Das passiert, wenn man sich mit einem Twitter-Präsidenten einlässt. Eigentlich hatten die Efta-Staaten, zu denen auch die Schweiz gehört, mit ihren südamerikanischen Partnern ausgemacht, sie würden den Verhandlungserfolg konzertiert verkünden. Doch Jair Bolsonaro, brasilianischer Präsident und heavy user des Kurznachrichtendienstes, preschte vor: "Wieder ein großer Sieg unserer Diplomatie zur Öffnung des Handels", twitterte er Freitagnacht.

Das Timing hätte für die Europäer nicht schlechter sein können. Als Bolsonaro seinen Tweet absetzte, brannte im Amazonas der Regenwald, die Empörung über die brasilianischen Nach-mir-die-Sintflut-Politik dominierte weltweit die Schlagzeilen – und der französische Präsident Emmanuel Macron verkündete, er werde die Waldbrände beim anstehenden G7-Gipfel traktandieren.

Der Schweizer Wirtschaftsminister Guy Parmelin war da gerade auf der Rückreise aus Russland, wo er in Kazan die Berufsweltmeisterschaften besucht hatte. Nun war Parmelin unter Zugzwang, schließlich waren seine Diplomaten federführend bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Eilends berief er tags darauf noch am Flughafen Zürich eine Pressekonferenz ein – und versuchte zu beruhigen.

In der Regel sind Freihandelsabkommen in der Schweiz immer dann heftig umstritten, wenn sie die Landwirtschaft betreffen. Der Bauernlobby, angeführt von Verbandspräsident Markus Ritter, ist es bis anhin stets gelungen, den heimischen Markt vor allzu viel ausländischer Konkurrenz zu schützen. Auch beim Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten konnten sie sich – zumindest macht es den Anschein – teilweise durchsetzen: Künftig soll zwar mehr südamerikanisches Fleisch zollfrei in die Schweiz importiert werden dürfen, aber die Kontingente für Rind- oder Poulet-Einfuhren werden nicht erhöht.

Das Abkommen sei für die Schweiz sehr wichtig, sagte Bundesrat Parmelin am Flughafen Zürich. Es gehe um einen Markt mit 260 Millionen Einwohnern. Einen Markt, mit dem die Europäische Union bereits im Sommer ein Freihandelsabkommen ausgehandelt hat. Da will, kann und darf die Schweiz nicht hintanstehen. So sieht das nicht nur der Bundesrat, so sieht das auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse: "Werden diese Handelshürden nur für Unternehmen aus der EU gesenkt, wären viele Schweizer Produkte nicht mehr konkurrenzfähig." Immerhin erheben die Mercosur-Staaten heute bis zu 35 Prozent Importzölle.

Es gibt auch verbindlichere Abkommen, etwa für den Import von Palmöl

Anders klingt es bei den Grünen, den Sozialdemokraten – und den Bauern. Die einen wollen das Referendum gegen das Abkommen ergreifen, die anderen fordern Nachbesserungen bei den von Parmelin versprochenen Klimaschutz- und Nachhaltigkeits-Passagen, und die Landwirte wollen am liebsten gar keine Konkurrenz aus dem Süden. Hatte sich der Bauernpräsident Ritter wenige Tage zuvor noch über die stärkeren Umweltvorschriften geärgert, die ihm der Bundesrat mit der neuen Agrarpolitik 22+ diktieren will, mutierte er in der Freihandelsdiskussion zum Umweltschützer: "Brasilien kann seine Politik im Bereich der Klimazerstörung und einer nicht nachhaltigen Landwirtschaftspolitik so weiterführen wie bisher." Auch die Pestizidfrage wird für ihn nun zum Thema: Ritter beklagt, dass in Brasilien 200 Pflanzenschutzmittel zugelassen wurden, die in der Schweiz verboten seien. "Die Importe der damit behandelten Lebensmitteln stehen in krassem Widerspruch zur aktuellen Diskussion in der Schweiz."

Der Vertrag steht in Flammen. Wenn sich nach den eidgenössischen Wahlen von Ende Oktober linke, ökologische und konservative Freihandelskritiker zusammentun, könnte der in Rekordzeit ausgehandelte Pakt bereits im Parlament durchfallen. Für die Schweizer Wirtschaft wäre das ärgerlich. Das Abkommen ist zwar nicht derart wichtig, wie Economiesuisse und das Departement von Guy Parmelin behaupten. Das zeigt ein Blick in die Exportstatistik: Die Schweizer verkaufte im vergangenen Jahr insgesamt Waren im Wert von 233 Milliarden Franken ins Ausland. Auf die Mercosur-Staaten entfielen gerade mal 3,6 Milliarden, das entspricht 1,5 Prozent. Aber nun, da sich die Krisenanzeichen in der Weltwirtschaft häufen, hellt ein Abkommen, das verspricht, Zölle in der Höhe von 180 Millionen Franken zu eliminieren und sichere Rahmenbedingungen für die Exporteure zu schaffen, die Stimmung immerhin etwas auf.

Dass ein Freihandelsabkommen mehr könnte, als Handelszölle zu streichen und die Exportwirtschaft anzukurbeln, das zeigt der Pakt, den die Efta kürzlich mit Indonesien abgeschlossen hat. Federführend war auch hier die Schweiz. Damals ging es nicht um Rind- und Pouletfleisch, sondern um Palmöl, das wichtigste indonesische Exportgut. Um Platz für Palmölplantagen zu schaffen, wird allerdings großflächig Wald gerodet. Deshalb hat die Schweiz im Abkommen festgeschrieben, dass Palmölimporte kontingentiert und aus nachhaltiger Produktion stammen müssen. Damit dies tatsächlich rückverfolgbar ist, sind unter anderem auch die Tanks für den Transport normiert.

Für die Mercosur-Staaten muss ein Dialogprozess zur nachhaltigen Landwirtschaft reichen. Unverbindlich, nicht kontrollierbar. Besser als nichts, sagen Experten. Aber für eine politisch mehrheitsfähige Lösung ist das heutzutage wohl zu wenig.