Sibylle Lewitscharoff hat ein Händchen für Filigranes. Auf ihrem geräumigen Schreibtisch in ihrer Altbauwohnung steht ein kleiner Plexiglas-Quader. Darin ist ihr Insekten-Theater untergebracht, ein Miniaturmodell. Sie hat es entworfen, mehrere davon, die auch schon im Literaturmuseum in Marbach gezeigt wurden. Ein Thüringer Glasbläser hat ihre Fantasien umgesetzt, winzige Grashüpfer und Bienen sitzen in den Rängen, die Bühnendekorationen sind aus gläsernem Spinnweb. Ihre kunstvoll gestalteten Notizbücher auf dem Schreibtisch sind ebenfalls kleine Kunstwerke, ihre Schrift ist winzig, fein ziselierte Arbeit an der Schrift, am Wort, an der Literatur.

Ihre sehr geräumige Altbauwohnung in Wilmersdorf ist ein Zauberkabinett der Vernunft – ihre Bibliothek spiegelt dem Betrachter die Wege und Irrwege des Denkens wider – alles ist von ausgesuchter Schönheit, das Mobiliar, die Kunst an der Wand, die Teezeremonie.

In ihrem neuen Buch "Von oben" schwebt ihr Protagonist im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Himmel und Erde über Berlin – nach seinem Tod als entleibtes Seelenwesen.

Frage: Frau Lewitscharoff, der erste Satz Ihres Buches lautet: "Vor dem Tod. Nach dem Tod. Das sind zwei grundverschiedene Arten, die eigene Existenz zu erfahren." Woher wissen Sie das? Keiner, der dahintergekommen ist, ist schließlich jemals zurückgekehrt.

Sibylle Lewitscharoff: Es gibt in der Literatur eine Menge Beispiele, in denen die Autoren aus der Perspektive des Verstorbenen erzählen. Chateaubriand hat seine Briefe aus dem Totenreich geschrieben, Dante, mit dem ich mich seit Jahren intensiv beschäftige, ist mit seiner Göttlichen Komödie ein Meister darin. Ich habe aber vor allem einen Narren gefressen an dem brasilianischen Autor Machado de Assis. Er hat einen Schelmenroman im 19. Jahrhundert verfasst, den fand ich köstlich. Ihm wollte ich mit meinem neuen Buch in der Konstruktion folgen, wenn auch weniger humoristisch.

Frage: Sie gelten im Literaturbetrieb als "begnadete Schleusenwärterin zwischen Diesseits und Jenseits", wie ein Kritiker einmal schrieb.

Lewitscharoff: Es hat mich schon immer fasziniert, den Blick über das Irdische hinaus zu weiten. Auf der Erde hat man doch vieles x-mal gesehen, und man ist vieler Dinge überdrüssig. Es kommen immer mehr Dinge ins Spiel, an denen ich nicht mehr teilhaben muss. Meine Neugier ist heute eher auf Sphären gerichtet, die nicht mehr von dieser Welt sind. Aber das geht wohl allen Menschen im vorgerückten Alter so. Manche verfallen dabei in einen fürchterlichen Kitsch, bei anderen ist es fundierter angelegt. Aber ich bin nicht morbide, wenn Sie das dunkel andeuten wollten.

Frage: Nichts liegt mir ferner, als das zu glauben, wenn ich Sie hier so sehe.

Lewitscharoff: Und menschenfreundlich bin ich dazu! Mir kommt es immer darauf an, alle wichtigen Figuren in meinen Romanen so zu nehmen, dass ich sie als gottgewollte Geschöpfe begreife, die ich als Schriftstellerin und als Leserin nicht umbringen darf. Mir geht es wirklich darum, die Kostbarkeiten des Lebens zu schonen, egal ob die Figur aggressiv, schön oder unangenehm ist. Das habe ich in all meinen Werken versucht durchzuhalten. Das ist für mich ein wichtiges Agens in der Literatur, nicht in den Sadismus zu verfallen. Damit ist auch mein Credo umfasst, dass in dem wüstesten Menschen auch eine Seele zittert, die etwas anderes gewollt hat und umständehalber in ein furchtbares Leben geraten ist.

Frage: Das klingt jetzt aber arg altersmilde. Mit den Menschen im wirklichen Leben springen Sie oft nicht so zimperlich um.

Lewitscharoff: Ich erzähle wahnsinnig gerne Anekdoten, wo Leute von mir getunkt werden, die sich blöde benommen haben. Ich kann damit Tischrunden glänzend unterhalten. Eine Lästerzunge zu sein ist meine Hauptsünde. Meine Freundinnen sind davor bewahrt, denen gewähre ich eine Schutzzone. Aber alles andere, was da so rumkraucht, darf sich nicht sicher wähnen.

Frage: Da klingt aber schon ein Gran Lebensenttäuschung durch. Woher kommt sie?

Als meine Generation jung war, wollten wir die Gesellschaft durchdringen und die Welt verändern. Herausgekommen ist eine Gesellschaft, die man überhaupt nicht mehr versteht

Lewitscharoff: Als meine Generation jung war, wollten wir die Gesellschaft durchdringen und die Welt verändern, ganz neue Muster erfinden. Herausgekommen ist aber dann letztlich eine Gesellschaft, die man überhaupt nicht mehr versteht in ihrer Idiotie. Die Vorgängergesellschaft hat natürlich auch Formen von Idiotie gekannt, aber eben andere. Mich stört heutzutage dieses große Larifari mit seinen vorgeblich unendlichen Möglichkeiten, die aber nicht auf den Menschen gerichtet sind, sondern als eine permanente Potenz herumschwirren. Das macht es sehr schwer, sich in dieser Welt einzuhausen, auch weil sie keine Aufschlüsse mehr über Leben und Tod gibt.