Wenn die politischen Vorschläge, die ein Land diskutiert, etwas darüber aussagen, was die Menschen bewegt, dann muss man annehmen: Die Deutschen verzweifeln gerade an der Marktwirtschaft. Das Geld, es macht einfach nicht, was es soll. Entweder es vermehrt sich nicht mehr (die Zinsen), oder es wird zu viel davon verlangt (die Mieten) oder beides. Arbeitsplätze waren die soziale Frage der 2000er-Jahre, die soziale Frage des aktuellen Jahrzehnts sind Mieten und Zinsen. Und die Vorschläge von links wie rechts zu diesen Themen prasseln nur so herunter.

Das ist eine scheinbar schöne Abwechslung zur jahrelangen wirtschaftspolitischen Ideen-Dürre. Und Ideen sind nötig, denn die Entwicklung der Mieten und Zinsen bekümmert sogar Ökonomen. Fatal ist allerdings, dass die Vorschläge furchtbar schlicht geraten sind. Die bekanntesten stammen vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und von der rot-rot-grünen Landesregierung in Berlin. Söder will Negativzinsen auf Sparkonten verbieten, also den Banken untersagen, vom Spargeld ihrer Kunden regelmäßig etwas abzuziehen, statt etwas dazuzutun; einige Banken machen das schon. Berlin hat gegen steigende Mieten den Mietendeckel erfunden.

Preise staatlich festzulegen ist fast immer eine schlechte Idee

Die beiden Vorschläge gleichen einander. Sie sind verzweifelte Versuche, einem wirtschaftlichen Problem Herr zu werden. Das Mittel ist eine willkürliche Preisgrenze, das Motto lautet: Deckel drauf. Und das einzig Gute, was man über diese Vorschläge sagen kann, ist, dass sie so eingängig sind, dass man damit sicher glänzend Wahlkampf machen kann.

Dabei ist nicht nur fraglich, ob sie wirken. Sie können, falls sie wirken, sogar gefährlich sein. Denn beide bekämpfen nicht die Ursache, sondern manipulieren am Symptom: am Preis. Preise staatlich festzulegen ist aber eine schlechte Idee. Preise sind Signale, die anzeigen, wo etwas knapp ist (Wohnungen) oder im Überfluss vorhanden (Geld). Sie zu regulieren ändert nichts an der Knappheit oder dem Überfluss. Es hat aber fast immer üble Nebenwirkungen.

Zum Beispiel das Negativzins-Verbot, eine Art Zinsdeckel von unten. Es führt entweder dazu, dass die Banken sich das Geld auf andere Art vom Kunden holen. Die Gebühren steigen, nichts ist gewonnen. Oder es kommt schlimmer: Die Banken geraten in Bedrängnis. Denn sie müssen zwar weiterhin Negativzinsen zahlen an die Notenbank, dürfen selbst aber keine Negativzinsen von ihren Kunden verlangen. Das könnte angesichts der miserablen Ertragslage deutscher Geldhäuser schneller zu Rufen nach Staatshilfe führen, als Markus Söder das Wort "Strafzins" aussprechen kann. Und das will keiner.

Zum Beispiel der Mietendeckel. Er wird, wenn es bei dem bleibt, was bislang bekannt ist, erst einmal Mietern in guten Vierteln helfen. Denn seine Höhe soll sich allein nach Erstbezugsjahr und Ausstattung richten, nicht aber nach dem Wohnviertel. Folglich würden die Mieten im teuren Prenzlauer Berg sinken müssen, im Brennpunktviertel dürften sie weiter steigen. Doch selbst wenn man solch offensichtlichen Blödsinn noch behebt, wird ein Mietendeckel zu Problemen führen. Die Immobilien werden vernachlässigt, weil der Anreiz zu investieren fehlt. In New York, wo es jahrzehntelang von der Stadt kontrollierte Mieten gab, war das in den 1970er-Jahren zu beobachten: Die Häuser verfielen. Erst als man die Mieten wieder teils dem Markt überließ, besserte sich die Lage.

Lasst also die Preise in Ruhe! Die Fantasie könnte man besser dafür einsetzen, echte Lösungen zu finden. Ja, es gibt zu wenig Wohnungen in den Städten. Die Antwort darauf ist simpel: bauen, bauen, bauen. Was die Zinsen angeht, so ist es komplizierter. Denn sie werden so schnell nicht steigen. Es geht also höchstens darum, den Bürgern trotzdem zu Ersparnissen zu verhelfen. Eine Idee ist der deutsche Bürgerfonds, den der Ökonom Clemens Fuest ins Gespräch gebracht hat. Dafür verschuldet sich der Staat und lässt das Geld ähnlich wie der norwegische Staatsfonds anlegen. Jeder Bürger ist Anteilseigner und bekommt ab dem Renteneintritt jährlich einen Teil ausgezahlt. Das funktioniert natürlich nur, solange Politiker nicht über das Geld verfügen und es in ihre Lieblingsprojekte stecken können. Wenn es aber wirklich um Rendite geht, ist die Idee bedenkenswert, denn sie ist zumindest kein offensichtlicher ökonomischer Irrsinn.