Bauernpräsident Markus Ritter ist bodenständig und knallhart. © Sophie Stieger/​13 Photo

Markus Ritter ist ein schaurig freundlicher Mann. "Wotsch au eis?", fragt er, geht in die Knie und streckt einem Kind ein Aprikosenglacé entgegen. Dann lockt er mit seiner unverwechselbaren, hohen, leicht knarzenden Stimme die Leute zu sich. Große, Kleine, Dicke, Dünne. Vom Stadtoriginal bis zum früheren Raiffeisenbank-Chef. "Dör i si uf es Bierli iilade?", fragt Ritter. "En Schluck Rote? Chumm, hock here!"

Markus Ritter ist an diesem Samstag im August, als St. Gallen sein Stadtfest feiert, der Star am Stand der kantonalen CVP. Dabei, sagt er, sei er nicht für sich gekommen, sondern um die Kolleginnen und Kollegen der Partei zu unterstützten, die, wie er, im Herbst für einen Sitz im Nationalrat kandidieren. Um seine eigene Wiederwahl sorge er sich nicht. Muss er nicht. Als Präsident des Schweizer Bauernverbands (SBV) gehört Ritter, 52, Meisterlandwirt und Wirtschaftsingenieur, zu den bekanntesten Politikern und den mächtigsten Lobbyisten im Land – und zu den erfolgreichsten.

Zum Beispiel vergangene Woche. Da präsentierte SVP-Landwirtschaftsminister Guy Parmelin die Agrarpolitik 22+ (AP 22+). Die Vorlage hatte noch sein freisinniger Vorgänger Johann Schneider-Ammann entworfen, nun wurde sie tüchtig ausgemistet. Anstatt von den Bauern mehr Unternehmertum und Eigenverantwortung zu fordern, winken ihnen zusätzliche staatliche Unterstützungen: So soll der Bund teilweise die Prämien für Wetterversicherungen übernehmen, mit denen sich die Bauern vor klimabedingten Ernteeinbußen schützen. Wer sein Kalbfleisch einlagert und so das Angebot künstlich verknappt, erhält dafür weiterhin Steuergelder. Aufgegeben hat der Bundesrat dafür die Idee, dass kein Betrieb künftig mehr als 250.000 Franken Direktzahlungen erhalten soll. Und sogar die versprochene Absicherung der Frauen, die oft ohne Lohn auf den Höfen mitarbeiten und bei einer Scheidung vor dem Nichts stehen, wurde aus der AP 22+ gestrichen.

Einem Bauer, der seine Frau nicht versichert, dem hätten die Direktzahlungen gekürzt werden sollen. So stand es ursprünglich im Papier des Bundesrates. Fragt man Markus Ritter, wieso er sich dagegen derart heftig gewehrt habe, erkennt man, wie der Mann funktioniert: Er gibt seinem Gegenüber recht, kommt ihm aber keinen Jota entgegen. Das klingt dann so: Er anerkenne das Problem "voll und ganz". Eine Versicherungspflicht gehe ihm aber zu weit. "Die Landwirte sollen das freiwillig, abgestimmt auf die effektiven Verhältnisse auf dem Betrieb und in Eigeninitiative, tun", sagt Ritter. Das Ganze an die Direktzahlungen zu koppeln sei jedoch administrativ zu aufwendig und könnte Bauernfamilien mit sehr bescheidenem Einkommen in finanzielle Bedrängnis bringen.

Marcel Liner hat als Landwirtschaftsexperte der Naturschutzorganisation Pro Natura immer wieder mit Markus Ritter zu tun. In seiner Funktion könnte man ihn als eine Art natürlichen Feind des Bauernpräsidenten sehen. "Man hat mit ihm oft das Gefühl, es herrsche Konsens, obwohl klar ist, dass man den nicht hat", sagt Liner. Markus Ritter beherrsche die "Kunst der Blockade", sagt seinerseits Andreas Bosshard, der Geschäftsführer des bauernkritischen Thinktanks Vision Landwirtschaft. Mit großem Aufwand gelinge es Ritter, historisch gewachsene Privilegien der Landwirte zu bewahren: "Langfristig hilft das aber niemandem. Wir bräuchten eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Landwirtschaft."

Markus Ritter hat ein anderes Bild von sich selbst. Vor Jahren, erzählt er am Stand in St. Gallen, habe er ein paar Jahre als Chauffeur gearbeitet und für eine Brauerei Bier ausgeliefert. Dabei habe er gelernt, jede Aufgabe, die ihm zugetragen wurde, "tifig und dienstfertig" zu erfüllen. "Dann kommt alles wie von selber." Ritter blickt auf die Passanten in der Altstadt und sagt: "Ich komme von denen. Von den Normalen. Heute habe ich zwar mit den führenden Köpfen der Schweiz zu tun, aber meine Arbeit mache ich noch immer für die. Und die Menschen sind so dankbar, wenn man ein offenes Ohr für sie hat."

100 Nächte im Jahr übernachtet Markus Ritter im Hotel Bären in Bern. Zimmer 312. Schon beim Zmorge, erzählt er, mache er den einen und anderen der 20, 30 bürgerlichen Parlamentarier, die ebenfalls dort logieren, auf die anstehenden Geschäfte aufmerksam. Parlamentarier beschreiben Ritter als "gnadenlos gut vernetzt", freundlich, aber auch als harten Hund, wenn es darum gehe, die Reihen zu schließen. Er selbst sagt, er sei dann im Nahkampf. Er bringt die Fraktion auf Kurs und diszipliniert die Abweichler. Ständeräte berichten von "Aufpassern", welche die Debatte im Saal verfolgen und genau hinschauen, wer wie abstimmt. Ritter sagt, das stimme nicht.

Wenn er über seine Strategie spricht, wechselt Ritter, Dienstgrad: Gefreiter, in einen seltsamen Feldherren-Jargon. Auftritte im Fernsehen, das sei für ihn die Luftwaffe. "Weil man mit einem Aufwisch die ganze Deutschschweiz erreichen kann." Interviews und Porträts in den überregionalen Medien wie dem Tages-Anzeiger oder der Neuen Zürcher Zeitung bezeichnet er als seine Artillerie. Aber am liebsten ist ihm der Kampf Mann gegen Mann. Hier spielt der schaurig nette Herr Ritter alle seine Stärken aus. Er lobt Journalisten, auch jene, die ihn kritisieren. "Sie helfen uns, die Argumente zu schärfen." Oder er lädt die Grünliberale Tiana Moser, mit der er sich in der Arena streitet, vor laufender Kamera "ganz herzlich ein", ihn doch einmal auf seinem Bio-Hof zu besuchen.

Aufgewachsen ist Markus Ritter in "sehr, sehr bescheidenen Verhältnissen", wie er sagt, auf einem Hof, keinen Kilometer von seinem heutigen Daheim entfernt. Anfang 20 tritt er, obwohl er sich nicht für Politik interessiert, seinem Bruder zuliebe der CVP bei. Mit 25 bewirbt er sich um einen Sitz im Gemeinderat, mobilisiert heftig – und gewinnt. Auch seine Karriere im Bauernverband lanciert er erst im Kleinen, im Kanton St. Gallen, bevor er 2012, da ist er bereits Nationalrat, zum obersten Schweizer Bauer gewählt wird.

"Markus Ritter hat noch nie verloren", sagt Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen. Auch sie legt sich immer wieder mit dem Bauernpräsidenten an. Auch sie musste immer wieder erfahren, wie schwierig es ist, gegen seine Macht anzukommen.