Man kann Larry Summers nicht vorwerfen, dass ihm der Mut zur These fehlt. Während seiner Karriere mit Stationen als Finanzminister unter Bill Clinton, Wirtschaftsberater von Barack Obama und Präsident der Harvard University war seine Stimme bei ökonomischen Debatten immer gut zu hören. Im Jahr 2005 hat er sogar als Macho-Ökonom von sich hören lassen: Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass es weniger weibliche Genies gebe als männliche, auch das sei ein Grund für die geringe Anzahl von Frauen in der Wissenschaft, sagte er damals in einer Rede. Sie gilt als ein Grund dafür, dass Summers heute zwar noch in Harvard lehrt, weil er ein guter Wissenschaftler ist, aber nicht mehr die Universität leitet. Ansonsten blieb er mit substanzielleren Beiträgen im Gedächtnis, etwa als er im Jahr 2013 die Idee wiederbelebte, dass die Wirtschaft sich in einer säkularen Stagnation befinden könnte, also in einer Lage, in der mehr gespart als investiert wird.

Jetzt hat Summers sich an die Spitze einer Bewegung gestellt, die etwas infrage stellt, das seit dem Ausbruch der Finanzkrise als beinahe unantastbar galt: die Macht und die Weisheit der Notenbanken. Sparer in Deutschland dürfte das interessieren. Denn es geht Summers um etwas, das sie lautstark beklagen: Niedrigzinsen.

Summers stellt gemeinsam mit der Ökonomin Anna Stansbury die These auf, dass Japan und Europa sich in einem "schwarzen Loch des Geldes" befinden. Das ist ein Bild für eine Situation, in der die niedrigen (und teils sogar negativen) Zinsen der Notenbanken nicht mehr richtig wirken. Wie im schwarzen Loch gelten gewissermaßen die bekannten Naturgesetze nicht mehr. Dass an dieser These etwas dran sein könnte, haben auch schon andere angedeutet, sogar der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi. Doch Summers und Stansbury gehen noch weiter als er, wenn er bloß zweifelt. In einem Aufsatz mit dem Titel Wohin, Zentralbanken? stellen sie eine Lehrmeinung infrage, die jeder angehende Volkswirt über Geldpolitik lernt, eine Art Naturgesetz der Zentralbanken. Sie lautet folgendermaßen: Senkt eine Notenbank den Leitzins, so führt das dazu, dass die Banken günstiger an Geld kommen, das sie auch günstiger verleihen können. Kredite werden also günstiger, das führt zu mehr Investitionen und Wirtschaftstätigkeit; die Wirtschaft wird angeregt. Weil sie diesem Lehrsatz vertrauen, senken Notenbanker bislang in schlechten Zeiten, etwa im Abschwung oder in Krisen, die Zinsen. Sie wollen damit die Konjunktur beleben. In guten Zeiten erhöhen sie die Zinsen, um Übertreibungen und Preisblasen zu verhindern.

Leitzins der Europäischen Zentralbank

Quellen: Consensus Economics, Deutsche Bundesbank, finanzen.net, Thomson Reuters © ZEIT-Grafik

Nun schreiben Summers und Stansbury: "Es gibt triftige Gründe zu glauben, dass die Fähigkeit niedrigerer Zinsen, die Wirtschaft zu stimulieren, schwächer geworden ist – oder sich sogar umgekehrt hat." Das bedeutet, dass die Notenbank, wenn sie die Zinsen senkt, entweder die Wirtschaftstätigkeit weniger anregen kann als einst. Oder aber – und hier wird es spannend – sie bewirkt sogar das Gegenteil. Sprich: Wenn sie derzeit die Zinsen senkt, bremst das sogar die Wirtschaft.

Kann das sein?

Wenn es stimmt, hat das Folgen für jeden einzelnen Sparer. Denn viele von ihnen beobachten derzeit, dass ihr Geld etwa auf dem Tagesgeldkonto kaum oder sogar gar keine Zinsen abwirft. Wollen sie – wie vor wenigen Jahren ganz normal – mit Staatsanleihen sparen, dann zahlen sie mit negativen Zinsen sogar drauf. Andere Geldanlage-Alternativen wie Immobilien oder Aktien haben sich derweil recht heiß gelaufen, sodass sie zumindest mit hohen Risiken behaftet sind. Manche Anleger sind deshalb verärgert. Andere, wenn sie wirtschaftlich kundig sind, können sich die Lage bislang damit erklären, dass es der EZB zuletzt wichtiger war, die europäische Wirtschaft am Laufen zu halten, als Sparer zu beglücken. Das kann man verstehen, wenn es mancher auch nicht gutheißt.

Sollten aber die neuen Zweifler recht haben, dann bietet sich ein revolutionär anderes Bild für die Anleger: Die niedrigen Zinsen, unter denen sie leiden und die zumindest zum Teil auch von der Notenbankpolitik beeinflusst werden, sind sinnlos geworden. Haben die Zweifler recht, dann stellt sich die Frage: Warum demnächst wieder niedrigere Zinsen oder Kaufprogramme – wie von Mario Draghi schon angedeutet? Warum nicht stattdessen einfach mal alles lassen, wie es ist?

Summers ist zwar der erste Ökonom, der seine Zweifel am bisherigen Vorgehen so laut und deutlich äußert. Doch er ist nicht der einzige. Zuvor meldeten sich schon andere, weniger bekannte Wissenschaftler zu Wort, die das geldpolitische Dogma infrage stellten.