Der Sohn von Philipp Ruch weiß gut Bescheid darüber, was sein Vater macht: "Schnipp, schnapp, Zaun ab!", erzählte der Zweijährige 2014 im Kindergarten, als das Zentrum für Politische Schönheit die Aktion zum Abbau der europäischen Außengrenzen plante und dafür die Berliner Mauertoten durch vorübergehenden Gedenkkreuzklau entehrte. Als es ein Jahr später verstorbene Flüchtlinge exhumierte und nach Berlin brachte, um sie hier erneut zu bestatten, kratzte das Kind mit einem Spaten auf dem Hof herum, "Flüchtlinge beerdigen". Der stolze Vater schreibt darüber in seinem Buch Schluss mit der Geduld: "Ich habe ihm bisher alles gesagt." Doch als er das berüchtigte Hetz-Video aus Chemnitz sieht, schafft er das nicht mehr: "Im vergangenen Herbst habe ich ihm zum ersten Mal etwas verschwiegen. Ich habe ihm diese Aufnahme aus Chemnitz nicht gezeigt." Philipp Ruch selbst ist von dem Anblick zutiefst erschüttert: "So oft ich dieses Video auch abspiele – ich schaffe es nicht ohne Tränen."

Äußerst emotional geht es zu, wenn das Zentrum für Politische Schönheit agiert, seit nunmehr zehn Jahren; zuletzt baute man das Holocaust-Mahnmal in Sichtweite des Hauses des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke nach. Die Aktionskünstler um den 38-jährigen Ruch haben enorme Resonanz, eine mit jeder Aktion wachsende Zahl von momentan 2500 Unterstützern sorgt für die Finanzierung. "Komplizenschaft bei Verbrechen, die uns in eine bessere Welt führen", wie er es beschreibt. Daneben schafft es Ruch auch noch, Bücher zu veröffentlichen: "Wenn nicht wir, wer dann?" hieß sein politisches Manifest 2015. Zwei Jahre später erschien seine ideengeschichtliche Dissertation Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts, die an der Humboldt-Universität zu Berlin bei Herfried Münkler und Hartmut Böhme entstand.

Der Titel seines neuen Buches Schluss mit der Geduld. Jeder kann etwas bewirken. Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten (Ludwig Verlag, 12 Euro) klingt unfreiwillig Titanic-haft, und ideengeschichtlich lässt sich die krude Mischung schwer einordnen – nur der Wille zur Tat schreit aus jeder Zeile: "Heute ist es die Macht der Aktion, die der moralische Widerstand unserer Tage ist." Der rastlos entfesselte Philosoph pamphletisiert hier jedenfalls mit dem Hammer, so wie auch die Aktionskunst des Zentrums ja nie besonders witzig oder subtil ist, sondern propagandistisch klar, radikal und effektvoll der Mobilisierung dienen soll. Ruch zielt auf die Talkshows (sein Urteil über Maischberger: "Hier rauchen rassistische Scheiterhaufen!"), die politische Klasse, vor allem aber kämpft er gegen die AfD. Da wir kurz vor einem neuen 1933 stünden, würden nur radikale Aktionen helfen, um endlich einen neuen Humanismus zur Verteidigung der Demokratie zu kreieren: "Wir können den Fascismus terrorisieren" – "Jede Unterstützung zählt." Eine Art Greenpeace mit zeitgemäß kreativen Mitteln?

Die Schrift ist ein eigentümliches Amalgam: Die manichäische Rhetorik eines politischen Existenzialismus findet sich hier ("Wir brauchen die Unterscheidung zwischen Gut und Böse"), Verschwörungstheorien (Putin könnte hinter der Kölner Silvesternacht 2015 stecken), gekonnten Sentenzen ("Da herrscht eine ostdeutsche Welt als Wille und Ausschreitung"). Manchmal inszeniert er sich auch lustig als schwarzer Block:

"Verteidigen wir die Menschheit. Verweigern wir Steuerzahlungen. Besetzen wir Nachrichtensender. Machen wir Stress!" Angesichts der "undeutschen gesellschaftsfeindlichen Terrorbande" von rechts raunt er schmittianisch: "Wir können dem Kampf nicht entkommen." Kitsch und Eskalation fusioniert Ruch, für NGOs und Normalpolitik hat er nur Verachtung übrig. Ruch will die Rechten ächten, nicht mit ihnen reden, das wäre Appeasement. Längst seien wir ja mitten im Zusammenbruch unserer Zivilisation: "Er vollzieht sich so geräuschlos wie die Hölle von Auschwitz."

In einer Passage setzt er auf die erzählerische Einbildungskraft. Da parallelisiert er zwecks Warnung Hitlers Weg an die Macht mit der Gegenwart, malt sich die Ereignisse 1932/33 Schritt für Schritt im Heute aus – bis also ein Kanzler Jens Spahn den Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz zum Superminister macht und von diesem im Zuge der totalen AfD-Machtergreifung beseitigt wird. Diese Phantasmagorie wirkt dank ihrer kunstvollen Präzision – auch wenn die Parallelisierung beider Krisenzeiten wie immer hinkt. Was den Brachialgeist Ruch nicht stören würde: "Je klüger eine Person ist, desto weniger kann sie von den wichtigen Dingen erklären."

Wonach klingt dieses Gebräu? Nach dem Futurismus Marinettis plus Schlingensiefs Subversion ohne dessen Witz, nach dem Barrikadenpathos der Zwanzigerjahren, ohne die Kälte der Sachlichkeit, jedenfalls nach Entscheidung und Unbedingtheit, nicht nach Humanismus, gar Demokratie.

"Intellektuelle sind in der Lage, eine Nation zu zwingen, das zu denken, was sie in der Welt sehen." Das haben freilich Intellektuelle schon oft vergeblich geträumt. Hoffen wir, dass auch Philipp Ruch nicht in diese Lage kommen wird – aber vielleicht ist das alles ja auch bloß Kunst.