Ein Bad im Carwitzer See in der Norduckermark © Patrick Ohligschläger für DIE ZEIT

Ein Vater und sein Sohn laufen an unserem Wohnmobil vorbei. Sohn: "Guck mal, Papa, der war bestimmt teuer." Vater: "Ach, der ist doch noch nie richtig schmutzig geworden."

Bald stehen wir im traumhaft klaren Wasser und halten Ausschau nach Welsen. Alte Boote liegen im Schilf, eine Kajakwandergruppe schlägt ihre Zelte am Ufer auf, zwei Anglerkinder spielen mit den Ködern ihrer Eltern. Wir blicken auf den See, die Sonne steht schon tief, die Bäume flüstern im Wind, vielleicht darüber, wer einst in den Häusern drüben am anderen Ufer gewohnt hat und wohin sie gegangen sind.

Allmählich, bilden wir uns ein, gewöhnt sich der Campingplatz an uns: an unseren Einweggrill, an unser Grummeln wegen höchstens nur 3G, an unser etwas zu sauberes, etwas zu neues, etwas zu gemietetes Gefährt. An uns, die wir am Abend mit Polstern, Esstisch und einer namenlosen Holzplatte Tetris spielen, um das dritte Bett ordnungsgemäß herrichten zu können. Der ganze Platz kann es durch die offene Wohnmobiltür mit anhören:

– Vielleicht dieses Ding hier hochkant?

– Ja, und noch eins von diesen Dingern.

– Nee, scheiße.

– Ah, hierauf kommen dann dieses Ding und dieses Ding.

– Und alles nur, weil zwei Typen nicht zusammen in einem Bett schlafen können.

Am nächsten Morgen, als der halbe Platz noch schnarcht, gehen wir noch einmal ins glatte Wasser. Wir könnten auch hierbleiben, das Unterwegssein einfach beenden und das Auto stehen lassen, so wie die anderen das ja auch tun. Wir haben einen Platz, und unser Kaffee sieht überraschend fotogen aus. Andererseits beunruhigen uns erste mentale Veränderungen: Wir schauen bedenklich auf den Sand, der drinnen im Laminat herumknirscht, gleich blafft bestimmt noch einer von uns ein verkniffenes "Schuhe aus!". Wir haben einen Handfeger, der besser zur Zahnbürste umgeschult hätte, und gebückt fegen wir, sehr gebückt, und während wir die Fußmatten ausklopfen und die Badesachen von der Motorhaube nehmen, starren wir kurz den Range Rover mit dem Düsseldorfer Kennzeichen an, als gehöre er hier wirklich nicht her.

Wir fahren weiter. Das Wohnmobil rumpelt durch die Kurven der Uckermark. Bange Frage: Wie haben wir eigentlich geschlafen?

– Ja, doch, am Ende überraschend gut.

– Hmm.

– Ach, ging schon.

Auf dem Weg nach Norden dann eine kleine Begriffsklärung. Es gibt vollintegrierte und teilintegrierte Wohnmobile, und wir, nun selbst beinahe integriert, glauben zu verstehen: Vollintegriert sind die fahrenden Kästen, teilintegriert sind die Vans mit dem Extraaufbau. Zum ersten Mal achten wir überhaupt auf andere Wohnmobile, die sich mit uns in Richtung Ostsee schieben, beladen mit Fahrrädern, Booten, Freizeitgerümpel, Urlaubsträumen und Sanifairgutscheinen. Die Modelle unserer neuen Peergroup heißen zum Beispiel Dethleffs oder Bürstner oder Carthago, obwohl ihnen auch andere, sprechende Namen gut stünden, Moonlight Ristretto zum Beispiel oder Universum Praktikant.

Über so was reden wir, vielleicht damit niemand die Entscheidung treffen muss, wohin es jetzt geht: auf den Darß oder nach Rügen? Das sind so Fragen grenzenloser Freiheit. In Wahrheit muss man nehmen, was man kriegt. Als einer von uns Campingplätze abtelefoniert, lautet die Antwort: "’n Platz heute? Ganz schön mutig in der Hauptsaison." Spontaneität muss gut geplant sein. An einen richtigen Meeresstrand wollen wir inzwischen aber alle. Und glaubt man den vielen Posts auf Instagram, dann ist der ein natürliches Habitat des Wohnmobils. Hier zeigt sich allerdings auch sein wahres, sein schizophrenes Wesen: Es strebt nach einsamen Gestaden und unberührten Dünen. Es strebt aber auch nach Strom. Weil das Bier im Kühlschrank kalt, die Dosensuppe warm und die LED-Zierleisten hell erleuchtet sein sollen.

Zeltplatzverschönerung am Carwitzer See © Patrick Ohligschläger für DIE ZEIT

Am südlichsten Zipfel Rügens ist noch was frei. Wir kurven über die Insel, lassen die Verlockungen von Binz, den Ruf von Sassnitz links und rechts liegen, schauen ein wenig abschätzig auf jeden zu sportlich heranjagenden BMW und Dacia Duster herab, denken kurz an die Teilkasko, 450 Kilometer sind wir schon gefahren und eigentlich bester Laune.

Die "Surf-Oase" besteht aus einer vertrockneten, ansonsten zauberhaften Rasenfläche zwischen Bodden und Ostsee, wo ein letzter Surfkurs engagiert von seinen Brettern fällt. Der Wind ist fantastisch. Mit einem Fischbrötchen laufen wir bald den leeren Strand entlang. Das Licht auf Rügen. Nach einer Weile stehen wir auf einem dieser Caspardavidfriedrichhügel und blicken auf kauende Rinder und abgelegene Spielplätze. Als wir später in der Dämmerung wieder auf unseren Isomatten sitzen, an die Reifen unseres Wohnmobils gelehnt, vor dem nächsten Einweggrill, kommt ein Mann vorbei und fragt: Na, habt ihr euch ausgesperrt?

Erst jetzt bemerken wir, dass kaum jemand noch draußen sitzt. Als hätten wir ein Geheimsignal verpasst: Achtung, Campingplatzscharia, Dämmerung, bitte jetzt reingehen, drinnen ist’s ohnehin viel schöner, drinnen gibt’s Licht, Musik, Mückengitter, Satellitenempfang, drinnen, drinnen, drinnen. Da stehen sie alle, hell erleuchtet, wie voll möblierte Riesenmikrowellen, die Weißwaren der Straße.