ZEIT: Sie meinen Wohnungsvermietungen über Airbnb und andere Anbieter?

Kettner: Genau. In Wien sind 40 Prozent der Wohnungen Gemeinde- oder Genossenschaftswohnungen, also öffentlich subventioniert. Es gibt Einzelfälle, dass auch die vermietet werden. Die werden aber dann, und darauf kann man sich bei der Stadt verlassen, auch publizistisch angeprangert. Das wirkt. Diese 40 Prozent sind nicht ohne Weiteres an Touristen vermietbar. Das ändert nichts daran, dass manchmal ganze Zinshäuser dafür ausgeräumt werden, was eine Katastrophe ist, weil das den Charakter eines Grätzels verändert.

ZEIT: Was kann Tourismuswerbung tun, um die Entwicklung einzufangen?

Kettner: Wir haben uns schon vor Jahren aus den meisten massentouristischen Geschichten zurückgezogen und setzen das Geld dort ein, wo wir die höchste Wertschöpfung haben.

ZEIT: Was bedeutet das?

Kettner: Wien ist nach Paris aktuell die Nummer zwei als Standort für internationale Kongresse. Der Tourismus bringt der Stadt insgesamt 3,97 Milliarden Euro an Wertschöpfung, Wiens Meeting-Industrie österreichweit 1,2 Milliarden. Der Kongressgast gibt am Tag 541 Euro aus, der Wiener Durchschnittstourist 266 Euro. Und dann setzen wir stark auf den Sektor Luxus – im breitesten Sinn. Wir wissen aus der Marktforschung, dass unser Luxusgast einer ist, der sich für Kunst und Kultur interessiert. Ein Prozent des globalen Kunsthandels passiert in Österreich – das heißt in Wien und wohl auch in Salzburg. Auch da sehen wir ein Potenzial.

ZEIT: Das ändert aber nichts an den Massen am Stephansplatz. Es gibt Vorschläge, auch Bezirke außerhalb des Zentrums zu attraktivieren.

Kettner: Wir werden uns mit der Stadtplanung intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Wie macht man ein Grätzel außerhalb interessant? Dazu gehört zum Beispiel Gastronomie.

ZEIT: Jeder will den Stephansdom sehen, Schloss Schönbrunn, das Belvedere und den Prater. Und diese Touristen sollen nun Floridsdorf bestaunen?

Kettner: Es wäre gelogen zu behaupten, wir könnten eine Kampagne machen und schon strömten die Menschen in die Außenbezirke. Doch mehr als die Hälfte unserer Gäste sind Wiederbesucher. Feinschmecker oder Architekturinteressierte, um Beispiele zu nennen, gehen auch gerne andere Wege. Aber, so ehrlich muss man sein, das sind Nischenthemen.

ZEIT: Der Tourismus war das Versprechen, dass die ganze Gesellschaft davon profitiert. Das Reiseverhalten hat sich geändert, Tagestourismus bringt wenig Wertschöpfung. Der Passagier einer Donaukreuzfahrt spaziert zum Stephansplatz, macht ein Foto und geht wieder. Geht die Rechnung vom Tourismus als Wohlstandsbringer noch auf?

Kettner: Ich glaube schon, aber es ist eine Frage, der man sich stellen muss. Wir haben 350.000 Kreuzfahrtpassagiere im Jahr, wie viele Tagesgäste in der Stadt sind, wissen wir nicht. Wenn wir uns abends um 18 Uhr zum Praterstern stellen, kommen stündlich zig Busse vorbei, die Menschen zu einem Konzert bringen. Da verdienen der Busunternehmer und der Veranstalter. Die Bevölkerung und die Politik werden uns irgendwann fragen, ob das genug bringt für den Aufwand, den wir dem öffentlichen Raum zumuten. Da brettern die Busse im Konvoi durch die Praterstraße – und die brettern wirklich – und bleiben dann in zweiter Spur irgendwo stehen. Wir wollen nichts verbieten, aber regulatorisch eingreifen kann man schon.

ZEIT: Das amerikanische Magazin Atlantic schrieb kürzlich "Zu viele Menschen wollen reisen" ...

Kettner: Die zivilisatorische Errungenschaft des Reisens werde ich immer mit Zähnen und Klauen verteidigen. Ich bin ein Kind der 1970er-Jahre, mein erster Flug war mit 17 nach London, das habe ich mir zusammengespart, und das lasse ich mir nicht madig machen. Da bin ich rigoros. Das heißt nicht, dass man sich nicht anpassen muss.