DIE ZEIT: Herr Gehl, Sie haben aus Kopenhageneine der lebenswertesten Metropolen der Welt gemacht. Sie beraten so unterschiedliche Städte wie New York, Shanghai, São Paulo, Mannheim und auch Hamburg – mit welchen Wünschen kommen die Politiker zu Ihnen?

Jan Gehl: Die große Herausforderung ist überall, dass das Herz der Stadt weiter schlägt. Ich bin der festen Überzeugung, dass jede Stadt einen Ort braucht, an dem man zusammenkommt, an dem die großen Ereignisse stattfinden, an dem man den Weihnachtsbaum aufstellt. Wir brauchen das Stadtzentrum als einen Treffpunkt, auch in dieser digitalen Zeit.

ZEIT: Mitten in Hamburg wird gerade ein großes Shoppingcenter gebaut, umgeben von Restaurants, Wohnungen und Hotels. Könnte es eine solche Funktion übernehmen?

Gehl: Da gibt es einen sehr, sehr wichtigen Unterschied: Ein Shoppingcenter ist privat, und die Innenstadt ist öffentlich. Es gibt Investoren, die clever sind und ein solches Zentrum perfekt managen. Manche heuern sogar Straßenmusiker an, um ein Gefühl von Straßenleben zu erzeugen. Trotzdem ist der einzige Zweck der Profit. In einer echten Innenstadt muss das Ziel sein, dass die Bürger sich wohlfühlen und es ihnen gut geht.

ZEIT: Wie muss ein solches Herz aussehen?

Gehl: Ich bin gar nicht so sehr auf das Aussehen oder die einzelnen Bestandteile fixiert. Wichtiger ist der psychologische Aspekt, die Geschichte eines Orts, das Wissen darum, dass hier schon viele Generationen zusammengekommen sind, um zu feiern und gemeinsam Dinge zu tun. Und natürlich braucht es interessante Angebote. In vielen Städten, auch in Hamburg, herrscht gerade großer Druck auf verschiedenste Arten von Geschäften, die es in Zukunft womöglich nicht mehr geben wird. Das war aber schon immer so. Als ich klein war, gab es noch Läden, die ausschließlich Butter verkauften.

ZEIT: Ist der Internethandel schuld daran, dass die Innenstädte sterben?

Gehl: Der Internethandel macht in Europa ungefähr zehn Prozent des gesamten Handels aus, und natürlich haben Shoppingmalls in den Städten und die großen Supermärkte vieles zentralisiert. Aber wir sollten auch über die guten Seiten des Wandels sprechen. Es gibt zahlreiche Innenstadtbranchen, die expandieren: Bars, Coffeeshops, Restaurants, Nagelstudios, Massage- oder Friseursalons. Angebote, bei denen Menschen vor Ort sein müssen. Für Innenstädte ist es wichtig, dass sie modern bleiben. Zu Hause tauscht man ja auch alle 15 bis 20 Jahre mal die Möbel oder den Teppich aus.

ZEIT: Woran erkennt man eine lebenswerte Stadt oder Innenstadt?

Gehl: In Vietnam habe ich mich einmal mit einer Frau unterhalten, die kurz zuvor in Kopenhagen gewesen war und glaubte, dass wir in Dänemark einen riesigen Babyboom hätten. Natürlich haben wir den nicht. Aber mir wurde klar, dass diese Frau eine Stadt gesehen hatte, in der es möglich ist, Kinder auf die Straße zu schicken. Das löst ein Gefühl aus. Ähnliches gilt für ältere Menschen. Wenn man viele Alte sieht, die in der Stadt spazieren gehen oder auf Bänken sitzen und ihr Leben genießen, befindet man sich in einer lebenswerten Stadt.

ZEIT: Was mögen Menschen an Städten?

Gehl: Andere Menschen. Die wichtigste Attraktion in jeder Stadt sind die Menschen. Stadtplanung muss es möglich machen, dass Menschen zusammenkommen.

ZEIT: Welche Stadt beherzigt das?

Gehl: Wenn man außerhalb der Urlaubszeiten nach Venedig kommt oder abseits der Touristenströme unterwegs ist, kann man beobachten, wie eine Stadt aussieht, die für Menschen gemacht ist.

ZEIT: Wie denn?

Gehl: Das Wichtigste: Es ist ein Ort ohne Autos. Venedig wurde einst gebaut für Menschen, die zu Fuß gehen – und sie gehen noch immer zu Fuß. Es ist nicht gottgegeben, dass wir überall Autos haben. Wenn diese Stadt noch ein gutes U-Bahn-System hätte, wäre sie der perfekte Ort. Alle Städte sollten so sein wie Venedig, dann gäbe es dort auch weniger Touristen.