Im März 1971 wird im US-Bundesstaat Missouri ein Wagen wegen überhöhter Geschwindigkeit von der highway patrol angehalten. Am Steuer des Autos sitzt ein Mann in Militäruniform, der demonstrativ seine Jacke öffnet, um die Polizisten seine Schusswaffe sehen zu lassen. Er wird überwältigt und in Untersuchungshaft gesteckt. Das Einzige, was den Mann interessiert, ist sein Auto, das in einer gut bewachten Garage untergestellt werden solle. John Glueck, so heißt der Häftling, macht keinerlei Anstalten, mit den Behörden zu kooperieren oder sich selbst zu entlasten. Er hat sich, das wird seiner jungen Pflichtverteidigerin bald klar, gezielt verhaften lassen, um im Gefängnis Schutz zu suchen. Und um sein Leben aufzuschreiben.

Das ist die Ausgangssituation von Steffen Kopetzkys neuem Roman, der auf wundersame Weise historische Fakten und Fiktion zu einer von Beginn an vor innerer Spannung vibrierenden Geschichte verschmilzt. John Glueck, geboren 1921 in New York als Kind deutscher Vorfahren, entwickelt sich im Verlauf dieses an Film- und Literaturanspielungen reichen Romans zu einer Art Forrest Gump, der die geschichtlich bedeutsamen Ereignisse weniger sucht, als dass sie durch Zufall oder Schicksal an ihn heranbranden, ihn so prägen, wie er selbst wiederum im Gegenzug versucht, Zugriff auf den Lauf der Dinge zu gewinnen.

John Glueck ist ein Patriot im klassischen Sinne: Was sich, von den USA ausgehend, seit dem Zweiten Weltkrieg an außenpolitischen Verbrechen und Ungerechtigkeiten ereignet hat, erscheint John nicht als ein Systemfehler, sondern als Versagen der politischen Klasse. Mit ihr, nicht mit dem Land, will er abrechnen. Die stets virulente Frage in Propaganda ist dabei die nach den erzählerischen Mitteln. Denn wenige Jahre bevor John Glueck sich dem Department for Psychological Warfare anschließt, absolviert er in New York einen Creative-Writing-Kurs, in dem sich kurzzeitig eine kuriose Freundeskonstellation herausbildet: John, dazu der schüchterne "Wiener-Jerry", der bereits Veröffentlichungen vorweisen kann, und ein in Andernach am Rhein geborener Trinker und Choleriker – J. D. Salinger (der ebenso wie John drei Jahre später als Soldat an der Schlacht im Hürtgenwald in der Eifel teilnehmen wird) und Charles Bukowski. Die Dichtung, so rekapituliert der Propagandaexperte John später im Gefängnis, lebt von den Auslassungen, das Protokoll von seiner Genauigkeit. Propaganda wiederum ist, durch die Hand Steffen Kopetzkys, ein schillerndes Amalgam aus beidem. Seine, Gluecks, Arbeit gegen die Deutschen wiederum erklärt John selbst, der akzentfrei Deutsch spricht, mit seiner Liebe zur deutschen Kultur der pränationalsozialistischen Epoche.

Alles hängt mit allem zusammen in diesem streckenweise pynchonhaften Roman. In den Schilderungen der für die Amerikaner desaströsen Kriegshandlungen im Hürtgenwald entwickelt Kopetzky eine grimmige Komik, beispielsweise in Person eines martialischen Irokesen, der seine deutschen Widersacher zu skalpieren pflegt. John Glueck springt mit dem Fallschirm über Frankreich ab, um eine Reportage über Ernest Hemingway zu schreiben. Glueck gewinnt das Vertrauen des massigen, saufenden Mannes, in dessen Aura aus Selbsterprobung und Selbstermächtigung er hineingezogen wird. Über Umwege gelangt er schließlich in die Eifel, in eine Menschen- und Materialschlacht von unvorstellbaren Ausmaßen, die im Zentrum des Romans steht.

All das schreibt Glueck in seiner Zelle in Missouri auf. Während er in seinen Aufzeichnungen Erinnerungsarbeit betreibt, kristallisiert sich allmählich heraus, dass der Inhalt seines Kofferraums in Verbindung mit den sogenannten Pentagon Papers steht; Papieren, die dokumentierten, dass der Vietnamkrieg bereits seit 1945 als von langer Hand geplante Operation gegen den Kommunismus angelegt war.

Propaganda ist eine glänzend geschriebene, unterhaltsame und zugleich lehrreiche Abenteuergeschichte, die einen starken Sog entwickelt. Um diesen ausufernden Stoff, in den wie auch schon in den Vorgängerroman Risiko eine Reflexion über das Kriegsspiel eingebaut ist, bändigen zu können, muss Kopetzky am Ende zu einem kompositorischen Trick greifen: Gluecks Schlussplädoyer vor dem Gericht in Missouri ist ein klassischer Showdown, der die bis dahin noch losen Handlungsfäden zusammenknüpft. John Glueck verwandelt sich danach buchstäblich in einen anderen. Deutschland aber wird ihn noch immer nicht loslassen.

Steffen Kopetzky: Propaganda. Rowohlt Berlin, 2019; 496 S., 25,– €, als E-Book 19,99 €