Das Café Unter den Linden in der Schanze ist keiner der umstrittenen Open-Air-Treffpunkte. Aber von hier aus sind sie gut zu erreichen: die berüchtigte Ecke an der Tabakbörse beim Grünen Jäger, mittlerweile mit eigener Ortsmarke bei Google (4 von 5 Sternen), das Schulterblatt sowieso, auch St. Pauli ist nicht weit. Kaffee und Tee werden gebracht, bei strömendem Regen sitzen unter der Markise: Niels Boeing, Aktivist bei Initiativen wie "St. Pauli Selber Machen", Gabi Dobusch, SPD-Bürgerschaftsabgeordnete für Altona und Vorsitzende des Kulturausschusses, Florence Mends-Cole und Patricia Neumann von der Daniela-Bar und Sakir Büyükodabasi vom Kiosk 2000 in Ottensen.

Sakir Büyükodabasi, Kiosk 2000 © Philipp Reiss für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr Büyükodabasi, was kostet ein Astra im Kiosk 2000?

Sakir Büyükodabasi: Die Flasche 0,3 kostet einen Euro.

ZEIT: Was kostet ein Astra in der Daniela-Bar?

Florence Mends-Cole: Astra haben wir nicht. Wir haben Holsten. 0,3 Holsten kosten 2,80 Euro.

ZEIT: Ist es da wirklich verwunderlich oder gar verwerflich, wenn die Leute lieber am Kiosk cornern und dabei auch noch Geld sparen?

Patricia Neumann: Ich glaube nicht, dass es darum geht. Die Leute laufen mit ihren iPhones herum, die mieten sich Elektroroller, dafür ist immer Geld da. Es geht nicht darum, ob man sich das leisten kann. Es geht nur darum, dass es hip ist, zu cornern. Dazuzugehören.

Patricia Neumann, Mitbetreiberin der Daniela-Bar © Foto: Philipp Reiss für DIE ZEIT

Mends-Cole: Es ist eine kulturelle Bewegung. Ein Kulturwandel. Vor 13 Jahren wurde das Trinken in der Öffentlichkeit salonfähig. Das gab es in meiner Jugend nicht, das war früher verpönt. Wer vor dem Kiosk getrunken hat, war damals Asi.

ZEIT: Als Betreiberinnen der Daniela-Bar in der Schanze beklagen Sie seit Jahren, dass Cornern ein Problem ist. Warum?

Mends-Cole: Ungefähr die Hälfte der Leute, die im Sommer auf der Schanzenpiazza stehen, kaufen ihre Getränke nicht in den Bars. Trotzdem wollen die unsere Klos benutzen. Manche fragen uns sogar nach Gläsern oder nach Eis für ihre Drinks.

Neumann: Auf Toilette können die Leute gehen, aber ich möchte wenigstens gefragt werden. Eis und Gläser kann ich nicht rausgeben. Da sage ich: Musst du dir da besorgen, wo du auch deine Getränke geholt hast. Das verstehen viele echt nicht. Da kommt erst mal ein großes Fragezeichen.

Florence Mends-Cole, Mitbetreiberin der Daniela-Bar © Philipp Reiss für DIE ZEIT

ZEIT: Können Sie die Wut der beiden nachvollziehen, Herr Büyükodabasi?

Büyükodabasi: Kann ich verstehen, logisch. Aber wir Kioskleute müssen auch überleben. Ich muss im Sommer die Rücklagen für den Winter erwirtschaften. Im Winter verdiene ich fast nichts. Die Bars haben auch im Winter Gäste.

ZEIT: Wie war der Sommer für den Kiosk 2000?

Büyükodabasi: Letztes Jahr lief es noch ein bisschen besser, wegen des Wetters, aber insgesamt geht es bergauf. Ich weiß nur nicht, ob das am Cornern liegt. Ich glaube, dass Leute einfach ihr Leben leben wollen. Bei gutem Wetter will jeder draußen chillen.

Neumann: Die Flasche Bier vor dem Kiosk ist ja das Eine. Aber dass man auch Cocktails am Kiosk gemixt bekommt, im Plastikbecher, sprengt den Rahmen. Da verstehe ich nicht, wieso ich als Gastronomin viel höhere Abgaben zahlen muss – Außenfläche, Parkplatzabgabe, Lärmbelästigungsausgleich und, und, und –, der Kiosk aber nicht.

Niels Boeing, Autor und Aktivist © Philipp Reiss für DIE ZEIT

ZEIT: Die Daniela-Bar versucht seit 2011, die Politik zum Handeln zu bewegen.

Neumann: Ja, mit anderen Gastronomen sind wir damals im Rathaus vorstellig geworden. Uns wurde aber gesagt, man könne nichts machen, und an dieser Aussage hat sich nichts verändert.

Mends-Cole: Da möchte keiner Verantwortung übernehmen. Bitte nicht falsch verstehen, ich finde die Bewegung Cornern, die sich den öffentlichen Raum erobert, im Prinzip gut. Das ist auch nicht mehr umzukehren. Aber gerade deshalb muss man doch fragen: Wie kann man einen Ausgleich schaffen für das gastronomische Gewerbe? Wenn sich ein Nachbar bei der Behörde über uns beschwert, kriegen wir richtig Druck, bis zum Konzessionsverlust. Wir müssen dann nachgeben, die Musik so leise stellen, dass man nichts mehr hört. Aber draußen vor der Tür tobt das Leben, und da soll keiner verantwortlich sein?

Niels Boeing: Ich würde es umgekehrt machen. Man könnte doch sagen: Ab 22 Uhr müssen alle Kioske eine vollwertige Gastrolizenz haben, und zwar mit allen Auflagen, die dazugehören. Für den Bürgersteig bezahlen, Schallschutz, Toiletten und so weiter.

Gabi Dobusch, SPD © Philipp Reiss für DIE ZEIT

ZEIT: Frau Dobusch, wie kann es sein, dass die Politik in acht Jahren keine Lösung findet, um Abhilfe zu schaffen?

Gabi Dobusch: Die rechtliche Situation ist kompliziert. Ich bin der Meinung, dass wir einen Grund haben einzugreifen, wenn es Probleme mit dem Jugendschutz gibt, wenn es Gewaltprobleme gibt. Aber wenn die Politik eingreifen soll in wirtschaftliche Belange, kriege ich Schwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man daraus eine Gesetzeslage macht, die in ganz Hamburg tragen würde. Ich kann nicht den gebeutelten Bars in der Schanze besondere Bedingungen zubilligen, die aber keine Berechtigung hätten für Bars in Bergedorf.

Mends-Cole: Wenn Kioske wie Gastronomien agieren, sollten Kioske Auflagen wie Gastronomien haben. Ganz einfach. Und dann braucht man eine Regelung, die für ganz Hamburg gilt.

Boeing: Das Problem ist zuallererst ein Problem der Masse. Ich habe vor 18 Jahren auch am Grünen Jäger gecornert. Wir waren nur nicht so viele. Heute hast du 20-mal mehr Leute und einen höheren Anteil an Deppen dabei. Und die Leute, die den Stress machen, kommen nicht an einen Runden Tisch. Deswegen finde ich es schwach, wenn die Politik sagt, sorry, kann man nicht eingreifen. Städte wie Amsterdam regulieren längst massiv ihre touristischen Zonen. Dort kannst du im Zentrum keinen Imbiss mehr eröffnen, weil die Stadt gesagt hat: Es reicht. Da muss man halt mal sagen: Scheiß auf die freie Marktwirtschaft, jetzt ist Schicht.