Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Die Armee spielte in der türkischen Politik stets eine bedeutende Rolle. In der 75-jährigen türkischen Demokratie übernahm sie dreimal die Macht und lenkte mehrfach mit Memoranden die Richtung der Politik.

Erdoğan wusste, dass nur laizistische Generäle ihn am Fortkommen hindern können. Als er 2007 seine Macht gefestigt hatte, führte er zusammen mit Staatsanwälten der Gülen-Bewegung eine Säuberung durch und gab ihr den Anstrich einer "Zivilisierungsinitiative", wodurch er sich die Unterstützung des Westens und der Liberalen in der Türkei sicherte. Laizistisch ausgebildete Offiziere wurden der Putschvorbereitung bezichtigt und abgewickelt. Damit war der Weg frei für regierungstreue Kräfte in der Armee, 2015 wurde der aus islamistischen Verbänden hervorgegangene Militär Hulusi Akar an die Spitze der Truppen gesetzt.

Der Putschversuch vom 15. Juli 2016 gab Erdoğan schließlich die Gelegenheit, sämtliche Gegner aus der Armee zu entfernen. Nun waren die Gülenisten dran, die seinerzeit bei der Entfernung der laizistischen Generäle eine Rolle gespielt hatten. 17.000 Personen wurden entlassen, darunter 150 im Generals- oder Admiralsrang.

Nach dieser Säuberung war die Befehlsebene erheblich geschwächt. Es gab plötzlich mehr Flugzeuge als Piloten. Mit vorzeitigen Entlassungen und verkürztem Wehrdienst wurde der Umfang der Armee reduziert. Islamistische Offiziere mit geheimdienstlichen Anmerkungen wie "Frau trägt Kopftuch" oder "regierungstreu" wurden durch Beförderung in entscheidende Positionen gehievt.

Die jüngsten Säuberungen erfolgten nach Erdoğans Niederlage bei den Kommunalwahlen. Der Präsident brauchte dringend einen Triumph, um die Schlappe vergessen zu machen. Er plante eine Operation gegen die Kurden in Syrien, stieß aber auf den Widerstand der mit den Kurden verbündeten USA. Nach langen Verhandlungen fand Washington eine Formel, um Ankara an einem Abenteuer östlich des Euphrats zu hindern: Man gründete gemeinsame Einsatzkräfte und übertrug Generalmajor Ahmet Çorbacı das Kommando.

Am Morgen des 19. August geschah, was befürchtet worden war: Bei Idlib wurde ein türkischer Militärkonvoi attackiert. Drei Zivilisten starben in einem Zivilfahrzeug. Kurz darauf wurde bekannt, dass eine russische Su-22 den Angriff geflogen hatte und es sich bei den Getöteten um Aktivisten der Fajlak al-Scham handelte, des bewaffneten Arms der Muslimbrüder in Syrien. Russland warf der türkischen Regierung Unterstützung der Terroristen vor.

Als die Spannungen mit Moskau sich verschärften, vereinbarte Erdoğan ein Treffen mit Putin. Noch vor dem Abflug aber wurde er vom Rücktritt Çorbacıs überrascht. Mit ihm dankten vier weitere Generale ab, die an der Grenze Einsätze leiteten. Gerüchten zufolge hatten sie sich gegen die jüngste Säuberung in der Armee, unwürdige Ernennungen und den allgemeinen Zustand der Streitkräfte gestellt.

In letzter Zeit spielte Erdoğan ein gefährliches Spiel, indem er Moskau gegen Washington und Washington gegen Moskau ausspielte. Jetzt hat er beide vergrätzt. Während er außenpolitisch mit dem Feuer spielt, muss er nun auch im Inneren Feuer löschen. Ob ihm das mit Kommandeuren gelingt, deren "Frauen Kopftuch tragen", ist fraglich.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe