Schwester Agatha sagt von sich, sie sei eine Konvertitin: übergetreten vom Zorn zur Versöhnung, vom Misstrauen zum Vertrauen, vom Religionshass zum Religionsfrieden. Dieser Frieden ist in Deutschland ein Sonntagsredenthema, er ist zwar auch hierzulande noch gefährdet, aber als Wunsch ist er weitgehend Konsens. In Schwester Agatha O. Chikelues Heimat Nigeria dagegen ist der Religionsfrieden in den letzten Jahren zu etwas Unglaublichem geworden, eine ziemlich unrealistische Hoffnung – seit die islamistische Terrorgruppe Boko Haram das Land tyrannisiert. Damals begann die Ordensfrau den Islam zu fürchten, sagt sie. Wie viele nigerianische Christen habe sie plötzlich alle Muslime als Feinde angesehen, obwohl diese auch vom Terror betroffen waren. Darin bestehe die wahre Gefahr, die Boko Haram den Nigerianern gebracht habe: eine Spaltung entlang der Glaubensgrenzen.

Schwester Agatha gehörte zu den fast tausend Religionsvertretern, die vergangene Woche zum Welttreffen "Religions for Peace" an den Bodensee reisten. Sie kam mit der "Cardinal Onaiyekan Foundation for Peace" und mit einer der eindrucksvollsten Delegationen: nigerianischen Christen und Muslimen, die nicht müde wurden, einander Brüder und Schwestern zu nennen – so demonstrativ, wie das sonst nur Angehörige derselben Konfession tun.

Das war kein Schauspiel, sondern erforderte Mut. Denn in blutigen Konflikten, in die heute Religionsgemeinschaften verwickelt sind, kann es lebensgefährlich sein, mit der jeweils anderen Seite befreundet zu sein. Manchmal reicht es schon, mit den "anderen" nur zu reden, um sein Leben zu riskieren. Deshalb finden bei Religions for Peace gewisse Gespräche immer hinter verschlossenen Türen statt.

Schwester Agatha berichtete in Lindau auch, was sie praktisch gegen den Religionshass getan hat, nämlich "Räume für den Dialog geschaffen". Im Klartext: Gläubige haben sich getroffen, um offen zu reden über die Anschläge, die Vergewaltigungen und Morde. "Wir sprachen über unseren Schmerz und unsere Angst. Christen und Muslime schrien sich an, beschuldigten einander, wüteten und weinten." Erst als alles gesagt war, sei Verständnis für den jeweils anderen möglich gewesen. Sei man zu der Einsicht gelangt, dass Misstrauen nur noch mehr Gewalt erzeugt. Heute bildet die Friedensstiftung, deren Vizepräsidentin Agatha O. Chikelue ist, Religionsführer zu Mediatoren aus: "Wir bringen ihnen bei, wie man gewaltlos über Gewalt spricht." Wer die Ordensfrau in Lindau erlebt hat, eine große und stolze Person, die die meisten der Bischöfe, Imame, Rabbiner, Brahmanen überragte, der merkte, dass der Religionsfrieden nicht nur eine Floskel ist. Dass man ihn selbst machen muss. Vielleicht auch in Deutschland.

Es hat ja hierzulande ein Weilchen gedauert bis zu der Einsicht, dass Politik ohne Religionskompetenz nicht mehr zu machen ist. Frank-Walter Steinmeier war es, der als Außenminister das internationale, interreligiöse Treffen "Friedensverantwortung der Religionen" in Berlin anstieß. Da hatte sein amerikanischer Amtskollege John Kerry beim State Department bereits einen Beraterstab für religions and foreign affairs eingerichtet, das Büro residierte auf derselben Etage wie der Chef. Klares Signal, wie dringend man die Religionsexperten im operativen Geschäft brauchte.

Nun also Deutschland: Bundespräsident Steinmeiers Signal der Wertschätzung an die Weltreligionen war, dass er das Lindauer Treffen mit einer emotionalen Rede eröffnete. Die Signale aus dem Auswärtigen Amt dagegen waren ambivalent: Der vormalige Staatssekretär im AA und nunmehrige Chef des Bundespräsidialamtes Stephan Steinlein hatte sich massiv für das Zustandekommen von Religions for Peace in Deutschland eingesetzt. Am Bodensee waren dann für das AA auch der Abteilungsleiter Kultur Andreas Görgen, die Leiterin des Arbeitsstabes "Friedensverantwortung der Religionen" Silke Lechner und der Botschafter Volker Berresheim zugegen. Doch Außenminister Heiko Maas selbst kam nicht.

Den Schwung der frommen Friedensstifter bremste das keineswegs. Halimat Jibril von der Federation of Muslim Women’s Association zum Beispiel, eine Partnerin von Schwester Agatha, berichtete, wie sie in Nigeria muslimische Mütter schule, damit die ihre Kinder gegen den Einfluss der Islamisten immunisieren. Die Botschaft der nigerianischen Muslime: Was Boko Haram tut, ist das Gegenteil dessen, was unser Glaube tatsächlich gebietet. Du sollst nicht töten! Du sollst heilige Orte nicht attackieren! Du sollst niemanden als Selbstmordattentäter missbrauchen!

Das Besondere an dem Netzwerk Religions for Peace ist ja, dass die Beteiligten sich in dem halben Jahrhundert seit der Gründung angewöhnt haben, Klartext zu sprechen und sich nicht mit Umarmungen zu begnügen. So erzählten Muslime aus Nigeria auch, wie es sie geschmerzt und empört habe, als christliche Nachbarn plötzlich ihren Kindern verboten, mit den muslimischen Kindern befreundet zu sein und in deren Haus zu kommen. Aber auch, wie sie daraufhin nicht beleidigt geschwiegen, sondern die Nachbarn angerufen hätten: Ihre Kinder seien auch weiterhin sicher bei ihren bisherigen muslimischen Freunden.

Religions for Peace ist heute das weltgrößte multireligiöse Netzwerk, eine Art UN-Versammlung des Glaubens. Die gewalttätigen Konflikte, in denen Mitglieder vermittelt haben, füllen mittlerweile dicke Broschüren. Unter den Ländern, mit denen verhandelt wurde, sind so mächtige wie Russland und China, die USA und der Iran. Man half in Vietnam und Südafrika, in Bosnien und Sierra Leone, in Liberia und Korea. Diesmal war neben Nigeria, Myanmar und Indonesien auch der Irak Thema.