Sie sind die Popstars ihres Viertels. Mit einer Waffe im Hosenbund fegen Maraja und seine Freunde auf Motorrädern durch die Gassen von Neapel und sichern ihr Terrain. Je kaltblütiger, desto besser. Ihre Freundinnen werden mit Gucci-Handtaschen und Prada-Klamotten überschüttet, und für die Eltern fallen Eigentumswohnungen ab. Selbst bei der Bank gelten die jungen Männer als seriöse Partner. Marajas Paranza, wie die Jugendbanden in Neapel genannt werden, hat es geschafft.

Roberto Savianos Roman Die Lebenshungrigen, der zweite Teil über die Machtentfaltung und den unvermeidlichen Niedergang der Nachwuchs-Camorristi, knüpft direkt an den ersten Band Der Clan der Kinder an, dessen Verfilmung gerade in den deutschen Kinos anläuft. Wer den ersten Teil nicht kennt, braucht eine Weile, bis er sich in der Nomenklatura der Paranzini zurechtfindet, die Spitznamen zuordnen kann und die Konstellationen entschlüsselt hat. Der deutsche Titel weckt positive Assoziationen und weist in die falsche Richtung, der Originaltitel Bacio feroce, "wilder" oder "grausamer Kuss", der auf Deutsch nicht funktioniert, trifft die Haltung schon eher – komplette Hingabe bis zur Gefahr der Vernichtung. Dass Roberto Saviano seine Hauptfiguren nicht glorifiziert und sie auf erbärmliche oder banale Weise ums Leben kommen lässt, gehört mit zum Besten an seinem Roman. In grotesker Verzerrung spiegeln die Paranzini mit ihrer Geldgier und Prasserei den schrankenlosen Materialismus, der auch sonst überall herrscht. Und schließlich deckt Saviano mit dem Organigramm der Paranza die Mechanismen des Kapitalismus auf. Die nachwachsende Generation will die Väter, die alt, fett und unbeweglich geworden sind, entthronen. Dass am Ende Anarchie herrscht und die Geschwisterhorde sich wie ein Kampfhunderudel zerfleischt, ist Teil der Logik.

Roberto Saviano präsentiert sein Sujet mafiamäßig rasant und schnittig, lässt seine Helden mit Bezügen auf Serien und Filmklassiker spielen, hat eine Fülle von neapolitanischen Originaltönen zu bieten und wartet mit schrägen Genrebildern auf. Doch immer wieder hebelt eine kommentierende Instanz die Fiktion aus und verwässert das, was zuvor gerade spürbar wurde: die Innenwelten der Figuren. Statt sich auf die Ambivalenzen seiner Helden literarisch einzulassen, bringt der Autor mit Vätern, Müttern, Onkeln und Geschwistern viel zu viel Personal ins Spiel.

Die Lebenshungrigen hat soziologische Qualitäten, möchte literarisch aber mindestens in der Liga von Pasolinis Ragazzi di vita (1955), dem legendären Roman über die römischen Vorstadtkriminellen, mitspielen. Doch Saviano ist ein glänzender Reporter, ein Romancier ist er nicht. Dass er sich auf Pasolini bezieht, ist genauso ehrenwert wie riskant, denn an die Romane seines Idols reicht er nicht heran. Und auch für einen Skandal, wie ihn Pasolini Mitte der 1950er-Jahre noch entfesselte und wie er Saviano mit seinem Erstling Gomorrha gelang, taugt das neue Buch nicht. Die Wucht, das Bedrängende, auch die analytische Tiefenschärfe, die sein Debüt von 2006 besessen hatte, entfaltet Die Lebenshungrigen an keiner Stelle. Die Verrohung gehört längst zur Normalität.

Roberto Saviano: Die Lebenshungrigen
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki; Hanser Verlag, München 2019; 480 S., 25,– €