Die Frage, ob und in welchen Fällen schwerster Menschenrechtsverletzungen man in die inneren Angelegenheiten eines formal souveränen Staates eingreifen kann, spaltet heute die internationale Gemeinschaft. In jüngerer Zeit entflammten entsprechende Kontroversen anlässlich der Bürgerkriege in Libyen und Syrien. Vor einem Vierteljahrhundert griffen die Vereinten Nationen nicht in den Völkermord in Ruanda ein, der binnen weniger Wochen mehr als 800.000 Menschen das Leben kostete. Der damalige Befehlshaber der UN-Blauhelme vor Ort forderte von seinen Vorgesetzten in New York vergeblich Verstärkung. Frankreichs Präsident François Mitterrand bemerkte seinerzeit zynisch, "in Ländern wie diesen ist ein Genozid nicht so bedeutsam".

Das gegenwärtige Dilemma zwischen uneingeschränkter Achtung der staatlichen Souveränität und dem Schutz universeller Humanität sei allerdings keineswegs neu, schreibt Fabian Klose in seiner vom deutschen Historikerverband preisgekrönten Studie. Bereits während des "langen 19. Jahrhunderts" gehörte diese Ambivalenz zu den zentralen Aspekten internationaler Politik. Der Autor zeigt detailliert, dass in dieser Periode "die Idee des militärischen Schutzes humanitärer Normen an verschiedenen Schauplätzen in Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika entstand, sich im kolonialen wie imperialen Kontext verfestigte und schließlich Eingang in zentrale Völkerrechtstexte fand". Besonders wichtig war hierbei das Ringen um die Beendigung des transatlantischen Sklavenhandels und später der Kampf gegen die Sklaverei in Afrika. Daneben behandelt Klose auch die Militärinterventionen der europäischen Großmächte zum Schutz christlicher Minderheiten im Osmanischen Reich, das Eingreifen der Vereinigten Staaten in den kubanischen Unabhängigkeitskrieg sowie die damit verknüpften völkerrechtlichen Debatten.

Seine Darstellung ist äußerst profund und fußnotengesättigt, freilich nicht immer eingängig geschrieben und gelegentlich redundant. Minutiös wird der von Großbritannien forcierte Weg zu einem internationalen Vertragsregime nachgezeichnet, das die Abschaffung des Handels mit menschlicher Ware regeln sollte. Hier bewegt sich Klose aber in einem besonders dichten Forschungsfeld, in dem zwar nur wenige deutsche Autoren agieren, das jedoch international seit geraumer Zeit intensiv beackert wird; daher neigt er gelegentlich dazu, Eulen nach Athen zu tragen. Dass humanitäre Überlegungen stets einhergingen mit ökonomischen und geostrategischen Interessen zum Beispiel, ist ein alter Hut. Wenig Beachtung schenkt der Autor hingegen der Tatsache, dass die Politik gegen Sklavenhandel und Sklaverei eine wichtige Rolle dabei spielte, "freie Lohnarbeit" in der nordatlantischen kapitalistischen Ökonomie ideologisch als Normalfall zu privilegieren. Dennoch hat Kloses Buch – auch wenn er selbst sich dort gar nicht einordnet – für eine universalgeschichtliche Perspektive mehr zu bieten als andere, die unter dieser Flagge segeln möchten.

Fabian Klose: In the Cause of Humanity. Vandenhoek & Ruprecht; München 2019; 512 S., 70,– €