Im Laufe der 1950er-Jahre erlebt die amerikanische Moderne eine Reihe religiöser Konversionen. John Coltrane erfährt eine spirituelle Erleuchtung, liest Platon und gibt das Heroin auf; John Cage entdeckt den Zen-Buddhismus und komponiert ab 1951 fast ausschließlich mithilfe des I Ging; im Gefängnis (10 Jahre Zwangsarbeit, Einbruch bei Weißen) tritt Malcolm X der Nation of Islam bei, und James Baldwin gibt the Lord den Laufpass: "I’m a writer. I like doing things alone."

Die sozialen Umwälzungen der progressiven Ära hatten den USA einige Kartellgesetze, die Deadlines tayloristischer Produktionsabläufe, das Frauenwahlrecht und den Aufstieg einer kultivierten Mittelklasse gebracht. Sie münden 30 Jahre später in das vielleicht denkwürdigste Gemisch aus spirituellen und politischen Kleinrevolutionen der Nachkriegszeit. Die letzten Rassentrennungsgesetze sind noch nicht zerschlagen.

Miles Davis veröffentlicht 1959 mit Kind of Blue die berühmteste, meistverkaufte und vielleicht beliebteste aller Jazzplatten; bis heute geht sie jede Woche 5000-mal über die Ladentheke. Kind of Blue ist aber auch das definitive Statement über einen gewissen Universalismusgedanken, der in den USA in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts möglich schien. Nicht der einfache Universalismus einer alten Unabhängigkeitserklärung, die im selben Atemzug alle Menschen als gleich erklärte und das Wort "Sklave" verschwieg. Nicht der einfache Universalismus einer neueren colorblind-Politik, die so tat, als spielten die Lynchmobs plötzlich keine Rolle mehr. Ein schwierigerer Universalismus, der von der Idee ausgeht, dass manche ästhetischen Formen künftigen politischen Lösungen vorausgreifen, die vielleicht nie möglich sein werden. Jazzmusiker, die sich der Veränderung gewidmet hatten – George Russell, John Coltrane – nannten das modal jazz. Später nannte Davis das einfach social music. Am 17. August wurde Kind of Blue sechzig Jahre alt.

Wie hört sich so etwas heute an, kurz nach Black Lives Matter? Wie klingt Kind of Blue angesichts der spektakulären Regression der amerikanischen Integrationspolitik der letzten zwei Jahre? Blauer, also bluesiger, hat die Platte wahrscheinlich noch nie gewirkt. Das hat damit zu tun, dass es heute schwerer geworden ist, an den expansiven Freiheitsversuch des Sextetts zu glauben. Anders als die Regeln des sozialen Verkehrs waren die Spielregeln des modalen Jazz einfach und explizit, darin bestand auch ihr politischer Reiz. Die konventionellen Akkordfolgen des Standardrepertoires wurden aufgekündigt: kein Somewhere over the Rainbow, kein Someday My Prince Will Come, sondern 32 Takte D und Es. Dazu eine Handvoll möglicher Tonleitern, auf denen die Solisten improvisierten, solange ihre Kreativität ausreichte. Es wurde ohne die Deadline des nächsten Akkords gespielt, dafür gab es unendliche Möglichkeiten, das Bestehende, und nicht nur das D und das Es, zu übertrumpfen.

1959 konnte da noch alles einfließen: Miles Davis hatte in den Fünfzigern die Nachmittage in der Bibliothek verbracht, wo er die Partituren der europäischen Moderne las. Abends hörte er ägyptische und marokkanische Tonleitern in den Bauchtanzclubs der Bronx. Der Pianist Bill Evans brachte Ravel ein, der Saxofonist Cannonball Adderley den Gospel und die Fröhlichkeit, Paul Chambers einen Kontrabassbogen.

Es blieb eine Jazzplatte, über zwei Tage eingespielt in einer umgebauten presbyterianischen Kirche in der 30th Street. 1959 war die Moderne amerikanisch, und jeder hätte es wissen können. Heute kann man darüber rätseln, wie solch eine romantische, politisierte, raffinierte und spartanische Platte überhaupt entstehen konnte. Auf sehr unhippe Weise schließen sich auf Kind of Blue Radikalität und Sekundärtugenden gegenseitig nicht aus: die Bedachtheit (man unterbricht einander beim Spielen nur höflich), die Disziplin (man hält sich an die Form, gerade weil sie offen ist), das entspannt Problematische einer Band aus schwarzen und weißen Musikern, der unbedingte Versuch, einen Rahmen für individuelle und kollektive Experimente zu schaffen, das klingt heute alles etwas sehr weltentrückt. Noch schöner ist Kind of Blue dadurch geworden.