ZEIT: Wie existenzgefährdend ist die Situation für die Daniela-Bar?

Mends-Cole: In dem Maße, wie das Geschäft der Kioske zunimmt, geht es bei uns zurück. Noch ist das nicht existenzgefährdend, aber wer weiß? Wir haben vor drei Jahren eine Aktion gestartet, um zu zeigen, wie das wäre, wenn es nur noch Kioske gäbe. Wir haben aus der Daniela-Bar für einen Abend einen Kiosk gemacht. Nur Außerhausverkauf, Ein-Euro-Biere, Longdrinks zu Kioskpreisen. Kein Reinsetzen mehr, keine Toiletten. Wir haben damals mehr Umsatz gemacht als an einem normalen Wochenendtag.

ZEIT: Soll heißen, eine Bar lohnt sich nicht mehr?

Mends-Cole: Nein, soll heißen: Das Ausgeh- und Konsumverhalten hat sich verändert. Die Bar ist nicht mehr der Treffpunkt, der sie früher war. Du musst nicht mehr in die Bar gehen, um teilzuhaben. Du holst dir News, Musik, Tratsch über das Smartphone. Du weißt, was der, den du triffst, anhat, bevor du ihn triffst – weil er es auf Instagram gepostet hat. Die Bereitschaft, für Qualität zu bezahlen, ist nicht mehr da. Und früher konntest du auch am Montag oder Dienstag losgehen. Mittlerweile ist unter der Woche alles tot. Allein kommt erst recht keiner mehr.

Neumann: Heute ist mehr Rudelverhalten. Da kommt ein Pulk von 15 Leuten, dann ist unser Laden voll. Die trinken alle was, und bumm, sind sie wieder weg, und alles ist wieder leer.

Boeing: Das Ausgehverhalten organisiert sich schwarmartig. Vielleicht ist das Cornern aber ganz einfach nur eine Kompensation zum Digitalen. Man möchte wenigstens am Abend unter vielen sein, nicht allein oder zu zweit.

ZEIT: Gibt es ein Grundrecht auf Cornern?

Boeing: Es gibt es ein Recht auf öffentlichen Raum. Auch zum Trinken. Warum denn nicht? Der öffentliche Raum ist schon genug formatiert als Shoppingmeile. Von daher würde ich sagen, ja, Recht auf Cornern. Aber wie bei allem: Es braucht Regeln und, um mal ein altmodisches Wort zu bringen: Manieren. Womit wir wieder bei der Erziehungsmaßnahme wären.

Mends-Cole: Aber nur, wenn begleitende Maßnahmen dazu Sinn ergeben. Auf dem Schulterblatt haben sie, nach etlichen Jahren Planung, eine öffentliche Toilette hingestellt. Die ist unten leider offen. Als Frau möchte man da nicht draufgehen. So was ist totaler Bullshit!

Dobusch: Der öffentliche Raum ist wichtig, ich möchte das noch mal betonen. Unbedingt. Ich will den öffentlichen Raum niemandem verbieten.

ZEIT: Auch um den Preis, dass es in zehn Jahren nicht mehr die Club- und Barkultur wie bisher gibt, dass die Hamburger Nacht langweiliger und fader wird?

Dobusch: Das ist hier eine Großstadt. Bestimmte Veränderungen passieren einfach. Damit müssen wir leben. Wenn ich keine Veränderung mag, ziehe ich vielleicht doch wieder aufs Dorf.

Neumann: Aber, Frau Dobusch, es kann doch nicht Sinn der Sache sein, dass die Leute nur noch mit Flaschen oder Spirituosen durch die Straßen ziehen und das Kulturleben, zu dem Bars und Clubs im Übrigen beisteuern, wegstirbt. Das ist doch irgendwann kein Aushängeschild für die Stadt Hamburg mehr.

Dobusch: Bitte, ich wünsche mir auch bessere Lösungen, als wir sie bisher haben. Aber ein gefährdetes Kulturleben? Nein, das kann ich nicht sehen. Eine Bewegung, die sagt, Cornern sei cool, ist auf ihre Weise auch Kultur. Es ist das Recht der jüngeren Generation, sich was Eigenes zu suchen.