Zum Campingplatz auf Rügen gehört eine Surfschule. © Patrick Ohligschläger für DIE ZEIT

In einem ungefähr zehn Meter langen, urlaubskathedralenhaften Exemplar starrt ein Mann auf einen Flachbildschirm, lehnt in seinem annewillfarbenen Ledersessel und sieht sehr zufrieden dabei aus. Wir googeln verstohlen Modell und Ausstattung, erfahren von einem Interieur aus Chesterfield Oak und Magnolie, von Platz theoretisch für Whirlpool und Cembalozimmer, zum Preis einer Einzimmerwohnung in den hoch hausratversicherten Gegenden von Berlin. Kurzum: Wir stoßen vor in bisher ungekannte Kategorien von Neid.

Immerhin haben wir noch eine Flasche Crémant im Kühlschrank und eine Tüte Discounterschokoriegel, zu denen man im Dunkeln auch Konfekt sagen könnte, und die Ostsee liegt nur ein paar Meter entfernt. Also gießen wir uns die Becher voll und setzen uns, niemand sonst zu sehen, in den weichen Ufersand, bis es den Mücken hier zu feudal zugeht mit unserem lau französelnden Schaumwein, also nach ungefähr sieben Sekunden. Es ist jetzt ihr Strand, da können wir nichts machen. Am Horizont blinkt der Leuchtturm von Kap Arkona ins Dunkel, als wollte er uns etwas von alttestamentarischer Wucht mitteilen.

Vielleicht das: Du sollst nicht googeln deines Nachbarn Freizeitmobil. Allerdings: Hat man einmal damit angefangen, hört man so schnell nicht wieder auf. Wir lesen vom "doppelt beheizten Boden in Jachtoptik", von "unvermuteten Raumüberraschungen" und "grenzenlosem Wohlfühlen", auch von Basispreisen um 50.000 Euro. Wir gucken auf unser Birkenfurnier, auf das Kunstleder im Metalliclook und schlagen die Verkaufsprosa zu unserem eigenen Modell nach: "Hotelzimmer mit Größe". Tatsächlich fühlt es sich so an, als läge man in einem fahrbaren Einzelzimmer von ibis budget. Dazu das Phantomsummen der Mücken in unseren Ohren und unsere viel zu lauten Stimmen in den Ohren der anderen.

Wir sind die Letzten, die auf dem Platz noch reden.

– Gute Nacht.

– Gute Nacht.

– Gute Nacht.

Am nächsten Tag stellen wir fest, dass es einen Teil des individuellen Freiheitsversprechens gibt, den der Caravanverband und alle Hersteller in ihren Broschüren keck verschweigen: Beim Versuch, das Versprechen einzulösen, ist man natürlich selten allein. Zumindest auf deutschen Autobahnen. Und so stehen sie vor und hinter uns im Schein der Mittagssonne, der Dethleffs und der Bürstner, der Knaus und der Hobby Prestige im Stau auf der A 20, zwischen Bad Sülze und Gransebieth. Wir sind kurz davor, uns zum allerersten Mal zu streiten. Stattdessen geht einer von uns nach hinten, Käsebrote machen.

Natürlich ist das verboten, natürlich ist die Küchennutzung während der Fahrt strikt untersagt, aber Fahrt ist gerade ein großes Wort. Wir stellen uns vor, wie Wohnmobilprofis in solchen Situationen noch raffinierte Stop-and-go-Menüs hinbekommen mit drei Gängen, während sie im ersten Gang versauern.

Unser letzter Campingplatz liegt in der Ostprignitz. Am Telefon haben die Leute vom Biber Ferienhof gesagt, wir sollten einfach vorbeikommen, für Wohnmobilfahrer sei immer Platz. Die Prignitz liegt da wie von einem liebeskranken Maler hingetuscht: dichte Wälder, Spätnachmittagssonne, ein bisschen geheimnisvolles Geschimmer im Dickicht. Schilder kündigen unentwegt Wildwechsel an, wir sehen aber nur einen Waschbären, der uns wohlwollend nachblickt, zumindest scheint es so. Das Klappern unseres Autos hören wir schon nicht mehr, wir haben die Angst vor engen Kurven verloren, und Überholen und Einparken können wir inzwischen auch ganz ordentlich.

Der Biber Ferienhof ist ein weites Gelände mit See, Booten und Bierständen. Wir öffnen ein Bier und fühlen uns wie unter Gleichgesinnten. Ein Pärchen wirft einen Blick auf unser inzwischen nicht mehr ganz so weißes Gefährt und fragt: "Wie lang?" (Wir, etwas zu laut:) "Sieben." – "Wie bequem!"

Und als dann wenig später das Gewitter aufzieht, als der Staub zu Matsch wird und die Zigaretten der unerschütterlichen Jugendgruppen von allein ausgehen, denken wir: Ja, wie fürchterlich bequem. In den alten Bullis, den ewigen Posterboys des Van Life, tropft es jetzt sicher durch. Wir sitzen ein letztes Mal an dem Multifunktionstisch. Wir trinken kalten Wein. Wir dekorieren unsere Plastikteller mit dem, was noch da ist, Käse, Johannisbeeren, Pesto, Tomaten, Baguette. Wir denken nicht mehr ans Kunstleder, an Wörter wie "Fäkaltank" und "Durchfahrtshöhe", an Preis- und Längenvergleiche, und wäre die Mietkaution nicht so hoch, möglicherweise zündeten wir jetzt Kerzen an. Unser Wohnmobil schunkelt uns durch den Sturm. Der Regen prasselt noch auf die Schiebedächer, als wir längst in den Kojen liegen.

– Ach, eigentlich ein ganz schönes Geräusch.

– Was?

– Eigentlich ein ganz schönes Geräu-häääusch.

– Waaa-haaas?

Zum Leben im Wohnmobil gehört vielleicht auch, nicht alles in ihm zu verstehen.