Sehr viele Dreißigjährige erben ein Haus auf einer Insel, zumindest in der Unterhaltungsliteratur und im Unterhaltungsfernsehen. Zweifellos gibt es auch in der Realität dreißigjährige Inselhauserben, aber in Schmökern und im TV sind sie epidemisch. Ich gehe jede Wette ein, dass der Inselhauserbe die am stärksten vertretene Figur dieser Genres ist, abgesehen von Kommissaren.

Vor einiger Zeit saß ich abends vor dem Fernseher und dachte: Donnerwetter, hier hat der Drehbuchautor aber gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. In dem Film ging es um einen Dreißigjährigen, der ein Haus geerbt hat, ob auf Sylt oder auf Norderney, weiß ich nicht mehr. Auf alle Fälle fuhr er mit der Fähre hin, ging zum Haus, drückte die Tür auf, und was lag dahinter? Eine Leiche. Die Inselpolizei, behäbig wie sie ist, wollte von einem Mord nichts wissen, geschweige denn ihn aufklären. Das blieb am Inselhauserben hängen, der somit auch als Hobbykommissar auftrat. Wenn er durch die Dünen radelte, sah man ihm an, dass er selbst nicht wusste, wen er als Erstes aufsuchen soll, den Makler oder den Mörder.

Normalerweise geht der Plot so: Junger Großstadtworkaholic erfährt von einem Notar, dass er im Testament einer Tante/Oma/Stiefmutter als Erbe eines Hauses genannt ist, das sich auf einer Insel befindet. Klingt erst mal gut. Dann die schlechte Nachricht: Die Erbschaft gilt nur, wenn der Erbe sich verpflichtet, ein Jahr lang in dem Haus (geschätzter Verkaufswert etwa 300.000 Euro) zu wohnen. Pest oder Cholera. Die 300.000 Euro hätte der Nachwuchskarrierist schon gern. Aber die Vorstellung, zwölf Monate auf einem Inselchen zu versauern, ist der reinste Albtraum. "Schauen Sie sich das Haus doch erst mal an", sagt der Notar und lächelt sardonisch.

Der Fortgang der Geschichte ist immer gleich, auch in Susanne Oswalds Roman Ein Jahr Inselglück, in dem die Hamburgerin Fenja, sie macht irgendwas mit Design, das Haus von Tante Trude erbt. Es steht auf Amrum. Am Anfang ist alles ganz grässlich, das Inselvolk beschränkt, die Inselkneipe primitiv, das WLAN wacklig, der Wind windig. Dann aber weicht der Albtraum der erlösenden Überzeugung, dass es nichts Besseres gibt als ein beschauliches Leben auf einer Insel. Und immer finden die Inselhauserben ihr Liebesglück in einem Inselbewohner beziehungsweise einer -bewohnerin, die absolut nicht ins gewohnte Beuteschema passen.

Ich vermute, die Beliebtheit der Inselhauserbengeschichte liegt darin, dass sich mit ihr das Motiv des Kulturschocks in der harmlosesten aller Varianten inszenieren lässt. Nachdem sich Fenja auf Amrum erst mal eingelebt hat, merkt sie, wie wenig sich Amrum von Hamburg im Grunde unterscheidet. Es gibt alles, nur kleiner.

Susanne Oswald: "Ein Jahr Inselglück." MIRA, Hamburg 2019; 348 S., 9,99 €, als E-Book 8,99 €