Manche mögen’s nice, und die Popmusikerin Taylor Swift erst recht. Seit ihrem Debüt vor 13 Jahren hat sie als America’s Sweetheart eine Auszeichnung nach der anderen abgeräumt, laut aktuellstem Forbes-Bericht ist sie sogar die reichste Musikerin der Welt. Trotz ihrer exorbitanten Reichweite (121 Millionen Instagram-Follower und 20 Millionen Twitter-Follower mehr als Donald Trump!) nutzte sie bislang aber keine der zahlreichen Gelegenheiten, um politisch Stellung zu beziehen. Nicht mal, als sie vor drei Jahren von Anhängern der Alt-Right-Bewegung aufgrund ihres "sehr weißen und sehr blonden" Aussehens als "arische Göttin" auserkoren wurde. Umso erfreulicher war es dann, dass sie vor den amerikanischen Zwischenwahlen im letzten Herbst endlich ihr Schweigen brach und den US-Präsidenten öffentlich kritisierte. Trumps Antwort, er möge die Sängerin nun "25 Prozent weniger", wirkte dann ungewohnt milde.

Nun ist am vergangenen Freitag Swifts neues Album Lover erschienen, auf dem sie, wenn auch eher zaghaft, kritische Töne anschlägt. Sie hat beschlossen, sich von nun an für die Rechte der LGBTQ-Gemeinde einzusetzen. Zeitlich perfekt abgestimmt, kam das quietschbunte Musikvideo zu ihrer Single You Need to Calm Down inmitten des Pride-Parade-Monats heraus. Neben der Sängerin tummeln sich da etliche queere Prominente, von Talkshow-Host Ellen DeGeneres bis zur Dragqueen RuPaul. Sogar eine Versöhnungsszene mit ihrer Pop-Rivalin Katy Perry kommt vor, in der sich beide, verkleidet als Pommes-Tüte (Swift) und Hamburger (Perry), selig umarmen, gefolgt von einem Aufruf, auf change.org eine Petition für gleiche Rechte der LGBTQ-Gemeinde zu unterzeichnen.

Die Strategie scheint aufzugehen: Lover war bereits 48 Stunden nach der Veröffentlichung das meistverkaufte Album des ganzen bisherigen Jahres. Der in pastellige Disneyfarben gehüllte Pop mit seiner Regenbogen-Agenda kommt gut bei den Fans an. Rechtsliberale würden sagen: Diversity sells.

"Dieses Album ist eine Feier der Liebe, mit all ihrer Komplexität, Behaglichkeit und ihrem Chaos", schrieb Swift auf ihren Social-Media-Kanälen. Liebe, wenn auch hier überwiegend die romantische, ist dann auch das Leitmotiv, das sich durch alle 18 Songs des Albums zieht, angefangen beim eher giftigen Opener I Forgot that You Existed über den walzerhaften Titelsong Lover bis hin zu London Boy, den sie ihrem britischen Partner Joe Alwyn gewidmet hat. Wie gewohnt bekommen wir tagebuchartig einen Einblick in Swifts vergangene und aktuelle Liebschaften (darunter Tom Hiddleston, Calvin Harris und Harry Styles). Passend dazu sind die vier verschiedenen Deluxe-Editionen des Albums gestaltet, in denen sich je 30 Faksimile-Seiten aus ihren alten Tagebüchern befinden, gefolgt von leeren Seiten, in denen sich alle "Swifties" selbst verewigen dürfen. Ein Star für alle, das Mädchen von nebenan zum Anfassen und Durchblättern.

Nimmt man der Pop-Prinzessin ihren Kampf für die freie Liebe nun ab? Angesichts der überwiegend autobiografischen Texte kommt dieses Album eher wie eine zuckersüße Reverie mit Nabelschau-Momenten denn wie eine mutige Positionierung im politischen Diskurs daher, zumal ein immer noch sehr wichtiges Thema, Rassismus, weitgehend außen vor bleibt.

Das heißt natürlich nicht, dass sich auf dem Album keine hörenswerten Songs finden. Im Gegenteil: Da wäre die treibende Synthpop-Nummer The Man, in der sie davon fantasiert, ein "alpha type" zu sein (Kollegah wäre stolz). Oder Cruel Summer, der als großer Sommer-Abgesang Lana Del Reys Summertime Sadness ablösen könnte. Lover ist ein so einlullend-wattiges Klangkaleidoskop, dass man Taylor Swift beinahe ihr spätes, recht kalkuliertes politisches Engagement verzeihen könnte. ⇥Sinem Kılıç