Die Industrie kommt, gemessen an den Privatleuten, noch relativ gut weg, sie soll ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 um ungefähr ein Drittel senken. Doch die großen Unternehmen stehen ohnehin unter Druck, viele müssen für ihren Treibhausgasausstoß Zertifikate aus dem europäischen Emissionshandel kaufen und bemühen sich deshalb seit Jahren um Effizienz. Zugleich wollen und sollen sie wachsen. Ist es realistisch, zu hoffen, dass der Industrie plötzlich eine Vielzahl bislang ungenutzter Modernisierungschancen einfallen, bloß weil der Senat kurz vor der Wahl das Thema Klimaschutz entdeckt?

Der Verkehr soll einen vergleichsweise geringen Beitrag leisten, zudem wird der Flugverkehr größtenteils herausgerechnet. Dennoch: Eine Einsparung von mehr als einem Fünftel in einem Bereich, der in den vergangenen dreißig Jahren bundesweit nicht den geringsten Beitrag zum Klimaschutz geleistet hat – das ist, vorsichtig formuliert, innovativ.

Dass all das erreichbar sei und im Fall eines rot-grünen oder grün-roten Wahlsiegs auch wirklich erreicht werde, ist seit zwei Wochen die offizielle Position der Landesregierung. Im Grunde haben die Senatorinnen und Senatoren beider Parteien trotz all ihrer öffentlich zur Schau getragenen Differenzen mit dem Konzept des neuen Klimaplans bereits die Grundzüge eines gemeinsamen Regierungsprogramms für die kommenden Jahre vorgelegt. So anspruchsvoll und umfassend wäre der geplante Umbau, sollte er tatsächlich in Angriff genommen werden, dass daneben alles andere verblasst, was Sozialdemokraten und Grüne sich nach der Wahl noch vornehmen könnten.

Zugleich rückt auf diese Weise ein Themenfeld ins Zentrum der Debatte, auf dem die politischen Mitbewerber von CDU, FDP und AfD bislang praktisch nichts beigetragen haben.

Aber wie soll der Klimaplan funktionieren? Klar ist, dass Senat und Öffentlichkeit von einer grün geführten Umweltbehörde konkrete Vorschläge erwarten dürfen. Wer nach der Wahl etwa die Sanierung von Ölheizungen verbieten will, um Hausbesitzer zum Umstieg auf eine weniger klimaschädliche Art der Heizung zu zwingen, sollte es vor der Wahl ankündigen. Klar ist allerdings auch, dass es am Ende auf Ressorts ankommt, die jedenfalls jetzt noch von der SPD geführt werden: auf die Stadtentwicklungsbehörde der Sozialdemokratin Dorothee Stapelfeldt und auf die Verkehrs- und Wirtschaftsbehörde mit ihren SPD-Staatsräten Andreas Rieckhof und Torsten Sevecke.

Stapelfeldt hat bislang mehr als genug damit zu tun, für halbwegs bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Rieckhof muss den Verkehr der wachsenden Stadt so flüssig wie möglich halten und zugleich das marode Straßennetz sanieren. Und Sevecke ist Anwalt einer Wirtschaft, die mit Blick auf Brexit und Handelskriege auch andere Sorgen hat als das Klima.

Die Grünen sollten nun mal liefern und nicht nur von Verboten sprechen – so hört man es von sozialdemokratischer Seite. Umgekehrt nehmen die Grünen den neuen Enthusiasmus ihrer sozialdemokratischen Partner amüsiert, aber auch leicht beunruhigt zur Kenntnis. Wissen die, wovon sie reden? Wenn der Bürgermeister über Klimaschutz spricht, wirkt es bisweilen, als glaube er, die "klimaneutrale Produktion von Wasserstoff, LNG und Kerosin" werde spätestens morgen beginnen. Der Frage, wann diese Techniken verfügbar sein werden, hat Tschentscher bislang offenbar nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Was nicht weiter schlimm wäre, solange niemand vom grünen Umweltsenator erwartet, dass er diese Ideen in einen Klimaplan für die nächsten zehn Jahre verwandelt.

Sind die Grünen Verbotspolitiker oder Öko-Realisten? Sind die Sozialdemokraten Modernisierer oder Träumer? Das könnte das Grundmotiv des Wahlkampfes innerhalb des Regierungslagers werden.

Wer recht behält, erfahren die Wähler, wenn überhaupt, erst nach der Wahl. Am Ende kommt es darauf an, wie sich der Ausstoß an Treibhausgasen in Hamburg tatsächlich entwickelt. Doch diese Daten ermittelt das statistische Landesamt nur mit zwei bis drei Jahren Verzögerung.