pornografischen Material aus dem Leben Maradonas genau die Prominentengier der Medien und des Publikums, die er eigentlich kritisieren wollte. Wenn man die polizeilichen Telefonmitschnitte von Maradonas Prostituiertenbestellungen hört oder ein Fernsehinterview sieht, das seine Ex-Liebhaberin im Krankenhaus gibt, die verkündet, gerade seinen unehelichen Sohn geboren zu haben, dann wundert es nicht mehr, dass sich Fußballer (und Stars überhaupt) heute von hohen Hecken und Beraterschwärmen abschirmen lassen und in Interviews nur noch leere Sätze sagen. Die skrupellose Öffentlichkeit, das zeigt der Film (wenn auch unfreiwillig), hat nicht nur Maradona zerstört, sondern auch den Prominentenjournalismus.

Zwischendurch gelingt Kapadia in seinem Film sogar, was jener Promi-Journalismus immer nur vorgab herzustellen: ein einfühlsames Porträt des Menschen hinter dem Star, des Diego hinter dem Maradona. In einer Szene fragt ein Journalist, was sich der Fußballspieler von seinem gerade vollzogenen Wechsel vom FC Barcelona zum SSC Neapel erhoffe. Maradona antwortet: "Ruhe, die ich in Barcelona nie hatte, und Respekt." Ruhe und Respekt? Maradona sollte vieles in Italien vorfinden: Vergötterung, Klaustrophobie und Rausch – ein bewegtes Leben, aber weit entfernt von seinem bescheidenen Wunsch. Als er zu seiner Vorstellung im neapolitanischen Stadion San Paolo antritt, sieht man ihn einmal am Fuß der Treppe stehen, die von den Katakomben aufs Spielfeld führt, von oben hört man die bedrohlich klingenden "Diego, Diego"-Fangesänge. Plötzlich kann man für den Bruchteil einer Sekunde die Angst in seinen Augen erahnen. Er zögert. Dann läuft er hoch.

In diesem Moment, so scheint es, ahnt er schon, dass der Fußballhimmel auch eine Hölle sein kann.