Jeder Song muss irgendwo anfangen, warum also nicht in einem Brückenpfeiler. Als die Einstürzenden Neubauten noch ein Westberliner Krachmachkommando waren, ist die Band mal in einen solchen Pfeiler eingestiegen, um auf alles einzudreschen, was nach Stahl, Beton und anderen Hardlinermaterialien aussah. Ein Mythos der Industrial Music war geboren, und kurz darauf rutschte auch noch der Industrial Rock mit heraus. Bands wie die Nine Inch Nails und später auch Marilyn Manson kultivierten eine alles und jeden übermannende Schocksoundästhetik. Kaspermusik für die Harten im Steingarten.

40 Jahre nach den ersten Baustellenbegehungen mit den Einstürzenden Neubauten und immerhin 20 nach dieser einen guten Marilyn-Manson-Platte machen sich jetzt Sleater-Kinney auf die Suche nach Schlupflöchern in der Bausubstanz von Los Angeles. Das neue Album der Rockband um die singenden Gitarristinnen Corin Tucker und Carrie Brownstein heißt The Center Won’t Hold, und es beginnt mit einem Schlagzeugpart, der nach schwerwiegenden Abrissarbeiten klingt: als fiele ein Amboss nach dem anderen auf das Instrument der Schlagzeugerin Janet Weiss herab. Noch im selben Song gibt es einen Flüstermoment und schließlich, in typischer Laut-leise-laut-Manier, das letzte großindustrielle Aufbrausen der E-Gitarren.

Eigentlich sind Sleater-Kinney eine Punk-Institution im 25. Bandjahr. Unkopierbar, nicht zu kaufen, mit niemandem zu verwechseln, die größte Erfolgsgeschichte der Riot Grrrl genannten feministischen Bewegung, die Anfang der Neunzigerjahre den Männern die Hoheit über den Rock streitig machen wollte. Sleater-Kinneys aerodynamisch-aggressive Kurzhymnen handeln vom Verbrauchen der eigenen Körper und der Körper anderer Menschen, von Sex, Geld, Gier und den damit verbundenen Machtverhältnissen. Immer wieder ging es auf den acht bisherigen Alben der Band auch um das Frausein in einer patriarchalisch organisierten Musikindustrie und die besonderen Maßnahmen, die Sleater-Kinney anstrengen mussten, um sich einer Vereinnahmung durch die Branche zu entziehen. Nun aber ist ihr neuntes Album erschienen, und man fragt sich: Was ist bloß in diese Band gefahren? Wieso tauscht sie ihr heimeliges Portland gegen das Klischeeglitzern von Los Angeles? Und warum hantiert sie plötzlich mit Effekthaschereien und Dynamiken des Industrial Rock?

Als Sleater-Kinney vor zwei Monaten den Titel von The Center Won’t Hold bekannt gaben, schien er auf das Große, Ganze, Schlimme zu verweisen: Machterosionen in den Schaltzentralen der Welt, Risse im Kitt der Gesellschaft, Rückschläge auf den Kampfplätzen queerer Gleichberechtigung und weiblicher Selbstbestimmung. Sogar einen Song über das Schmelzen der arktischen Polkappen hätte man der Wichtige-Themen-Band zugetraut. Worauf hingegen niemand kam, war die einfachste Interpretation des Albumtitels: Was hier zu zerbrechen droht, ist nicht die Welt um die Band herum. Es ist die Band selbst.

The Center Won’t Hold war noch gar nicht erschienen, da war Janet Weiss schon raus: Ausstieg nach siebzehn Amtsjahren. Man hört zwar ihr charakterstarkes Schlagzeug noch auf der Platte, aber man hört auch schon, wie Corin Tucker und Carrie Brownstein sich in eine andere Richtung entwickeln: Die Musikerinnen haben ihr Interesse an Kostümierung und Künstlichkeit entdeckt. Gitarren klingen jetzt wie Synthesizer und Synthesizer wie das letzte Flackern aus einem menschenleeren Maschinenraum. In zunehmend ruppigen Liedern geht es um Sex als Waffe und Machtwerkzeug, in einem zynisch-vergnügten Song außerdem um die grundlos gute Laune vieler Mitmenschen. Die abschließende Klavierballade heißt Broken. Weiss und ihr Schlagzeug kommen darin nicht mehr vor.

Vor allem dieses Stück zeigt, wie schön und grausam Popmusik sein kann. Verlässlich sendet sie jene Signale aus, die man gerade von ihr empfangen will; ebenso verlässlich serviert sie aber auch alle ab, die einmal kurz stehen bleiben oder einfach weitermachen wollen wie bisher. Tucker und Brownstein singen zur Mitte von The Center Won’t Hold überraschend country-poppig von einem restless life, das mit ihrer Berufung einhergehe. Die Rastlosigkeit der Künstlerinnen richtet sich jedoch nicht nur gegen die eigene Schlagzeugerin, die – besonders tragisch – im zugehörigen Song noch so stoisch den Takt hält. Sie könnte auch als Reaktion auf eine Szene gemeint sein, die sich gerade in neu gefundener Bedeutsamkeit gefällt.

Die Kollegin Kathleen Hanna zum Beispiel hat gerade die ersten aller Riot Grrrls wieder zusammengetrommelt und mit ihrer Band Bikini Kill im vergangenen Juni die größten Konzerte ihres Lebens gespielt. Und viele jüngere US-amerikanische Musikerinnen greifen zwar nicht den Punk-Sound der ursprünglichen Bewegung auf, berufen sich aber auf deren feministische Werte. Rockmusik gilt in der Fachpresse nicht mehr als tot, sondern als weiblich. Doch Sleater-Kinney haben solche Verheißungen schon zu oft gehört. Ihr Beitrag zum Trend ist eine Anti-Mitmach-Platte, unbeeindruckt und buchstäblich destruktiv. Vielleicht wird auch diese Band irgendwann müde werden. Bis dahin stampft sie weiter auf Brückenpfeilern durch die Poplandschaft.