Es war der Oktober 1993. Deutschland erlebte einen harten Wirtschaftsabschwung. Und Ferdinand Piëch gab der ZEIT in Stuttgart eines seiner ersten Interviews als VW-Konzernchef. Zu Beginn des Jahres war er, von Audi kommend, zum Vorstandschef von Volkswagen befördert worden – als Sanierer. Dem Konzern, zu dem schon damals neben VW auch Audi, Škoda und Seat gehörten, ging es schlecht, er verkaufte immer weniger Autos. Im Interview sagte Piëch zur ZEIT: "Ich habe den Tanker Volkswagen, damals mit Volldampf auf Packeis zulaufend, um 180 Grad wenden müssen."

Bei dieser Wende und auch in den Jahren danach kannte Piëch bei Volkswagen keine Gnade. Dutzende Manager hat er entlassen. Einer berichtete der ZEIT später, dass er in seinem Hotelzimmer einmal Abhörwanzen gefunden habe. Zudem habe Piëch über jeden wichtigen Entscheider Mappen anlegen lassen, "die er, wenn nötig, hervorholen konnte". Sitzungen unter Piëchs Leitung erinnern viele Teilnehmer vor allem als eisig, sobald der 1937 in Wien geborene Piëch mit sanfter Stimme und leichtem salzburgerischem Akzent zum Reden ansetzte. "Er war in all den Jahren furchtbar misstrauisch und damit auch einsam", sagt einer, der ihn lange Jahre aus der Nähe erlebt hat. Piëch schreckte vor keiner Maßnahme zurück, die Volkswagen erfolgreicher machte. Seine Methoden machten den Patriarchen zu einem gefürchteten Mann, aber auch zu einem der bedeutendsten Unternehmenslenker der vergangenen Jahrzehnte. Ohne Ferdinand Piëch wäre Volkswagen nicht das, was der Konzern heute ist: der größte Automobilbauer der Welt.

Mit jedem Jahr wurde Piëch mächtiger. Skandale perlten einfach an ihm ab

Piëchs starke Stellung gründete auch darin, dass er gleich die bei VW extrem mächtige IG Metall auf seine Seite zog: Im Jahr 1993 standen 20.000 Arbeitsplätze bei VW auf dem Spiel. Statt Leute zu entlassen, handelte der von ihm eingestellte Personalvorstand Peter Hartz mit der IG Metall und dem Betriebsrat eine Vier-Tage-Woche mit 28,8-Wochenstunden aus, die für alle Mitarbeiter galt. Das sicherte die Arbeitsplätze und die Zukunft des Unternehmens.

Auf die Konkurrenz nahm er weniger Rücksicht. So warb er ebenfalls 1993 den als Kostenkiller berüchtigten José Ignacio López von der Opel-Mutter General Motors (GM) ab. Der Baske erlangte bald den Spitznamen "Würger von Wolfsburg", weil er die Zulieferer zu massiven Preisnachlässen zwang.

Piëch selbst war aber nie in erster Linie ein renditegetriebener Controller. Er war zeitlebens Ingenieur – und so war es auch eine technische Idee, mit der er Volkswagens Wachstum ermöglichte: Der VW Golf, der Škoda Octavia und der Audi 80 bekamen eine gemeinsame Bodengruppe und gleiche technische Komponenten wie Motoren und Getriebe. Die unterschiedlichen Marken basierten damit auf einer sogenannten gemeinsamen Plattform, was gegenüber vorher enorme Kosten bei der Entwicklung und in der Produktion einsparte.

Mit jedem verkauften Auto wuchs die Macht des Chefs. Skandale konnten daran nichts ändern, López zum Beispiel hatte interne Unterlagen der Marke Opel von seinem alten Arbeitgeber mitgebracht. Das war illegal, GM verklagte VW auf Schadensersatz. Es kam zu einem Vergleich, der VW viel Geld kostete. López musste VW 1996 verlassen. Piëch blieb – und wechselte im Jahr 2002 direkt aus dem Vorstand auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden, wo er den nächsten Skandal überlebte, von dem der Allmächtige aber wieder nichts gewusst haben wollte.

Jahrelang hat Volkswagen Betriebsräte mit Lustreisen und Boni gütig gestimmt. Die prominentesten Protagonisten der Affäre waren der frühere Betriebsratschef Klaus Volkert und Personalchef Peter Hartz. Hartz wurde wegen Begünstigung von Betriebsräten zu eine Bewährungsstrafe verurteilt. Volkert musste sogar wegen Untreue ins Gefängnis.

Piëch machte unbeirrt weiter. Nach bewährter Manier mussten selbstbewusste Manager gehen, darunter der von ihm selbst berufene Nachfolger an der VW-Spitze, Ex-BMW-Chef Bernd Pischetsrieder. Die enge Kooperation mit den Arbeitnehmervertretern blieb bestehen. "Mit dem Betriebsrat unter dem neuen Chef Bernd Osterloh hatte er eine Art Nibelungenpakt ausgehandelt", sagt ein Weggefährte. Man hielt auch in schwierigen Zeiten zusammen.

Piëch setzte seinen langjährigen Weggefährten Martin Winterkorn als neuen VW-Konzernchef durch. Der Physiker hatte ihm in Ingolstadt und später in Wolfsburg als Chefentwickler gedient und schließlich als Audi-Chef. Die beiden galten als kongeniales Duo, auch weil die Rollen klar verteilt waren. Selbst als VW-Vorstandsvorsitzender nannte Winterkorn Piëch stets "den Chef".