Sie werden’s schon schaukeln – Seite 1

Klug ist der Pfarrer gewiss nicht zu nennen, der neulich in Franken Aktivistinnen der Kampagne Maria 2.0 aus seinem Gottesdienst zu werfen versuchte und, als dies nicht gelang, kurzerhand die Feier der heiligen Messe ausfallen ließ. Jedenfalls wird man darin kein Zeugnis von der Sanftmut der Lämmer oder der biblischerseits ebenfalls empfohlenen List der Schlangen entdecken können. Aber viel erschütternder als dieser Wutanfall in der Kirche ist der Hohn, der den Frauen im Internet entgegenschlägt, die sich mit der Bewegung Maria 2.0 oder anderen Initiativen gegen ihre Zurücksetzung in der katholischen Kirche wehren.

Warum, heißt es in den einschlägigen Foren schadenfroh, blieben diese Frauen überhaupt Mitglieder einer Organisation, deren Regeln nun einmal ihre Gleichstellung nicht vorsieht? Was zwingt sie dazu? Oder, andersherum argumentiert, mit welchem Recht meinen sie, die Kirche zur Aufgabe einer tradierten Rollenzuweisung zwingen zu können? Sei es nicht nachgerade unfair, die eigene Unzufriedenheit zum Maßstab zu nehmen, anstatt gleich zur vielleicht genehmeren Konkurrenz zu gehen, zu Alt-Katholiken oder Lutheranern? Oder, besser noch, vom ganzen Glaubenshumbug endlich Abstand zu nehmen?

Nun ist das Internet gewiss seinerseits kein Raum der Fairness. Aber wenn man vom versteckt Unehrlichen der Argumentation absieht, die in Wahrheit nicht den Frauen beispringen, sondern die katholische Kirche denunzieren möchte, dann bleibt doch, überraschend und erschütternd, der Eindruck, dass die Kirche weithin als unreformierbar gesehen wird, jedenfalls in ihrem Kern, und zu diesem Kern zwingend der Ausschluss der Frauen gezählt wird, von der Priesterweihe ebenso wie von allen höheren Ämtern.

Kann man das, muss man das am Ende wirklich so sehen? Ist die katholische Kirche zur Unbeweglichkeit verdammt, weil sie andernfalls katholisch nicht mehr wäre? Die protestierenden Frauen scheinen es keineswegs so zu sehen. In gewisser Hinsicht sind sie vielleicht umgekehrt die Letzten, die an ihre Kirche glauben, an ihre Lebendigkeit, ihre Möglichkeit zu werden und zu wachsen.

Das ist auch kein Zufall. In der Praxis des Glaubens, in der Gemeindearbeit, in der Caritas, in der Publizistik, in der Jugend- und Altenarbeit sind es allüberall, unübersehbar und überwältigend die Frauen, die den Karren am Laufen halten, ihn ziehen und schubsen und vorm Entgleisen in leere Frömmelei und knöcherne Dogmatik bewahren. Viele katholische Pfarrgemeinderäte sind, undenkbar für evangelische Gemeinden, vorwiegend von Frauen besetzt, manchmal ausschließlich. Die Züge nach Lourdes, von wem werden sie geführt? Die Buchhaltung in den Pfarreien, die Bibliotheken, die Chöre und Blockflötenkreise? Wer macht den ganzen Kram, der oft nur ehrenamtlich und getrieben von persönlicher Glaubensenergie aufrechterhalten werden kann?

Die katholische Kirche an ihrer Basis ist auf staunenerregende Weise eine weibliche Kirche. Noch bevor all die vielen, die nur noch lockeren Kontakt zu ihrer Kirche halten, überhaupt irgendeinem männlichen Geistlichen begegnen, sind sie schon in Kindergärten, Grundschulen, Krankenhäusern, Sozialstationen auf die Ordenschwestern und weiblichen Laien gestoßen, die sich auf ihre meist nüchtern-tätige Weise in die Nachfolge Christi gestellt haben. Wenn man für einen Moment ausblendet, was wir an historischem Vorwissen über die katholische Kirche, ihre männlichen Traditionen und Schwierigkeiten mit der Moderne haben, kann man sich nur bestürzt fragen: Warum nutzt die Kirche diese weibliche Ressource nicht zu ihrer Belebung? Warum stößt sie die Frauen vor den Kopf, indem sie deren Engagement limitiert und sie vom Priesteramt fernhält?

Für diese Frage kann man selbstverständlich auch als naiv ausgelacht werden, vor allem, wenn sie von protestantischer Seite gestellt wird. Die protestantische Form der Kirchenmodernisierung (einschließlich der Frauenordination) gilt vielen katholischen Kreisen als Negativbeispiel, zumal es ganz offensichtlich kein Mittel gegen Mitgliederschwund darstellt. Indes – selbst wenn man das Verfehlte, oft nur Modisch-Opportunistische der evangelischen Kirchenentwicklung zugesteht, lässt sich darauf den Katholiken leicht erwidern: Dann macht es besser! Gerade wenn es so sein sollte, dass hier ein Negativbeispiel vorliegt, dann muss es ja nicht wiederholt werden. Es müsste allerdings auch analysiert werden, ob der Fehler tatsächlich in der Berufung von Frauen zu Pfarrern oder Bischöfen liegt oder nicht doch in ganz anderen Verbeugungen vor dem Zeitgeist. Zumindest die keineswegs geringe Zahl konservativer, gusseisern glaubensfester evangelischer Pfarrerinnen sollte zu denken geben.

Frauen sind kein Zeitgeist

Bei Weitem ernster zu nehmen ist der Einwand, dass die Einheit der katholischen Kirche bedroht wäre, wenn in einzelnen Ländern des Westens etwas reformiert würde, was in vielen anderen Ländern, vor allem des globalen Südens, keineswegs als wünschenswert gilt. Und natürlich, zugegeben: Das würde ein Geschrei geben. Aber auch hier wäre streng zu fragen, ob ein christliches Motiv in der Ablehnung steckt, auf die eine Priesterweihe von Frauen etwa in Afrika oder Asien stieße – oder nicht vielmehr der verstockte Patriarchalismus unfreier Gesellschaften? Und wenn man diesem in der Papstkirche nachgäbe – wovor verbeugte man sich dann? Wirklich vor unserem Herren Jesus Christus – oder vor ganz anderen Herren?

Aber selbst falls die Weltklugheit – die schon zitierte List der Schlangen – geböte, einen Kompromiss mit den traditionelleren Gesellschaften des Südens zu schließen, dann würde darum das Problem in den Kirchen des Nordens nicht verschwinden. Oder wie sollte man es den Kirchenfrauen hierzulande erläutern? Etwa, indem man ihnen sagte, ihr dürft etwas nicht, weil es eure Schwestern in Afrika auch nicht dürfen? Oder, mit noch größerem Mut zur Ehrlichkeit: weil es den Männern dort nicht gefällt?

Hier wackelt etwas gefährlich in der Argumentation mit der bedrohten Kircheneinheit, und es wackelt umso mehr, als das Argument auf gegebenen irdischen Verhältnissen fußt und nicht etwa auf der Heiligen Schrift. Natürlich ließ und lässt sich dies und das zum Ausschluss der Frauen auch aus der Bibel herauslesen, man kann ja mit etwas bösem Willen alles aus der Bibel ziehen – aber das wäre eine Exegese wider den Geist, um es einmal barsch zu sagen. Der Geist des Evangeliums besteht ganz und gar in der Befreiung des Menschen, auch aus hergebrachten Zwängen und sozialen Zuschreibungen, bekanntlich sogar der Familie ... Was aus der Bibel zur Gleichrangigkeit der Geschlechter folgte, war in der Antike unerhört und ist es in gewisser Hinsicht bis heute geblieben. Zumindest die Kirche in ihrer historischen, gewordenen und gewachsenen Gestalt hat vieles davon dem Frieden mit den irdischen Mächten und irdischen Gesellschaften, schließlich eigenen Machtansprüchen wieder geopfert.

Das muss man gar nicht rückblickend kritisieren (Kirchengeschichte als moralische Besserwisserei ist ohnehin abgeschmackt), um doch darin das entscheidende Problem für den Katholizismus zu sehen, der sich ja nicht nur auf die Schrift beruft, sondern auch die Kirche selbst und nachbiblische Traditionen als Teil des Heilsgeschehens und der Offenbarung begreift. Frauen in den Priesterstand zu erheben verstieße wohl gegen kein Dogma im eigentlichen Sinne, wäre aber doch eine unerhörte Revision, ja Zurückweisung der eigenen Tradition. Und man darf sich nicht täuschen: Bei der Frauenordination allein würde es nicht bleiben. Es würde auch der Zölibat hinweggefegt werden, die Ehelosigkeit (mit Ausnahme der Orden) – überhaupt alles, was auf tradierten Rollenzuweisungen, historischen Auffassungen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit beruht.

Man sollte daher die Gegner und Warner nicht verspotten. Sie ahnen schon das Richtige. Die überkommene, die Amtskirche, die Kirche in ihrer irdischen Gestalt stünde zur Disposition. Aber wäre dies eine Gefahr für das Evangelium? Ist die Verkündigung nicht auch in einer erstarrten Struktur gefährdet, die selbst den treuesten Dienerinnen des Glaubens mehr als eine subalterne Mitwirkung nicht gestattet? Will die Kirche leben, werden und wachsen? Oder in einer historischen Vitrine angestaunt, manchmal fürchtet man fast: angebetet werden? Der Protest der Frauen, auch die Kampagne Maria 2.0, auch in ihrer etwas ridikül aktivistischen Gestalt, hat die Kirche an einen existenziellen Scheideweg geführt. Besser gesagt: Sie hat diesen Scheideweg sichtbar gemacht.

Die Kirche muss sich jetzt bewegen. Und sie wird sich auch bewegen – selbst wenn sie meint, es nicht zu tun oder tun zu dürfen. Die Unbeweglichkeit ist selbst ein Weg, es ist der Rückzug aus der Welt, aus dem Gebot, den Glauben zu verbreiten, im Grunde eine gnostische Versuchung, nur noch für eine schrumpfende Zahl der Auserwählten da zu sein und für sie eine Gestalt zu bewahren, die ihren Zweck in sich selber hat. Oder die Kirche bewegt sich nach vorne, versucht die Zukunft zu gewinnen, streift ihre Angst und Ängste ab – es geht ja, wohlgemerkt, um keine Ketzerei, wenn Frauen auf der Kanzel stehen. Im Übrigen steht Mutlosigkeit der Kirche auch nicht gut – oder hält sie es am Ende für mutig, zu beharren und den Frauen zu trotzen? So wie es mutig sein kann, dem Zeitgeist zu trotzen?

Aber Frauen sind kein Zeitgeist. Sie gehen nicht vorüber und verschwinden, wenn man sie ignoriert. Sie bleiben höchstens weg, wenn man sie vergrault. Aber das will die katholische Kirche gewisslich nicht. Sie ist die weiblichste Kirche, die wir haben. Sie muss es nur noch annehmen und begreifen, im Grunde ein Geschenk, unverdient und kostbar, eine Gnade.