Man käme nicht darauf, wenn man die neue bunte Welt der Mobilität in der Hamburger Innenstadt auf sich wirken lässt. Aber all die vielfarbenen Elektroroller, die golden lackierten Kleinbusse von Moia, die neuen Smartphone-Fahrdienste und sogar die futuristischen führerlosen Busse sind womöglich Ausdruck einer besonderen Rückständigkeit. Warum tauchen sie im Jahr 2019 so plötzlich auf, könnte man fragen. Aber die Frage ist wohl eher: Warum erst jetzt?

Hier versuchen wir einen Überblick oder, angesichts des Tempos der Entwicklung, wenigstens eine Momentaufnahme der Neuerungen im Straßenverkehr zu zeigen. Was gibt es, was leistet es, wohin wird es führen? Und woher kommt es?

Wenigstens die letzte Frage lässt sich eindeutig beantworten. Einige der neuen Entwicklungen mögen Hamburger Wurzeln haben. Ursprünglich aber kommen diese Mobilitätsangebote aus China und den USA. Die Strategen in der Verkehrsbehörde schauen nach Westen, in Richtung Kalifornien. Die ersten Apps und Algorithmen für Dienstleister wie Uber, die Fahrgäste mit gemeinsamen Zielen zusammenbringen und an private Chauffeure und Taxiunternehmen vermitteln, stammen aus dem Silicon Valley und werden dort fortentwickelt. Die Experten des Berliner Thinktanks Agora Verkehrswende weisen hingegen besonders auf Entwicklungen in Fernost hin, auf den riesigen chinesischen Mobilitätsdienstleister DiDi und seine Verflechtung mit den Internetkonzernen Tencent und Alibaba. Dieser Verbindung verdanken sich die Geschäftsmodelle der Leihradbranche.

Mobilität als Dienstleistung, das ist ein junger, aber riesiger Markt, der rasant wächst. Weltweit wurde der Umsatz im Jahr 2018 auf 24 Milliarden Dollar geschätzt, bis 2025 soll er sich fast verzehnfachen. Carsharing, Leihfahrräder, per Smartphone buchbare Elektroroller oder Sammeltaxis – welche Produkte und welche Anbieter sich durchsetzen werden, weiß heute niemand. Klar ist nur: Das private Auto bekommt Konkurrenz, die Autohersteller experimentieren mit Alternativangeboten, und viele Investoren wittern ein großes Geschäft. Zwei privaten E-Roller-Anbietern ist das Kunststück gelungen, den Wert ihrer Unternehmen binnen weniger Jahre auf mehr als eine Milliarde Dollar zu steigern. Fehlentwicklungen sind Teil des Kalküls. Die Billigräder des mittlerweile bankrotten Leihradanbieters oBike aus Singapur, die eine Zeit lang die europäischen Städte überschwemmten, sind inzwischen Fälle für den Sperrmüll und den Secondhand-Markt.

Niemand wünschte sich E-Roller oder Sammeltaxis – aber plötzlich waren sie da

Uber entstand vor zehn Jahren in San Francisco. E-Roller sind in den USA fast genauso alt. Das chinesische Uber DiDi ist inzwischen weitaus größer als sein Vorbild. Warum ist Deutschland so spät dran?

Alexander Jung von Agora Verkehrswende nennt eine Reihe von Gründen. Der US-Markt ist dereguliert, die öffentlichen Verkehrsmittel sind marode, alternative Angebote hatten es dort leicht. In China nimmt der gesamte Verkehr so schnell zu, dass die neuen Dienstleister wachsen konnten, ohne anderen Verkehrsmitteln Kunden abzujagen. Zudem erzeugt die private Autonutzung in den chinesischen Megastädten so große Probleme, dass der Staat sie strikt reglementiert. Umso schneller breiteten sich die neuen Angebote aus.