Vielleicht muss man vom Ende her denken, um den Konflikt um den Klimaschutz im rot-grünen Senat zu verstehen. Am 23. Februar nächsten Jahres wird gewählt. Die Sozialdemokraten wollten dann eigentlich als die erfolgreiche Hamburg-Partei vor ihre Wähler treten, als Partei von Fortschritt, Wachstum, Wohlstand und innerer Sicherheit. Doch nun ist etwas dazwischengekommen: Ein politischer Klimawandel erfasst das Land, grüne Themen stehen höher im Kurs, als Sozialdemokraten sich das noch vor wenigen Monaten vorstellen konnten. Es droht sogar die Abwahl des Bürgermeisters. Die Partei braucht einen neuen Plan, einen Klimaplan.

Die Grünen haben ein anderes Problem: Es geht nun um ihre Glaubwürdigkeit. Solange sie nur den kleinen grünen Anbau verwalten durften, den der damalige Bürgermeister Olaf Scholz ihnen am roten Rathaus zugestand, waren die Hamburger Umweltprobleme im Grunde nicht ihr Problem. Natürlich, die Atemluft ist belastet und in Hafennähe geradezu gemeingefährlich. Im Klimaschutz galt es zeitweise schon als Fortschritt, wenn der Treibhausgasausstoß nicht stieg. Der Autoverkehr wächst, wenn auch langsam. Doch jeder weiß, dass die Grünen daran keine Schuld trifft, solange die wahren Herren der Stadt rote Parteibücher besitzen.

Aber nun soll ein echter Klimaplan her, einer, der etwas bewirkt: Er muss die Stadt auf einen Kurs bringen, der zu den anspruchsvollen neuen Zielen passt. Und das heißt, dass Hamburg in den kommenden zehn Jahren alle ein bis zwei Monate einen so großen Anteil seiner Treibhausgasproduktion einsparen muss, wie es seit 1990 im Durchschnitt pro Jahr eingespart hat. Niemand weiß, wie das möglich sein soll – schon gar nicht, ohne Autofahrern, Flugpassagieren und Eigenheimbesitzern das Leben schwerer zu machen als heute.

Für die Grünen ist das ein Dilemma. Sie können für neue Zumutungen werben, das wäre glaubwürdig, aber wenig populär. Oder sie versprechen mehr, als sie halten können, und machen sich unglaubwürdig.

Auf den ersten Blick wäre die perfekte Lösung für beide Partner in dieser Lage wohl ein Kompromiss, den sie nach außen als gemeinsamen Erfolg verkaufen könnten: ein schöner neuer Klimaplan auf Hochglanzpapier mit vorzeigbaren modernen Technologien. Geothermie, also Erdwärmenutzung, wäre denkbar oder eine neue Speichermethode für Wärme oder Strom. Dazu kämen vielleicht noch eine attraktive neue Innenstadt mit wenig Autoverkehr und Umweltauflagen für die Hafenwirtschaft, wie die Regierungsfraktionen sie mit Blick auf ähnliche Pläne in Rotterdam kürzlich vorgestellt haben.

All das würde kaum genügen, um ambitionierte Klimaziele zu erreichen. Aber wäre das schlimm? Mit ein wenig politischem Zynismus könnte man sagen, dass Klimaziele in Deutschland nie ernsthaft verfolgt, geschweige denn erreicht worden sind. Warum sollte man jetzt damit anfangen?

Doch beim Klimaschutz sind die Grünen Überzeugungstäter, und in der SPD gilt dasselbe zumindest für ihren Bürgermeister Peter Tschentscher. Wohl darum haben sich die Partner im Senat Mitte August auf eine Politik der pedantischen Treibhausgas-Buchhaltung verständigt. Klimaschutz als Ressortaufgabe: Wer muss bis wann wie viel einsparen? Der Anteil des Verkehrs, der Unternehmen, der privaten Haushalte – all das war schon vereinbart, muss nun aber noch einmal auf den neuesten Stand gebracht werden. Denn zuletzt hat der Senat sein Sparziel verschärft, auf minus 55 Prozent, gemessen an 1990. Die Grünen hatten das gefordert, die Sozialdemokraten tragen es mit – alles andere wäre auch absurd, weil der Bund für Deutschland inzwischen bis 2030 ebenfalls auf eine Einsparung von 55 Prozent der Treibhausgase zielt.

Das Problem ist nur: Ein Sparziel ist noch keine Politik.

Wie soll es möglich werden, dass die Hamburger Privathaushalte in nur zehn Jahren die Hälfte ihrer Heizwärme und ihres Stromverbrauchs einsparen oder klimaneutral erzeugen? In dieser Größenordnung bewegen sich die Vorstellungen des Senats.

Dann sind da die Geschäfte und kleinen Unternehmen – auch sie sollen gut die Hälfte einsparen. Aber wie?