Der Roman Wie später ihre Kinder des französischen Schriftstellers Nicolas Mathieu ist insofern eine Art Sommerhit, als er von der Kritik ausnahmslos gefeiert und zum Roman der Stunde erklärt wurde, man von dem Autor aber eigentlich noch nie etwas gehört hatte, bis er im vergangenen Jahr den Prix Goncourt für ebendiesen Roman bekommen hatte. Mathieu erzählt darin über vier Sommer (beginnend 1992) hinweg das Leben von Anthony und Hacine, zwei Teenager-Jungs, die in Frankreich leider in die falsche Familie geboren worden sind (Hacine: bildungsfern plus Migrationshintergrund; Anthony: bildungsfern ohne Migrationshintergrund, Vater Alkoholiker). Die beiden wachsen in einer deindustrialisierten, vollkommen gleichgültigen, supermarktparkplatzhaften Neunzigerjahre-Provinzhölle auf (Hölle auch, weil es dort immer zu heiß ist), aus der sie im Laufe der Handlung routiniert und bescheiden wirkende Ausbruchsversuche unternehmen, wobei jene Versuche vermutlich deswegen so routiniert und egal wirken, weil man als Leser ziemlich genau weiß, dass Anthony und Hacine genau wissen, dass sie für immer in der Hölle werden bleiben müssen.

Die Hölle hat in dem Roman den erfundenen Namen Heillange, eine Kleinstadt, in der es für die Väter von Anthony und Hacine einmal sichere Arbeit in der Schwerindustrie gegeben hat, aber das war, bevor die örtliche Stahlfabrik geschlossen wurde und es mit Heillange bergab ging. Seither sind Anthony und Hacine gezwungen, die Kränkungen ihrer Väter mitanzusehen (Zeitarbeit, Isolation, Corporate-Identity-Unverschämtheiten), die für ihre Schmerzen weder Sprache noch Erklärungen haben, ihren Söhnen aber über die Jahre recht deutlich vermitteln konnten, dass auf dieser Welt kein Mensch, also wirklich niemand, auf sie warte und es in diesem Leben folglich auch nichts zu erwarten gebe. Denn die Väter von Hacine und Anthony, die früher in der gleichen Fabrik gearbeitet haben, sind, "wie später ihre Kinder" sein werden, und es ist das Gefühl dieser Ausweglosigkeit, eines "ewigen Kreislaufs" und "Fluchs", das den Sound des Romans und das Erleben der Protagonisten bestimmt, die sich als Teil einer "ausgebeuteten Mehrheit" verstehen, die zwar "zu allem fähig war", aber doch glaubte, "nichts bewegen zu können".

Interessant ist, dass Mathieu die Lebensläufe seiner Figuren immer zuerst durch ökonomische Entwicklungen motiviert, ganz so, als wolle er der Tendenz zur gesellschaftlichen Fragmentierung in verschiedene Minderheiten ein bisschen Marx entgegensetzen, um daran zu erinnern, dass die Benachteiligten am Ende alle von dem gleichen Arschloch diskriminiert werden (der Wirtschaft, dem sogenannten Neoliberalismus et cetera). Mathieus poetischer, schlau gebauter Roman ist aber viel intelligenter als dieser Transpi-Appell, ja, an manchen Stellen ist er vielleicht sogar zu intelligent. Denn bis auf wenige Ausnahmen sind seine Protagonisten nicht in der Lage, ihr Leid zu benennen und zu analysieren, das übernimmt eine Erzählstimme, die anders als die Menschen, von denen sie erzählt, mit Sicherheit studiert hat, was aber nicht bedeutet, dass man der Stimme nicht glauben würde. Die Erzählstimme übersetzt gewissermaßen das Leid der Figuren in eine verständliche Analyse, ein kohärentes Narrativ.

Diese virtuos ausgeführte Übersetzungsleistung wiederum erlaubt es Menschen aus einem bildungsbürgerlicheren Milieu, das Gefühl zu haben, endlich diese Abgehängten und Populismusbereiten (Gelbwesten, AfD-Wähler), die man aus dem Fernsehen kennt, verstehen zu können, und möglicherweise haben sich die Kritikerinnen und Kritiker auch deswegen so über Mathieus unbedingt lesenswerten Roman gefreut, und selbstverständlich ist diese Freude Ausdruck genau jener Verhältnismäßigkeiten, die Mathieu beschreibt, also einer sogenannten Elite, die keinen Kontakt mehr zu "denen da unten" hat. Gleichzeitig hat die "Elite" aber auch ein schlechtes Gewissen, denn sie weiß natürlich, dass einige Menschen einfach Pech gehabt haben und vermutlich auch auf lange Sicht Pech haben werden, und dass das ungerecht ist, weiß man ebenfalls, weswegen man sich also einen Sommer lang begeistert und ehrfürchtig über die Psychologie der Abgehängten beugt, und wäre man Nicolas Mathieu, dann würde man diesen stabilisierenden Vorgang wahrscheinlich als Teil eines "ewigen Kreislaufs" und "Fluchs" beschreiben.

Nicolas Mathieu: "Wie später ihre Kinder",  A. d. Franz. v. Lena Müller und André Hansen; Hanser Berlin, 2019; 448 S. 24 Euro, als E-Book 17,99 Euro