Da es nun ums Wohnen geht, beginnt alles auf einem Möbelhausparkplatz, morgens am Ostberliner Stadtrand. Vor uns auf dem Asphalt steht ein Vermieter namens Luis und weist uns in unser Zuhause ein: Bitte seid vorsichtig mit den Fliegengittern, mit den Plissees, mit der Gasflasche und bitte, bitte mit dem Fäkaltank. Und passt auf, ihr habt immerhin ein Haus dabei, was er sehr betont, weil wir wohl aussehen, als würden wir an Wörter wie Deckenhöhe zwar andauernd denken, an das Wort Durchfahrtshöhe bislang allerdings noch nie.

Ob uns das Wohnmobil grundsätzlich gefalle, will Luis noch wissen, und wir blicken auf den leuchtend weißen, sehr neuen Kasten, auf die getönten Seitenfenster, die Küche und auf mehr Einbauschränke, als wir je besitzen werden, und sagen: Ja.

Wir sind zu dritt, eine Frau, zwei Männer. Und wir sind noch niemals Wohnmobil gefahren, was uns offenbar von einem erheblichen Teil der Deutschen unterscheidet. Nach allem, was man hört, ist "Van Life" derzeit schwer in Mode, sogar das Handelsblatt schrieb schon von einem "neuen Lebensgefühl". Allein in Deutschland gab es im Jahr 2018 rund 69.000 neu zugelassene Wohnmobile, so viele wie noch nie zuvor. Im Internet kann man Tausende Fotos angucken, auf denen sehr gut frisierte Menschen ihren Schlafsack wie ein Majestätsgewand um die Schultern tragen, mit einem Emaille-Outdoorbecher in der Hand an einem instagramtauglich verschmutzten Camper lehnen und in den Morgenglitzer eines Bergsees blicken, auf die blühenden Felder der Toskana oder in die Weiten Tadschikistans.

Der Wagen: groß, das Grillarrangement: na ja. © Patrick Ohligschläger für DIE ZEIT

Wir haben vorerst nur Zeit für eine viertägige Anfängertour. Ob das schon reicht für einen kleinen Van-Life-Freiheitsrausch? Unser Reiseplan ist noch löchrig. Tadschikistan ist mit 130 PS an so einem langen Wochenende etwas unrealistisch, selbst Italien scheint zu weit weg. Jetzt zieht der akut waldbrandgefährdete Liebreiz von Brandenburg an uns vorbei. Wir haben uns für die Seen der weiteren Umgebung entschieden, vielleicht schaffen wir es ja noch bis an die Ostsee. Jeden Tag wollen wir woanders sein. Unsere Haare wehen am offenen Fenster. Es riecht abwechselnd nach Heu und Neuwagen, und wir begrübeln kurz ängstlich die Fläche, auf der wir drei nun miteinander klarkommen müssen. Auf 7 mal 2,3 Quadratmetern sind zwei Betten untergebracht (zum dritten später mehr), ein Herd mit Kochfeldern, ein Kühlschrank, eine Sitzgruppe in Braunmetallic und ein Bad, das wir bald "Wellnessbereich" nennen. In Hongkong, hört man, haben Großfamilien weniger Platz.

Dennoch erste unsichere Fragen:

– Als was gilt dieses Auto eigentlich, also rein identitätspolitisch? Als Auto oder als Lkw?

– Wonach fühlt es sich denn an?

Drei Tonnen schwer holpern wir durch einen Brandenburger Durchfahrort.

– Gerade wie ein Lkw.

Zum Wohnmobilfahren gehört offensichtlich, dass es irgendwo unentwegt klappert. Am liebsten fährt man geradeaus und starrt dabei aufs Navigationssystem, damit man bloß nicht rangieren muss, selbst wenn AfD-Plakate am Straßenrand uns dazu ermutigen: "Vollende die Wende!" Allein der Gedanke an den Rückwärtsgang ist unangenehm, leicht könnten wir einen Poller übersehen, einen Ausflugsrentner oder ein Berliner Paar, das gerade vor einem morschen Vierseithof die Korbstühle arrangiert. Dass man nicht so einfach in einen Rückspiegel schauen kann, verstehen wir als verlockende Metapher: Wichtiger ist, was vor einem liegt, gelbe Felder, sachte Hügel und Blitzkästen, für die wir keine Beute sind. Unsere Roadtrip-Playlist spielt dazu Crosby, Stills and Nash.

Unser erstes Ziel ist ein Campingplatz in der Feldberger Seenlandschaft. Wir werden ja erst warm mit dem schweren Klotz um uns herum, da scheint es besser, ihn über Nacht in guter Gesellschaft zu wissen, statt ihn irgendwo illegal aufs Gelände eines ehemaligen NVA-Truppenübungsplatzes zu steuern.

Als wir ankommen, versperrt eine Schranke die sandige Einfahrt: "Durchfahrt in der Zeit von 13 bis 15 Uhr nicht gestattet. Der Vorstand". Wir parken umständlich am Wegrand und steigen aus. Mittagspausenstille. Wir sehen Wohnwagen, vor denen Teppiche aus Rasenimitat liegen. Der Kleintransporter einer Fleischerei passiert die Schranke, für Wurst gelten in Deutschland wohl keine Ruhezeiten. Eine halbe Stunde später wird uns ein Platz zugewiesen, in den wir umständlich hineinmanövrieren. Das erste Mal schließen wir unseren Camper an ein Stromkabel an und fühlen uns kurz, als seien wir mit einem Tesla vorgefahren.

Die Nachbarn ziehen die Gardinen ihrer fest installierten Wohnwagen zur Seite. Uns fällt auf, dass wir weder wetterfeste Komfortmöbel noch eine gegen Tropenstürme abgesicherte Markise dabeihaben; vielleicht sind wir in den Augen der anderen deshalb schon ein Fall für Amnesty. Hier gilt man bestimmt erst dann als Vollwertcamper, wenn man das Prinzip des Campens selbst wieder überwindet und die Räder von seinem Gefährt abschraubt.