Drei Jahre Arbeit stecken in diesem Buch, aber fast bis zum Schluss war sich Isabel Bogdan nicht sicher, ob sie den Roman, der Laufen heißt, überhaupt würde ins Ziel bringen können. Denn er hat keine Handlung. Und auch keine Spannungskurve, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Er funktioniert nur über einen einzigen Trick: seinen Ton. "Ich habe beim Schreiben manchmal gedacht: Was für eine beknackte Idee."

Laufen handelt von einer Frau, die läuft. Zunächst im Hammer Park, später an der Alster, erst kurze Strecken, bald längere, der Text ist ein einziger langer innerer Monolog, bestehend aus Gedanken, die keine klare Richtung haben, sondern kreisen und mäandern, erst nach und nach reimt man sich zusammen, was überhaupt los ist.

Vor etwa zehn Jahren schrieb Bogdan, die seit Langem sehr erfolgreich als Übersetzerin arbeitet, eine Kurzgeschichte, die auch schon Laufen hieß und in der sie den Trick zum ersten Mal ausprobierte. Damals ließ sie die Läuferin die Trennung von ihrem Partner verarbeiten. "Ich mochte den Sound und wollte gern ausprobieren, ob er sich auch auf einer längeren Strecke durchhalten lässt, ohne dass es nervt."

Schnell zeigte sich: Damit es geht, muss etwas Schlimmeres passiert sein. Jemand musste gestorben sein. Selbstmord, aus vermeintlich heiterem Himmel. Was sie sich damit eingebrockt hatte, sei ihr erst so richtig klar geworden, als sie schon viel zu tief dringesteckt habe, um aufzuhören. Die Geschichte kann nicht auf die Katastrophe zusteuern, denn die ist schon passiert. Sie kann auch nicht auf ein Happy End hinauslaufen, weil das nach der Katastrophe nicht mehr möglich ist. "Ich hatte bis zum Schluss keine Ahnung, ob es gut ist. Ob man das so machen kann. Ob man das lesen will."

Und das war nicht ihre einzige Sorge. "Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die Entscheidung getroffen hatte, mich an dieses Thema zu wagen", sagt die 51-Jährige. "Ich hatte Angst, dass das Thema zu groß für mich ist. Und dass Menschen, die etwas Vergleichbares erlebt haben, denken könnten: Die Frau hat keine Ahnung, wovon sie spricht. Aber das ist wahrscheinlich der Job einer Autorin."

Sie traf ein paar Menschen, die tatsächlich einen nahen Verwandten oder Freund durch Selbstmord verloren haben. "Oft habe ich an einem gewissen Punkt aufgehört, weiterzufragen", sagt sie. "Vielleicht hatte ich Angst davor, dass es zu intim wird. Ich glaube aber auch, dass ich die wahren Geschichten letztlich gar nicht brauchte – denn ich bleibe beim Schreiben ja die ganze Zeit über sehr nah an meiner Protagonistin und wollte eigene Bilder für sie finden. Die erlebt all das auch zum ersten Mal."

Der Großteil der Recherchen bezog sich darum auf Details, die mit dem Kern der Geschichte nur am Rande zu tun hatten. Etwa darauf, wie genau ein Kriseninterventionsteam arbeitet oder wie der Berufsalltag der Protagonistin aussieht, als Bratschistin im Staatsorchester. "Ich habe mich mit einer Musikerin getroffen, die mir ganz viel erzählt hat – wann sind die Proben, wann die Auftritte, wie oft hat man Dienst, was spielt man in der Oper und was in der Elbphilharmonie. Und ich habe lange mit einer Psychotherapeutin gesprochen, die mir viel über Depressionen und ihre Behandlung erklärt hat."

Und dann war da noch ein ganz anderer Grund für ihre Zweifel: der Erfolg ihres Debütromans Der Pfau, eines grotesken und haarsträubend komischen Krimis um ein Anwesen in Schottland, auf dem ein durchgedrehter Vogel blaue Gegenstände angreift. Für all das gibt es reale Vorbilder. "Ich dachte: Das ist so eine abgefahrene Geschichte, die muss man doch erzählen." Das tat sie, erst als Kurzgeschichte, dann als Roman. Der Pfau wurde, Stand heute, über 300.000-mal verkauft, die Hardcover-Ausgabe war 30 Wochen lang unter den ersten 20 auf der Spiegel-Bestsellerliste, das Taschenbuch später dann noch mal fast ein ganzes Jahr. Ihr Verlag nennt das eine "wahnsinnige Erfolgsgeschichte". Es ist aber auch ein harmloses Buch, kompakt, greifbar und übersichtlich – und es birgt nicht die Gefahr, jemandem damit zu nahe zu treten.

Es wäre logisch und naheliegend gewesen, wieder einen grotesken Krimi im englischen Stil zu schreiben, einen zweiten Pfau. Laufen ist aber ziemlich genau das Gegenteil. "Ich merke, die Leute erwarten etwas von mir – und ich schreibe ganz und gar nicht das, was sie erwarten", sagt Isabel Bogdan.

Die Arbeit am zweiten Roman war ganz anders als die am ersten. Es gab jetzt Erwartungen. "Ich wurde ungefähr eine Million mal gefragt: Bist du jetzt wahnsinnig unter Druck? Und beim Millionsten Mal spüre ich ihn dann langsam."

Aber so sei es eben, das Leben, sagt sie dann noch zum Abschied. Es sind nicht alle Geschichten lustig. Geschweige denn kalkulierbar.

Isabel Bogdan: "Laufen", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 208 S., 20 Euro; erscheint am 12. September