"Wenn einer aufsteht, um dich zu töten, töte ihn zuerst" – Seite 1

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Die Welt ist noch in Trauer nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als der iranische Wissenschaftler Mohammed N. eine Liste erstellt, deren Inhalt im wahrsten Sinne des Wortes explosiv ist. Auf drei handschriftlich verfassten Seiten, in Farsi und "im Namen Gottes" hält er fest, welche Informationen er und seine Mitarbeiter benötigen, um das wichtigste Geheimvorhaben der Islamischen Republik Iran voranzutreiben, das "Projekt 110", wie es die iranische Regierung nennt.

Auf der bislang unbekannten Liste, die der ZEIT vorliegt, erbittet N. "Details des Sprengkopfs" und fragt nach dem "finalen Gewicht der Rakete" sowie der "ballistischen Flugphase", er erkundigt sich nach Parametern zum Wiedereintritt in die Atmosphäre. Offenbar geht es hier nicht nur um eine Langstreckenrakete – sondern um eine, die geeignet ist, einen nuklearen Sprengkopf zu transportieren.

Eine Atombombe.

Der Iraner Mohammed N. gilt damals als Koryphäe im Bereich der Raketentechnik. Aber er ist noch mehr als das: Er ist auch ein Spion. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hat ihn als Informanten rekrutiert. Immer wenn N. zu Konferenzen ins Ausland fliegt, lässt er den Deutschen kleine Geschenke zukommen: Kopien mit Zeichnungen von Zündern etwa oder technische Diagramme aus dem Atomprogramm, in dem N. für die Raketentechnologie verantwortlich ist.

Der BND hält die Berichte für so brisant, dass er sie dem amerikanischen Geheimdienst CIA zukommen lässt, später auch dem israelischen Geheimdienst Mossad. Die US-Agenten geben dem Spitzel sogar einen eigenen Tarnnamen: "Dolphin". Mohammed N. ist der Delfin, der für den Westen in iranischen Gewässern schwimmt.

Dolphin ist kein Altruist. Ihm geht es nicht darum, einen Krieg zu verhindern. Ihm geht es um Geld. Und um ein besseres Leben. Der BND soll ihn und seine Familie aus dem Iran herausschleusen, im Westen wollen sie neu anfangen. Im Gegenzug verspricht Mohammed N., sämtliche Geheimdokumente zu übergeben, die er auf seinem Laptop gesammelt hat. Es ist ein Stoff für Hollywood.

Und es ist der Anfang eines Kampfes, der bis heute nicht entschieden ist: Der Iran arbeitet viele Jahre lang am Bau nuklearer Massenvernichtungswaffen. Israel und die USA wollen dies verhindern. Das ist die Interessenlage, noch immer. Präsidenten, Premierminister, Religionsführer und Geheimdienstchefs sind gekommen und gegangen, der sogenannte Iran-Konflikt aber ist geblieben.

Das Material gelangt außer Landes. Der Meisterspion aber wird hingerichtet

Wenn heute, im Sommer 2019, in den Nachrichten von gekaperten Tankern in der Straße von Hormus die Rede ist; von Haftminen, die an Schiffsrümpfen detonieren; vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der nach seinem Austritt aus dem internationalen Atomabkommen damit droht, "unermessliche Gewalt" gegen den Iran einzusetzen; und von dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, der auf Twitter den Satz verbreitet: "Wenn einer aufsteht, um dich zu töten, töte ihn zuerst" – dann ist all dies das neueste, aber nicht das letzte Kapitel in einem epischen Streit.

Ein Jahr lang haben Journalisten der ZEIT und der New York Times recherchiert, um diesen wohl gefährlichsten geopolitischen Konflikt unserer Zeit nachzuerzählen. Sie haben mit Geheimdienstlern und Politikern, Diplomaten und Wissenschaftlern im Iran, in Israel, den USA und Deutschland gesprochen. Aus ihren Schilderungen ergibt sich eine bisher in vielen Teilen unbekannte Geschichte dieser Krise, in der gezielter Mord zum politischen Werkzeug wurde. In der zerstörerische Computerprogramme die Funktion von Bomben übernahmen und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, wie er nun erstmals im Interview zugab, einen möglicherweise unkontrollierbaren Krieg begonnen hätte, wenn ihn sein eigenes Kabinett nicht aufgehalten hätte.

Mohammed N. aber, der Spion, den sie Dolphin nannten, ist da längst tot.

Irgendetwas geht schief, als damals, im Jahr 2004, der Zeitpunkt zum Überlaufen näher rückt. Die Iraner, so werden es mehrere westliche Geheimdienstmitarbeiter später der ZEIT berichten, haben Dolphin beobachtet. Seiner Ehefrau und den beiden Kindern gelingt gerade noch die Flucht. Sie schaffen es bis nach Istanbul, wo sie im amerikanischen Generalkonsulat erwartet werden. Dort übergeben sie Dolphins Laptop an die CIA.

Die Dokumente, die sich auf dem Gerät befinden, erlauben einen tiefen Einblick in das iranische Atomprogramm. Anleitungen für Detonationstechniken sind dabei und eine Zeichnung für einen gut 300 Meter tiefen Schacht, typisch für die Testzündung einer Atombombe. Vor allem aber Konstruktionszeichnungen für einen Sprengkopf.

Das geheime Material gelangt außer Landes – nicht aber der Meisterspion. Mohammed N. wird festgenommen und hingerichtet.

Beim BND gibt es Leute, die die CIA für Dolphins Tod verantwortlich machen, es kommt zu einem heftigen Streit mit den Amerikanern. Ein seinerzeit an der Operation beteiligter BND-Mann glaubt heute: "Es waren die Fehler der CIA, die unseren Mann das Leben gekostet haben." Die CIA ließ eine Anfrage der ZEIT hierzu unbeantwortet.

Mohammed N. wird zum Opfer des großen, schmutzigen und manchmal tödlichen Ringens der Geheimdienste, für die Informationen mitunter wichtiger sind als Menschenleben. Spätestens seit der Auswertung des Laptops haben US-Amerikaner, Israelis und Deutsche keinen Zweifel mehr: Der Iran entwickelt die Bombe. Die religiösen Führer sind damit offenbar von ihrer Linie abgerückt, nach der Atomkraft lange Zeit als "unislamisch" galt.

Nach der Iranischen Revolution im Jahr 1979 hatte der Ajatollah Ruhollah Chomeini das frühe Atomprogramm des Schahs zunächst als "verdächtige westliche Innovation" verdammt und sogar ein religiöses Verbot gegen die Bombe verhängt. Doch nachdem der Irak unter Saddam Hussein – unterstützt von amerikanischer Logistik – den Iran überfallen hatte und das Land dem Angriff nur unter großen Opfern standzuhalten vermocht hatte, sah sich Chomeini gezwungen, 1988 einem Waffenstillstand mit dem Irak zuzustimmen – "ein Schritt, bitterer als Gift", wie er später bekannte. Damals richtete ein Kommandeur der Revolutionsgarden einen flammenden Appell an den Revolutionsführer, den Bau der ultimativen Waffe zu erlauben.

Und so begann das Land irgendwann in den Neunzigerjahren in aller Stille mit den Vorbereitungen für den Bau der Atombombe.

Ein undatiertes Protokoll des Hohen Rates für Hochtechnologie belegt die ehrgeizigen Ambitionen der Iraner: Fünf atomare Sprengköpfe sollen für den Anfang entwickelt werden, heißt es dort, mit einer Sprengkraft von jeweils zehn Kilotonnen, was in etwa der Stärke der Hiroshima-Bombe entspricht.

"Es geht hier um die Zukunft der Welt!"

Eine iranische Rakete braucht nur 13 Minuten für die 1900 Kilometer bis Tel Aviv

Denn dies ist die Lektion, die jede Regierung der Welt aus der Geschichte lernen kann: Wer den infernalischen Prozess der atomaren Spaltung meistert, kann sich viel, vielleicht alles erlauben – er ist nahezu gefeit gegen die Angriffe anderer Nationen, ganz gleich, wie despotenhaft er sich geriert. Das jüngste Beispiel dafür ist der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un. Wer hingegen auf diesem Weg scheitert, läuft Gefahr, hinweggefegt zu werden, so wie der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi, der sein Atomprogramm 2003 aufgab, ins Fadenkreuz der Nato geriet und schließlich von Rebellen erschossen wurde. Die A-Bombe ist ein Schutzschild gegen einen Angriff von außen.

Zu den Eigenarten dieses Konfliktes zählt deshalb, dass Israel, Atommacht seit Jahrzehnten, und der Iran ganz ähnlich argumentieren: mit ihrem Existenzrecht – nur aus grundsätzlich verschiedenen, scheinbar unversöhnlichen Perspektiven.

Im Iran, fast fünfmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, geht es um das Überleben einer Regierung, des brutalen Revolutionsregimes, das seine Macht sichern will. Und um Nationalstolz und den Anspruch auf eine führende Rolle in der Region.

In Israel geht es um das Überleben des Landes selbst. Eine iranische Schahab-3-Rakete braucht für die 1900 Kilometer zwischen Teheran und Tel Aviv geschätzte 13 Minuten Flugzeit. 13 Minuten, die über die Zukunft des israelischen Volkes entscheiden, denn Israel, so klein wie das Bundesland Hessen, würde durch einen nuklearen Angriff vermutlich für immer unbewohnbar.

Im Jahr 2005, ein Jahr nach Dolphins Tod, spitzt sich der Konflikt weiter zu, im Iran ist inzwischen der Fundamentalist Mahmud Ahmadinedschad an die Macht gekommen. Umjubelt von 4000 aufgepeitschten Studenten, ruft er auf einer Konferenz, das "Besatzerregime" Israel müsse "aus den Geschichtsbüchern verschwinden". In der Stadt Natans, verkündet er, würde künftig im großen Maßstab Uran angereichert.

Mitte 2007 kommt in Israel ein neuer Verteidigungsminister ins Amt: Ehud Barak, ehemaliger General, ehemaliger Ministerpräsident. Die iranische Bedrohung steht ganz oben auf seiner Agenda. Barak stellt seinen Militärs eine direkte Frage: Kann die israelische Luftwaffe die iranische Atominfrastruktur vernichten?

Für einen erfolgreichen Angriff müssten die Israelis zeitgleich mehrere Anlagen zerstören, die Urananreicherungsanlage in Natans, eine Fabrik in der Universitätsstadt Isfahan sowie einen Reaktor in Araq. "Uns war klar: Entscheidend würde sein, dass wir den Iran komplett überraschen", sagt Barak heute. Was ihm zunächst nicht klar ist: Die Bunker der iranischen Atomanlagen sind zu stark, als dass die israelischen Bomben sie durchbrechen können. Ein Angriff ohne amerikanische Hilfe ist zum Scheitern verurteilt.

Aber sind die USA dazu bereit?

Die republikanische Regierung unter dem Präsidenten George W. Bush, der im Frühjahr 2008 dem Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit entgegensieht, ist in dieser Frage gespalten. Bush hat Feldzüge gegen Afghanistan und den Irak begonnen, er ist kriegsmüde. Andererseits, so sagt er es in einem Interview im Mai jenes Jahres, ist er überzeugt davon, "dass die größte langfristige Bedrohung für den Frieden im Nahen Osten der Iran ist".

Zu jenen, die energisch auf einen Angriff drängen, zählt Bushs Vizepräsident Dick Cheney. Vehement dagegen spricht sich Robert Gates aus, der Verteidigungsminister. Gates verfasst sogar einen persönlichen Brief an den Präsidenten, in dem er argumentiert, die USA dürften sich "niemals zur Geisel einer anderen Nation machen, egal, wie nah uns dieser Verbündete steht". Die andere Nation ist in diesem Fall Israel.

Mitte Mai 2008 feiern die Israelis den 60. Jahrestag der Staatsgründung. Als Ehrengast ist George W. Bush zu einem dreitägigen Besuch geladen. Am letzten Abend bittet der damalige israelische Premierminister Ehud Olmert in seine Jerusalemer Residenz. Nach dem Abendessen ziehen sich Olmert und Bush in eine Lounge zurück, sie lassen Ehud Barak hinzurufen, den Verteidigungsminister. In schweren Ledersesseln sitzend, verhandeln die drei Politiker über Krieg und Frieden.

Barak, so schildert Olmert den Abend, habe sich eine Zigarre angezündet, ein Glas Whiskey eingeschenkt und einen Vortrag über den ersten Golfkrieg und die Gefährlichkeit des Irans begonnen – als ihn George W. Bush unterbricht.

"Wissen Sie, was Nein bedeutet, General?", ruft der US-Präsident und schlägt mit der Hand auf den Tisch. "Nein heißt Nein!"

Aber Barak lässt sich nicht abbringen. Er setzt noch einmal an und bittet Bush um schwere, bunkerbrechende Bomben. "Wofür brauchen Sie die?", entgegnet Bush nach Olmerts Erinnerung. "Gegen den Iran? Habe ich nicht eindeutig Nein gesagt?"

Barak beschreibt das Ende des Gesprächs anders. Nach seinem Vortrag habe sich Bush zu Olmert gedreht, mit dem Finger auf Barak gezeigt und gesagt: "Dieser Typ macht mir eine Höllenangst!"

Im Rückblick, glaubt Barak, habe Bushs Zurückhaltung keinen großen Unterschied gemacht: "Ende 2008 hatten wir keinen durchführbaren Plan für einen Angriff."

Israel wäre ohnehin nicht zu einer Attacke in der Lage gewesen? Diese Aussage lässt ein Phänomen erkennen, das in diesem Konflikt von zentraler Bedeutung ist: den Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit.

Der Iran versucht, den Eindruck zu erwecken, von der Bombe noch weit entfernt zu sein, um möglichst keinen Angriff zu provozieren. Israel will militärisch potent erscheinen, um möglichst viel Druck auszuüben. Und den USA ist daran gelegen, ihrem Verbündeten Israel die Treue zu halten, ohne gleichzeitig einen unkontrollierbaren Krieg zu riskieren.

Das ist die Situation im Jahr 2008. Dann geschehen zwei Dinge, die den Konflikt weiter anheizen.

Im Iran, nahe Fordo, 30 Kilometer nördlich der heiligen Stadt Ghom, entdeckt 2008 ein britischer Spion einen bislang unbekannten Stollen, der tief hinab in ein Bergwerk führt, in dem die Iraner heimlich Uran anreichern. Auf einmal ist klar: Sie sind der Bombe weit näher als bis dahin angenommen. Und in Israel wird Anfang des Jahres 2009 Benjamin Netanjahu vom konservativen Likud zum israelischen Premierminister gewählt, bereits zum zweiten Mal nach 1999.

Netanjahu, der neue, altbekannte Regierungschef, von seinen Landsleuten nur "Bibi" genannt, als seien sie mit ihm per Du, hat den Kampf gegen die iranische Bedrohung zu "einem persönlichen Kreuzzug" erklärt, wie ein langjähriger enger Berater Netanjahus heute sagt.

Mal steht der israelische Premierminister auf der Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz und hält ein Trümmerteil einer abgeschossenen, angeblich iranischen Drohne in die Höhe, grimmig drohend: "Israel wird es nicht zulassen, dass der Iran uns eine Schlinge des Terrors um den Hals legt." Mal präsentiert er in New York vor den Vereinten Nationen eine cartooneske Zeichnung einer Bombe mit brennender Lunte, in die er mit Filzstift eine dicke rote Linie hineinmalt, wobei er ausruft: "Es geht hier um die Zukunft der Welt!"

Israelische Killerkommandos sollen iranische Wissenschaftler töten

Der Iran hat sein Atomprogramm weiter betrieben – und niemand hat es bemerkt

Der Premierminister ist zutiefst davon überzeugt, dass er dereinst daran gemessen werden wird, ob er die Iraner auf ihrem Weg zur Bombe stoppen konnte. Die Netanjahus seien dazu berufen, einen zweiten Holocaust zu verhindern, das hatte ihm schon sein Vater eingeimpft, ein in Warschau geborener Historiker, der zeit seines Lebens über antijüdische Pogrome forschte und ein wehrhaftes Großisrael propagierte. Auch Netanjahus Bruder Jonathan hatte als Kommandeur einer Eliteeinheit den bedingungslosen Kampf gegen Terroristen vorgelebt, unter dem größtmöglichen Opfer: Er verlor sein Leben, als er die israelischen Spezialkräfte anführte, die 1976 am Flughafen der ugandischen Stadt Entebbe mehr als hundert Geiseln befreiten.

Geprägt von seiner Familiengeschichte, ist Benjamin Netanjahu geradezu besessen davon, überall Verrat zu wittern – in Washington, in Europa, ja selbst daheim, in den eigenen Reihen. Wenn es in seiner Residenz in der Balfourstraße in Jerusalem um den Iran geht, lässt Netanjahu – so schildern es heute Mitarbeiter – nicht nur sämtliche Handys aus den Räumen verbannen. Er beharrt auch darauf, die Festnetzanschlüsse und den Fernseher auszustöpseln, aus Angst, ein fremder Geheimdienst könnte das Netzwerk infiltriert haben.

So ist es kein Zufall, dass Netanjahu im November 2010 die vierzig wichtigsten Militärs und Geheimdienstbeamten des Landes an einem ganz besonders abgeschotteten Ort zusammenruft, um sich über einen bevorstehenden Angriff auf die Anlagen in Isfahan, Natans und Fordo zu beraten: in der Akademie des Mossad. Es ist ein graues Sechzigerjahregebäude, das einst mit Geldern der CIA errichtet wurde und das nicht nur für höchste Geheimhaltung berühmt ist, sondern auch für seinen exzellenten Service: Butler mit weißen Handschuhen servieren dort dicke Zigarren und Alkoholika nach Wahl.

Netanjahu und sein Verteidigungsminister – noch immer Ehud Barak – sind der Meinung, es sei nun Zeit für eine Attacke und die israelische Armee sei inzwischen bereit dafür. Barak hat die Militärs sogar angewiesen, die Luftwaffe binnen 60 Tagen zu mobilisieren. Offenkundig hat der Iran sein Atomprogramm im Verborgenen weiter vorangetrieben; offenkundig haben es weder der Mossad noch die CIA oder der BND rechtzeitig bemerkt; und offenkundig ist die Atomanlage bei Fordo, tief eingegraben im Inneren eines Berges, weit schwieriger zu zerstören als alle anderen. Der Iran, warnt Barak wieder und wieder, werde bald in "eine Zone der Immunität" eintauchen, in der das Nuklearprogramm so weit fortgeschritten sei, dass es auch durch ein Angriff kaum noch zu stoppen sei. Es müsse etwas passieren, und das schnell.

Doch Netanjahu und Barak stoßen an jenem Novembertag 2010 auf Widerstand – bei den eigenen Leuten. Der Generalstabschef der israelischen Armee Gabi Aschkenasi ergreift das Wort und trägt eine überraschend skeptische Einschätzung vor: Die gewünschte Operation sei von der israelischen Armee in dem von Netanjahu und Barak gewünschten Zeitraum nach wie vor nicht zu leisten, sagt er nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Teilnehmer. Israels Waffen seien nicht modern, nicht schlagkräftig genug, die Armee brauche mehr Zeit für die Vorbereitung. Auch Mossad-Chef Meir Dagan spricht sich gegen einen Erstschlag aus. Die Botschaft des herbstlichen Treffens ist ernüchternd: Selbst wenn der Premier und sein Verteidigungsminister es wollen – Israel allein kann derzeit keinen erfolgreichen Angriff führen. "Wenn der Armeechef sagt, dass die Operationskapazitäten nicht ausreichen, kannst du ihn feuern", erinnert sich Barak an die Szene, "aber du kannst nicht den Marschbefehl erteilen."

Um das Atomprogramm eines Landes zu sabotieren, gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann Fabriken und Forschungsanlagen bombardieren und zerstören. Man kann das Land mit Sanktionen belegen, um der Wirtschaft den Saft abzudrehen. Man kann aber auch die Menschen eliminieren, die hinter dem Programm stehen – jene iranischen Wissenschaftler, die die Bombe bauen.

Israelische Killerkommandos sollen iranische Wissenschaftler in Teheran töten

US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Ruhani betreiben eine Politik der Eskalation. © Adams Carvalho für DIE ZEIT

Im Mossad gibt es auch Stimmen, die sich dagegen aussprechen, Wissenschaftler zu töten, es handelt sich ja nicht um Terroristen. Dennoch einigen sich die Israelis auf eine Strategie der schnellen und geheimen Mordanschläge, auf einen Schattenkrieg.

Netanjahu autorisiert den Mossad-Chef Dagan, Killerkommandos in die Städte Teheran und Natans zu schicken. Für solche Operationen hat der Mossad mehrere Elitekommandos ausgebildet, eines heißt "Kidon", was im Hebräischen "Bajonett" bedeutet.

Am 12. Januar 2010 stirbt in Teheran der Teilchenphysiker Massud Ali-Mohammadi, 50, durch eine ferngesteuerte Bombe, als er frühmorgens aus seinem Haus auf die Straße tritt.

Am 29. November 2010 wird der 44-jährige Universitätsprofessor Madschid Schahriari von einer Bombe zerrissen, die vorbeifahrende Motorradfahrer an seiner Autotür im Zentrum der Hauptstadt angebracht haben.

Am Nachmittag des 23. Juli 2011 töten Schüsse den 35 Jahre alten Atomwissenschaftler Dariusch Rezaie, als er gerade seine kleine Tochter aus dem Kindergarten im Osten Teherans abholt.

Am 11. Januar 2012 kommt Mostafa Ahmadi Roschan, 33, Chemiker und Vizechef der Urananreicherungsanlage in Natans, ums Leben; wieder löst eine am Auto befestigte und ferngezündete Magnetbombe die Explosion aus.

Die Namen von 15 Wissenschaftlern stehen auf der Todesliste der Israelis, mindestens sechs davon sterben. Die Iraner nehmen einige Verdächtige fest und richten sie nach angeblichen Geständnissen als vermeintliche Täter hin. Der israelische Geheimdienst, so ist es seine Angewohnheit, bestätigt nicht, für die Morde verantwortlich zu sein, streitet es aber auch nicht ab.

Allerdings verbreiten die Israelis im Bemühen, in Teheran Angst und Schrecken zu erzeugen, so viele Details über die Taten, dass bald keine Zweifel mehr besteht, wer da am Werk ist.

Nur eines Mannes sind die Mossad-Kommandos bis heute nicht habhaft geworden: des mutmaßlichen Masterminds hinter der iranischen Bombe, eines Wissenschaftlers namens Mohsen Fachrisadeh, der im Ruf steht, eine Art iranischer Robert Oppenheimer zu sein. Es heißt, er sei auch bei nordkoreanischen Atomtests dabei gewesen.

Fachridaseh galt lange Zeit als Mann ohne Gesicht, von dem nicht einmal ein Foto existiert. Aber irgendwann gelingt es dem Mossad, ihn zu identifizieren, sein Name steht ganz oben auf der Todesliste des Geheimdienstes. Die Israelis schaffen es sogar, einen Agenten in Fachridasehs Nähe zu platzieren.

Wie wichtig Fachridaseh ist, zeigt sich daran, dass George W. Bush persönlich ein Tonband mit dessen Stimme vorgespielt wird.

Mehrere Tage lang befindet sich der Iraner im Fadenkeuz der Israelis, es wäre wohl möglich gewesen, ihn zu töten. Doch der Mossad zögert. Nicht weil er das Leben des Atomexperten schonen möchte, sondern aus Effizienzgründen. Eine starke Fraktion innerhalb des Geheimdienstes, so sagen es Eingeweihte heute, glaubt damals, eine langfristige Überwachung Fachridasehs sei für Israel wertvoller. Doch dazu kommt es nicht mehr. Der Mann entwischt.

Jahre später, Ende April 2018, wird Netanjahu der Weltöffentlichkeit mehrere Fotos des inzwischen 56 Jahre alten Fachridaseh präsentieren. "Behalten Sie diesen Namen im Kopf", wird Netanjahu rufen, "Fachridaseh!"

In Washington hat die CIA in den täglichen Morgenbesprechungen im Weißen Haus von den Killerkommandos des Mossad berichtet. Inzwischen ist dort ein neuer Präsident im Amt, der Demokrat Barack Obama. Im April 2010 empfängt er seinen Verteidigungsminister – wie zuvor George W. Bush hat er das Amt mit Robert Gates besetzt –, um über den Iran-Konflikt zu sprechen.

Die Amerikaner gehen davon aus, dass Israel jederzeit in der Lage ist, einen Krieg zu beginnen. Der Verteidigungsminister Gates hat seinem Präsidenten deshalb ein streng geheimes Papier mit unbequemen Fragen zukommen lassen: Was, wenn Israel tatsächlich losschlägt? Würden die USA die Israelis unterstützen und ebenfalls Luftangriffe fliegen? Und was, wenn der Iran mit einem Gegenangriff auf Israel antwortet?

Ein Virus im Atomcomputer soll Leben retten, das ist der Plan

Nun also sitzt Gates im Oval Office und erklärt als Erstes, dass dem Präsidenten im Falle eines israelischen Angriffs nur wenige Stunden, womöglich sogar nur Minuten blieben, um zu reagieren. Die eigentliche Entscheidung müsse also bereits vorher getroffen werden, am besten jetzt.

Obama aber, so erinnert sich Gates später, will sich nicht festlegen. Stattdessen wendet er sich seinem Vizepräsidenten Joe Biden zu und sagt: "Fürs Protokoll und alle, die an ihren Memoiren schreiben: Ich werde keine Entscheidung über Israel oder den Iran treffen. Joe, du bist mein Zeuge!"

Gates, der sich von Obamas Worten getroffen fühlt, wird die Episode später in seinen Memoiren wiedergeben.

Heute weiß man, dass Obama damals auch deshalb so scheinbar unentschlossen agiert, weil er anderes im Sinn hat. Ihm schwebt eine große Lösung vor, ein Befreiungsschlag nicht nur für Israel und den Iran, sondern für die ganze Region durch mutige, ja verwegene Diplomatie. Und er hofft zugleich auf die Effizienz einer neuen Art der Kriegsführung, wie es sie noch nie zuvor in der Geschichte gegeben hat.

Kurz vor der Amtsübergabe im Januar 2009 hatte Bush seinen Nachfolger Obama in eine spektakuläre Planung von Geheimdiensten und Armee eingeweiht. Hin- und hergerissen zwischen dem Kriegstreiber Cheney und dem Kriegsgegner Gates, hatte Bush in den letzten Wochen seiner Amtszeit gefordert, man brauche "eine dritte Option".

Und so starteten die US-Geheimdienste die Operation "Olympic Games". In deren Mittelpunkt stehen die Zentrifugen zur Urananreicherung in der iranischen Stadt Natans: Hightech, aber störanfällig. Laufen sie zu schnell, explodieren sie. Werden sie zu schnell abgebremst, gehen sie ebenfalls kaputt.

Was also, wenn man mit einem Computervirus heimlich in die Steuersoftware der Maschinen eingriffe? Dieses Programm könne den Unterschied zwischen Krieg und Frieden ausmachen, sagt Bush nach Recherchen des New York Times-Journalisten David Sanger damals zu Obama.

Die Israelis werden in das Unternehmen eingeweiht. In Dimona, ihrem hochgeheimen Nukleargelände in der Negev-Wüste, bauen sie die iranische Anreicherungsanlage in Natans nach. Ebenso wie die Amerikaner in Oak Ridge, im Bundesstaat Tennessee, wo einst das Uran für die Hiroshima-Bombe hergestellt wurde. Ein Zufall kommt ihnen zu Hilfe: Nachdem der libysche Diktator Gaddafi Jahre zuvor sein Atomprogramm aufgegeben hatte, hatten die USA die Anlage abtransportiert und eingelagert, auch Zentrifugen von der Art, wie sie jetzt die Iraner in Natans verwenden. An Gaddafis Geräten testen die Amerikaner, ob die schwankenden Geschwindigkeiten die Maschinen tatsächlich zerstören. Das Ergebnis ist spektakulär. Die Zentrifugen zerspringen wie Glaskaraffen.

Im Palast des Sultans überbringen die Amerikaner eine Botschaft des Präsidenten

Die zerstörten Einzelteile werden im Weißen Haus präsentiert. Obamas Leute rollen riesige Pläne der Anreicherungsanlage in Natans aus. Obama will wissen, ob man verhindern kann, dass das Computervirus beispielsweise auf ein iranisches Krankenhaus überspringt und Unschuldige tötet. Die Experten antworten, man habe die Sache im Griff.

Obama gibt den Befehl zum Angriff.

Die Computer der Atomanlage in Natans sind nicht mit dem Internet verbunden. Das Virus kann also nicht von außen in die Rechner eindringen. Eingeweihte werden später sagen, ein westlicher Spion habe unbemerkt einen USB-Stick mit dem Virus an einen der Computer angeschlossen. Sicher ist: Im Sommer 2009 liegen die ersten iranischen Zentrifugen in Trümmern, und das Virus frisst sich weiter durch die Computer der Atomanlage. Am Ende wird es rund 1000 Zentrifugen zerstören, ehe es durch eine Panne aus der Fabrik ausbricht und weltweit mehr als 100.000 unbeteiligte Computer infiziert, bevor es unschädlich gemacht wird.

Die Operation Olympic Games aber hat ihr Ziel erreicht: Das iranische Anreicherungsprogramm wird massiv verlangsamt. Die USA haben den weltweit ersten Schlag im Cyberkrieg geführt. Obamas digitaler Marschbefehl ist der Versuch, nicht nur die iranische Bombe, sondern auch einen großen Krieg zu verhindern. Solange die Sabotageaktionen wirken, starten keine Kampfflugzeuge. Das ist Obamas Kalkül. Das Computervirus soll Menschenleben retten.

Zugleich beginnt der US-Präsident mit den Vorbereitungen für die große Verhandlungslösung. Einerseits erhöht er den Druck, indem er die seit 2006 vom UN-Sicherheitsrat ausgesprochenen Sanktionen gegen Teheran noch verschärft: Unternehmen, die mit dem Iran Handel treiben, müssen mit scharfen Strafen rechnen, der Geldfluss in den Iran versiegt vielerorts. Andererseits versucht Obama mit dem Regime in Teheran Kontakt aufzunehmen. Schon das ist schwierig. Die USA und der Iran haben bereits Jahre zuvor jegliche diplomatischen Beziehungen eingestellt. Es existiert keine amerikanische Botschaft in Teheran und keine iranische Botschaft in Washington.

Im Dezember 2010 treffen zwei von Obamas Beratern aus dem Weißen Haus in Maskat ein, der Hauptstadt des Sultanats Oman. Der Sultan unterhält nicht nur gute Beziehungen zu den USA, sondern auch zu Syrien und dem Iran, er gilt als Vermittler zwischen den Welten. Kaum einer eignet sich besser dafür, Nachrichten zwischen dem Iran und dem "großen Satan" auszutauschen, wie der Ajatollah Chomeini die USA einst bezeichnet hatte.

Im Palast des Sultans übermitteln die zwei Amerikaner eine Botschaft ihres Präsidenten an Ajatollah Chamenei, Chomeinis Nachfolger als geistiges Oberhaupt des Irans: Obama habe die Hoffnung, dass eine diplomatische Lösung für den Atomstreit möglich ist – sei aber zugleich entschlossen, militärische Gewalt anzuordnen, wenn der Iran sich einer solchen Lösung widersetze. Die Vereinigten Staaten würden eine zivile Nutzung der Atomkraft tolerieren, nicht aber ein militärisches Nuklearprogramm.

Die Amerikaner wissen, dass ihr Vorstoß nur Erfolg haben kann, wenn Israel weiterhin von Luftangriffen absieht. Womit Netanjahu aber weiterhin droht. "Wir hatten das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft", erinnert sich ein ehemaliger Pentagon-Beamter.

Den Israelis sagt Obama über seinen geheimen Vorstoß: nichts.

Und so entwickelt sich aufs Neue ein brandgefährliches Pokerspiel um Schein und Wirklichkeit: Die Israelis treten auf, als stünden sie kurz davor, den Iran anzugreifen – obwohl die Militärs davon abraten. Die Amerikaner vermitteln öffentlich das Gefühl, an der Seite Israels zu stehen – und beginnen zugleich hinter Netanjahus Rücken mit Geheimverhandlungen. Und die Iraner versichern der Welt treuherzig, sie hätten nichts im Sinne als eine zivile Nutzung der Atomenergie – und arbeiten doch im Verborgenen weiter am Ausbau der militärischen Infrastruktur. Es sei ein dreidimensionaler großer Bluff gewesen, sagt ein Berater des amerikanischen Verteidigungsministeriums.

Die mächtigste aller konventionellen Bomben

Zu einem militärischen Angriff, das wissen die Israelis besser als jede andere Nation, gehört immer auch die Frage, wie der Angegriffene reagieren wird. 1981 hatte die israelische Luftwaffe einen Reaktor im Irak bombardiert, um zu verhindern, dass Saddam Husseins Regime zur Atommacht reift. 2007 zerstörten israelische Kampfjets einen syrischen Reaktor bei der Stadt Deir al-Sur und begruben damit die atomaren Ambitionen des Diktators Baschar al-Assad.

Wie also würde die iranische Regierung auf einen Militärschlag antworten? Und welche politischen Folgen hätte eine Attacke? Netanjahu argumentiert bei seinen Gesprächen in Washington, die Regierung in Teheran werde reagieren wie einst die Iraker und die Syrer: so gut wie gar nicht. Saddam ließ damals den zuständigen Kommandeur der Luftabwehr und die ihm unterstehenden Offiziere hinrichten, blieb gegenüber Israel aber untätig. Und Assad verhielt sich einfach so, als hätte es die Luftschläge nie gegeben, in einer Mischung aus Scham ob der militärischen Schlappe und dem peinlichen Gefühl, bei nuklearen Gehversuchen ertappt worden zu sein.

Netanjahu behauptet, so werde es auch diesmal kommen.

Der israelische Premier träumt insgeheim sogar von einem Dominoeffekt. "Bibi war überzeugt davon, dass das iranische Regime wacklig war und ein Luftschlag gegen die Nuklearanlagen sehr wahrscheinlich einen Volksaufstand auslösen könnte", erinnert sich Robert Gates in seinen Memoiren. Ein kurzer Angriff, der nicht nur die Atomanlagen zerstört, sondern auch noch das Regime in Teheran – wäre das nicht eine elegante Lösung?

Gates entgegnet ihm: "Die Perser sind ganz anders als die Iraker und die Syrer." Er glaubt, im Falle eines israelischen Angriffs werde sich das iranische Volk hinter seine Regierung stellen. Netanjahu würde mit einer Attacke "einen Krieg in der gesamten Region auslösen".

Um die Israelis hinzuhalten, spielt der neue amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta – Gates’ Nachfolger – im Pentagon seinem israelischen Amtskollegen Ehud Barak ein als streng geheim eingestuftes Video vor: Wieder haben die Amerikaner im eigenen Land eine iranische Atomanlage nachgebaut, diesmal den Bergstollen von Fordo, wo die iranischen Wissenschaftler im Untergrund Uran anreichern. Der Film zeigt nach Angaben mehrerer Israelis und Amerikaner, wie die US-Luftwaffe den Nachbau überfliegt und dabei die mächtigste aller konventionellen Bomben abwirft: die MOP oder auch "Massive Ordnance Penetrator", ein 13.600 Kilogramm schweres, sechs Meter langes Ungetüm, das die US-Armee nach dem Irakkrieg entwickelt hat, um jeden noch so dicken Bunker zu durchbrechen. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie der nachgebaute Stollen buchstäblich zerbröselt. Ehud Barak, der die Episode erstmals schildert, sagt, er sei beeindruckt gewesen.

Die Amerikaner, das ist die Botschaft, stünden bereit, Israel zu unterstützen, aber erst wenn die Zeit reif ist, und das sei noch nicht der Fall. "Das ist wie bei einer Prügelei mit einem Schlägertypen aus der Nachbarschaft", sagt Obama zu Barak nach dessen Erinnerung, als die beiden Männer im Dezember 2011 in Washington aufeinandertreffen. "Im Moment seid ihr allein, der größere Freund ist gerade nicht da. Allein kannst du den Gegner nicht schlagen, sondern ihm nur ein blaues Auge verpassen. Warum nicht warten, bis dein Freund kommt und die Angelegenheit erledigt?" Eine Anfrage der ZEIT hierzu ließ Obama unbeantwortet.

Israel wartet tatsächlich.

Jedenfalls sieht es zunächst danach aus. Aber dann, Anfang 2012, treffen in Washington mehrere Nachrichten ein, die darauf hindeuten, dass ein Angriff bevorsteht. Und es scheint nicht nur um Luftschläge zu gehen. Amerikanische Spionagesatelliten haben neben einer verdächtig hohen Zahl von Kampfbombern in der Nähe von Tel Aviv auch ungewöhnliche Truppenbewegungen der israelischen Armee ausgemacht. Als Israel dann auch noch eine lange geplante gemeinsame Militärübung mit den Amerikanern absagt, gibt es, so mutmaßt man in Washington, nur eine plausible Erklärung: Israel plant eine Attacke und befürchtet, die Iraner durch das Manöver in Alarmbereitschaft zu versetzen.

In dieser Situation greift Leon Panetta zum Telefon und ruft Ehud Barak an. In dessen Erinnerung entspinnt sich folgender Wortwechsel, den Panetta sinngemäß bestätigt.

"Werdet ihr angreifen?"

"Wir haben keine Entscheidung getroffen", antwortet Barak. "Aber wir halten uns die Optionen offen."

Wenig später ein weiteres Telefonat. Panetta bittet Barak darum, im Falle eines Angriffs von Israel frühzeitig informiert zu werden. "Wenn ihr euch entscheidet loszuschlagen: Welche Vorwarnzeit gebt ihr uns?", fragt Panetta.

"Wie viel Zeit hätte er denn gern?", erwidert der Israeli.

"Zehn Tage", sagt Panetta.

"Ich glaube nicht, dass ihr mehr als zwölf Stunden bekommt", antwortet Barak kühl.

Die Beziehungen zwischen den USA und Israel befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand der fortschreitenden Zerrüttung. Benjamin Netanjahu sieht in Barack Obama keinen Freund Israels mehr. Zu oft hat Obama den Bau israelischer Siedlungen in den besetzten Gebieten kritisiert.

Damals, im Frühjahr 2012, ist Netanjahu entschlossen, allein loszuschlagen. Trotzdem bleiben die israelischen Kampfflugzeuge am Boden. Bei der Recherche für diesen Artikel wird Netanjahu dem israelischen Journalisten Ronen Bergman, der für die ZEIT und die New York Times arbeitet, sagen, es sei ihm trotz aller Bemühungen nicht gelungen, das Kabinett, das einem Waffengang hätte zustimmen müssen, zu überzeugen. "Wenn ich eine Mehrheit gehabt hätte, hätte ich es ohne Zweifel getan", sagt Netanjahu, "es war kein Bluff."

Bald danach ist es für einen Angriff zu spät.

Der israelische Geheimdienst hört sämtliche Verhandlungsgespräche ab

Die Israelis schaffen es, sämtliche Verhandlungsgespräche heimlich abzuhören

Ohne dass die Israelis es bemerkten, hat Obama hinter den Kulissen sein diplomatisches Vorhaben vorangetrieben. Aus den geheimen Sondierungen, die Obamas Leute 2010 im Oman begannen, entstehen im Frühjahr 2013 offizielle Gespräche zwischen den beiden verfeindeten Nationen USA und Iran, eine politische Sensation nach Jahrzehnten der Funkstille. Später stoßen Chinesen, Russen und drei europäische Länder hinzu: Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Zwanzig Monate lange verhandeln die sechs Nationen mit dem Iran, es sind Runden des Täuschens und Enttäuschens, aber auch der Hoffnung bis hin zu Euphorie. Während die Gespräche bereits laufen, registrieren westliche Geheimdienste verdächtige Telefonate zwischen Brüssel und Teheran. Eine Untersuchung ergibt, dass ein Mitarbeiter der Europäer Informationen mit der Regierung in Teheran austauscht. Ein Spion der Iraner. Nachdem er aufgeflogen ist, wird der Mann unauffällig versetzt, bis heute wird der Fall in Brüssel unter der Decke gehalten.

Die Israelis, auch das wird sich noch herausstellen, sitzen zwar nicht mit am Tisch, ihr Geheimdienst aber schafft es, sämtliche Verhandlungsgespräche abzuhören. Zudem wird in den Hotels der Europäer auch der berüchtigte Computervirus "Flame" gefunden. Offenbar wollten die Israelis nichts dem Zufall überlassen.

Trotzdem muss Netanjahu einsehen: Obama hat ihn ausmanövriert. Einen Militärschlag würde die Weltöffentlichkeit nun als Akt der Brandstiftung werten. Und mit einem unterzeichneten Abkommen wäre der Paria Iran auf dem besten Weg zurück in die internationale Staatengemeinschaft.

Was schließlich am 14. Juli 2015 im Coburg-Palais zu Wien von den Verhandlungspartnern beschlossen und in einen gut 150 Seiten langen Vertrag gegossen wird, ist eine Sensation, ein Sieg der Verhandlungskunst.

Das Atomabkommen verlangt von allen Seiten schmerzliche Zugeständnisse: Die Iraner müssen mehr als 95 Prozent ihres angereicherten Urans vernichten oder außer Landes schaffen, die Zahl ihrer Zentrifugen um zwei Drittel reduzieren und sich strengen Kontrollen unterziehen. Im Gegenzug werden die internationalen Sanktionen gegen den Iran nach und nach aufgehoben. Zudem darf Teheran weiter nuklear forschen und muss die Urananreicherung nicht komplett einstellen.

Die israelische Regierung ist entsetzt. Netanjahu, sagt einer seiner ehemaligen Berater, habe bereits die Aufnahme der Geheimverhandlungen mit dem Iran als ultimativen Verrat empfunden. Er vergleicht die Gespräche mit der Appeasementpolitik der Dreißigerjahre gegenüber den Nazis. Zu einem seiner Diplomaten sagt er: "Obama ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung."

Tatsächlich enthält der Vertrag große Lücken. Er schränkt Teherans Aufrüstung mit konventionellen Waffen nicht ein, auch nicht das Raketenprogramm. Er verbietet den Führern des Gottesstaates nicht, radikale Palästinenser-Organisationen wie Hamas oder Hisbollah zu finanzieren und ihren außenpolitischen Einfluss von Syrien über den Libanon bis zum Irak und Jemen aggressiv auszuweiten. Und er bindet die Iraner nur 15 Jahre. Ab 2030 ist wieder fast alles offen.

Aber bis dahin, das ist die Hoffnung, ist das Gespenst des Krieges verdrängt.

Dann, im November 2016, gut ein Jahr nach Abschluss des Abkommens, gewinnt Donald Trump für die Republikaner die amerikanischen Präsidentschaftswahlen.

Von Anfang an hatten die Republikaner den Vertrag kritisiert. Zu weich gegenüber dem Iran, das war das Argument. Donald Trump hatte mit diesem Thema sogar Wahlkampf gemacht, bei Auftritten überall im Land, in Arizona, Florida, Iowa, hatte er den Menschen entgegengerufen, den "schlechtesten Deal aller Zeiten" sofort rückgängig zu machen. Der "Schurkenstaat Iran" war ein dankbares Feindbild.

Trumps Sicherheitsberater sagt: "Man sollte den Iran bombardieren"

Mit Trumps Wahl ist in dem fast zwanzig Jahre währenden Konflikt erstmals die Situation entstanden, dass der israelische und der amerikanische Regierungschef bis hin zur Wortwahl ähnlich denken. Sie sprechen von "töten", von "auslöschen", von "Leiden, wie sie die Welt nie zuvor gesehen hat".

In den Monaten nach seiner Amtseinführung unternimmt Trump vieles, um Netanjahu entgegenzukommen. Er verlegt die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, was international umstritten ist. Er erkennt die besetzten Golanhöhen als israelisches Gebiet an. Er kürzt die Hilfsgelder für die Palästinenser.

An das Atomabkommen aber wagt er sich zunächst nicht heran.

Im Januar 2018 treffen sich Diplomaten aus Paris, London und Berlin in Washington mit einer Delegation der amerikanischen Regierung, die von Brian Hook angeführt wird, einem republikanischen Anwalt, den Trump zum Iran-Beauftragten ernannt hat. Es geht darum, das Atomabkommen nachzuverhandeln, einen neuen Schriftsatz aufzusetzen und diesen den Iranern vorzulegen – um den Vertrag zu retten, wie die Europäer hoffen.

Vier Monate lang sprechen die Europäer mit den Amerikanern, man trifft sich reihum in Paris, London, Berlin und erneut in Washington. Wieder werden Physiker hinzugezogen, die EU schickt einen Vertreter, das Kanzleramt ebenfalls, auch das Weiße Haus ist mit zwei Beamten vertreten. Wieder geht es in den Gesprächen um die Atomanlagen, iranische Mittel- und Langstreckenraketen, unangekündigte Inspektionen. Die Amerikaner wollen zudem über die aggressive Rolle des Irans in der Region reden.

Im März wirkt es, als seien die Gespräche gescheitert.

Im April haben die Europäer den Eindruck, eine Einigung sei nun doch zum Greifen nah. Es gibt jetzt einen Entwurf für eine Erklärung, eine Ergänzung des ursprünglichen Abkommens, fünf Seiten lang, in dem die strittigen Punkte in Klammern stehen. Dazu zählt vor allem die Frage, wie sich sicherstellen lässt, dass der Iran mindestens ein Jahr braucht, um nach einer Aufkündigung des Vertrags die Bombe zu bauen. Auch darüber, wie es nach 2030 weitergehen soll, gibt es unterschiedliche Meinungen.

"Wir waren fast am Ziel", glaubt ein europäischer Diplomat. Die US-Regierung bestreitet das.

Am 24. April 2018, noch vor dem Ende der erneuten Verhandlungen, trifft der französische Präsident Emmanuel Macron im Weißen Haus ein. Macron, der mit Trump eine Männerfreundschaft zu kultivieren versucht, hat sich sorgsam vorbereitet. Auf dem Rasen im Süden des Weißen Hauses pflanzt er eine Eiche, die aus einem Wald bei Paris stammt. Der Baum, schreibt er auf Twitter, sei eine Erinnerung an die "engen Beziehungen, die uns verbinden".

Die neue Einigkeit zwischen den USA und Israel

Im Oval Office will er mit Trump über die Details der Atomverhandlungen sprechen, Macron hat sich tief in das Thema eingearbeitet. Trump, so berichten informierte Diplomaten, habe von den Details keine Ahnung gehabt, sondern Macron nur angekündigt, den Vertrag ohnehin platzen zu lassen. Als der Franzose protestiert und auf den Erfolg der Verhandlungen mit Brian Hook verweist, soll Trump ihn ratlos angeschaut und entgegnet haben: "Wer ist Brian Hook?"

Zwei Wochen später steigen die Vereinigten Staaten aus dem Atomdeal aus. Es wirkt, als habe der amerikanische Präsident nie vorgehabt, ernsthaft nachzuverhandeln. Die Eiche, die Macron gepflanzt hat, wird später eingehen, der Iran-Konflikt aber ist zu neuem Leben erwacht.

Donald Trump hat sich im Weißen Haus mit Kriegstreibern umgeben, allen voran sein nationaler Sicherheitsberater John Bolton, der seine Iran-Strategie einst in einem Zeitungsartikel so beschrieb: "Um den Iran an der Bombe zu hindern, sollte man den Iran bombardieren." Iranischen Dissidenten versprach Bolton, das Regime werde in zwei Jahren untergehen und "wir werden in Teheran feiern".

Auch Trumps derzeitiger Außenminister Mike Pompeo, als ehemaliger CIA-Chef mit allen Finessen des Schattenkriegs vertraut, gilt als Hardliner. Fast alle Bedenkenträger wie den Außenminister Rex Tillerson, den Verteidigungsminister James Mattis und den Sicherheitsberater H. R. McMaster hat Trump inzwischen aus dem Amt gedrängt.

Das muss nicht heißen, dass es zum Krieg kommt. Trump verfolgt eine Strategie des maximalen Drucks, um den Iran zu bezwingen. Womöglich kapituliert Teheran unter der Last der neuen amerikanischen Sanktionen, die auch europäische Unternehmen, die mit dem Iran Geschäfte machen, mit drakonischen Strafen belegen. Womöglich gelingt es den Europäern, rechtzeitig einen neuen diplomatischen Ausweg zu finden, wie es Macron vor anderthalb Wochen beim G7-Treffen in Biarritz mit der Blitzeinladung des iranischen Außenministers versucht hat.

Doch solange dies nicht der Fall ist, besteht fast täglich die Gefahr einer militärischen Eskalation.

Mitte September wird in Israel ein neues Parlament gewählt, die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu und seinem schärfsten Konkurrenten, dem ehemaligen Armeechef Benny Gantz, voraus. Netanjahu ist 69 Jahre alt, er regiert mit Unterbrechungen seit über 13 Jahren und ist damit länger im Amt als der legendäre israelische Staatsgründer David Ben Gurion. Der Kampf gegen die iranische Atombombe ist sein letztes großes, unerledigtes Projekt.

Bei 2000 Grad Celsius schmelzen die Stahlwände der Safes wie Butter

Von der iranischen Regierung ist zu erwarten, dass sie die Situation weiter, Schritt für Schritt, eskalieren lässt, so wie in den vergangenen Monaten. Mal mit dem Kapern eines Tankers, mal mit Haftminen in der Straße von Hormus, mal mit dem Vorantreiben des Atomprogramms. Das Land verfügt bereits wieder über mehr angereichertes Uran, als es das Atomabkommen vorsieht, und kann den Bau der Bombe jederzeit vorantreiben, die Geräte dafür sind alle vorhanden. "Die amerikanische Führung wird nicht so verrückt sein, gegen uns einen Krieg zu beginnen", sagt der iranische Botschafter bei der Atomenergiebehörde in Wien Kazim Gharibabadi gegenüber der ZEIT. "Sie wissen, wie stark wir sind und dass wir zurückschlagen können."

Es klingt wie eine Kampfansage und ist wohl doch eher bange Hoffnung. Jetzt, da ihnen Amerikaner und Israelis gleichermaßen aggressiv gegenüberstehen, ist der Iran so bedroht wie vielleicht nie zuvor in den mehr als zwanzig Jahren, die dieser Konflikt nun andauert.

Die neue Einigkeit zwischen den USA und Israel, sie zeigte sich zum Beispiel am 31. Januar 2018. In den Abendstunden jenes Tages überwinden Agenten des Mossad die Absperrungen an einer Lagerhalle am Stadtrand von Teheran. Sie brechen das Tor auf und holen mehrere mitgebrachte Schweißgeräte heraus. In der Halle stehen 32 Tresore mit farbig markierten Akten, grün, rot, schwarz.

Die Mossad-Leute schweißen etwa zehn der Safes auf, sie scheinen zu wissen, wonach sie suchen. Bei Temperaturen um 2000 Grad Celsius schmelzen die Stahlwände wie Butter.

Fast sieben Stunden lang schleppen die Israelis Material aus der Halle, 114 Aktenordner und 55.000 Seiten Papier, dazu 183 CDs, auf denen mehr als 55.000 Dateien gespeichert sind. Verteilt auf mehrere Lastwagen, schmuggeln sie das Material nach Tel Aviv. Hochrangige israelische Regierungsmitarbeiter haben der ZEIT den Ablauf des Abends beschrieben und Einblick in weite Teile der Dokumente gewährt. Die Angaben sind schwer zu überprüfen, aber die iranische Regierung bestreitet die Ereignisse nicht, sondern droht nur, das "zionistische Regime" werde den Überfall noch bereuen.

Die Dokumente sind eine Art Zentralarchiv des iranischen Atomprogramms, sie bestätigen, was der Spion Dolphin und andere mehr als 15 Jahre zuvor beschrieben hatten: dass der Iran ein aktives Nuklearprogramm betrieb, das weiter entwickelt war, als die iranische Staatsführung je zuzugeben bereit war. Der Fund von Teheran ist eine Anklage gegen ein Regime, das die Welt jahrelang systematisch belogen hat.

Der Chef des Mossad, Jossi Cohen, fliegt nach dem Coup eigens nach Washington, um Mike Pompeo eine vollständige Kopie der Daten zu übergeben. Vorbei die Zeiten, in denen sich Israelis und Amerikaner misstrauisch belauerten.

Der ebenso kühne wie unverfrorene Einbruch, heißt es in Tel Aviv, sei der Beginn einer neuen Offensive, um dem iranischen Atomprogramm den Todesstoß zu versetzen.

Als sich Cohen und Pompeo die Hände schütteln, lächeln sie.

Mitarbeit: Ronen Bergman, Mark Mazzetti