Mein Freund K. ist einige Jahre älter als ich und, das tut in diesem Fall ein bisschen was zur Sache, schwul und Single. Vor ein paar Monaten hat er mir, am späten Abend meiner Hochzeit, eine Prophezeiung gemacht. Es werde mit mir nun bald gehen wie mit all den anderen Heterosexuellen aus seinem Freundeskreis, das ewig selbe Muster: Heirat, Kinder kriegen, dicker werden, aus der Stadtmitte an den Stadtrand, irgendwann aufs Land ziehen. Mit mir werde also schon bald nicht mehr viel los sein. Prost!

Seine Prophezeiung war insofern nicht besonders prophetisch, als ich an dem betreffenden Abend schon längst Vater war und auch dicker. Und was den Rest betraf, dachte ich, täuschte sich K: So schnell würde das nämlich nicht gehen mit uns und diesem berühmten Reihenhäuschen "draußen"! Wo man den einmal und nie wieder zu Besuch erscheinenden Freunden dann fiebrig erklären würde, dass man wegen der S-Bahn trotzdem "echt schnell" in der Stadtmitte sei und die Ruhe hier draußen ehrlich eine Wohltat, der Italiener zehn Minuten von hier ganz anständig, man könne im angrenzenden Wald auch super laufen gehen, und hier unten übrigens, Licht an, sei der "Hobbykeller".

Nicht mit mir, dachte ich.

Seit Kurzem aber kriege ich jeden Morgen einen Stoß E-Mails von Wohnungssuchportalen. "Schmuckes Häuschen in attraktiver Lage" steht da im Betreff, oder "Familientaugliches Haus im Grünen". Jedes Mal wenn diese Mails aufploppen, sehe ich mich einen Rasenmäher aus einem Schuppen holen und kriege große Angst. Nur wenige Monate nach der Hochzeit erwägen wir nun doch ernsthaft, in die Vorstadt zu ziehen. Wie konnte das passieren?

Es war so eine Art Dreifachschlag. Da kam, als Erstes, ein kleines Erbe, groß genug immerhin, um theoretisch mal über die Anzahlung für einen Immobilienkredit nachdenken zu dürfen. Man könnte, überlegt man plötzlich, sich theoretisch ja mal umsehen – nicht mehr mieten, sondern abbezahlen? Vielleicht vernünftig? Altersvorsorge! Schweißausbruch.

Als Nächstes kam der Sommer, und mit ihm zog gleich eine ganze Horde Besoffener in unser Schlafzimmer ein, beziehungsweise auf die Balkone des Nachbarhauses, mit denen sich unser Schlafzimmer den Hof teilt. Die Balkone gehören neuerdings zu runtergerockten, spottbilligen Ferienwohnungen in Partymeilennähe, da mietet man sich als irische Rugbymannschaft oder hessischer Junggesellenabschied sehr gern ein, und wir erfahren dann vom Bett aus, dass Freddy, guter Mann, die Boombox mitgebracht hat, und schau an, um 4 Uhr früh ist Gzuz für ihn immer noch gut zum Runterkommen, während Tommy, *rofl*, gerade ins Wohnzimmer kotzt.

Ganz ehrlich, wir müssen umziehen.

Der letzte Schlag kam dann, als ich aus den ersten beiden Gründen lustlos den Immobilienscout aufmachte und mir anschaute, was in unserer Nähe so feilgeboten wird. Das ist entweder der "Altbautraum", der sich leicht und leider auch korrekter liest als "Albtraumbau", also Erdgeschoss an der Hauptverkehrsader, zwei der drei Zimmer sind besonders gut, die haben sogar Fenster, und das Kleinod kostet auch nur eine knappe Million. Oder "Penthouse-Wohnung mit Sauna und Dachterrasse", vier Zimmer, 180 Quadratmeter, Kamin, zweieinhalb Millionen, ja aber sofort nehmen wir die, klar, bloß – wie?

Also doch nicht kaufen, was anderes in der Nähe mieten? In den letzten Jahren haben die Preise hier freilich so angezogen, dass man nach dem Zahlen der Miete kein Restaurant oder Theater mehr besuchen kann, geschweige denn mal einen Drink nehmen, aber wegen solcher Sachen wohnt man ja auch nicht im Stadtzentrum, oder, Moment, ja, doch, eigentlich genau wegen solcher Sachen, wäre also irgendwie auch doof.

Es scheint, wir, die wir als Junggesellen, Nicht-Eltern, Noch-Nicht-Ältergewordene in unsere Wohnungen gezogen waren, haben zu lange gemeint, dass Geld im Leben anständiger Leute keine Rolle spielen dürfe und dass Berlin sowieso immer billig bleiben werde. Trottel.

Und so führt offenbar nichts vorbei am Weg raus aus der Stadt. In die Peripherie, wo alles nicht mehr so wichtig ist. Oder aber – ey, sooo schlecht ist die Bude ja doch gar nicht, und bis 2089 ist das Ding abbezahlt – doch der Altbautraum?

(Immobilienangebote immer gern an alardvonkittlitz@gmail.com)