Eine iranische Rakete braucht nur 13 Minuten für die 1900 Kilometer bis Tel Aviv

Denn dies ist die Lektion, die jede Regierung der Welt aus der Geschichte lernen kann: Wer den infernalischen Prozess der atomaren Spaltung meistert, kann sich viel, vielleicht alles erlauben – er ist nahezu gefeit gegen die Angriffe anderer Nationen, ganz gleich, wie despotenhaft er sich geriert. Das jüngste Beispiel dafür ist der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un. Wer hingegen auf diesem Weg scheitert, läuft Gefahr, hinweggefegt zu werden, so wie der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi, der sein Atomprogramm 2003 aufgab, ins Fadenkreuz der Nato geriet und schließlich von Rebellen erschossen wurde. Die A-Bombe ist ein Schutzschild gegen einen Angriff von außen.

Zu den Eigenarten dieses Konfliktes zählt deshalb, dass Israel, Atommacht seit Jahrzehnten, und der Iran ganz ähnlich argumentieren: mit ihrem Existenzrecht – nur aus grundsätzlich verschiedenen, scheinbar unversöhnlichen Perspektiven.

Im Iran, fast fünfmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, geht es um das Überleben einer Regierung, des brutalen Revolutionsregimes, das seine Macht sichern will. Und um Nationalstolz und den Anspruch auf eine führende Rolle in der Region.

In Israel geht es um das Überleben des Landes selbst. Eine iranische Schahab-3-Rakete braucht für die 1900 Kilometer zwischen Teheran und Tel Aviv geschätzte 13 Minuten Flugzeit. 13 Minuten, die über die Zukunft des israelischen Volkes entscheiden, denn Israel, so klein wie das Bundesland Hessen, würde durch einen nuklearen Angriff vermutlich für immer unbewohnbar.

Im Jahr 2005, ein Jahr nach Dolphins Tod, spitzt sich der Konflikt weiter zu, im Iran ist inzwischen der Fundamentalist Mahmud Ahmadinedschad an die Macht gekommen. Umjubelt von 4000 aufgepeitschten Studenten, ruft er auf einer Konferenz, das "Besatzerregime" Israel müsse "aus den Geschichtsbüchern verschwinden". In der Stadt Natans, verkündet er, würde künftig im großen Maßstab Uran angereichert.

Mitte 2007 kommt in Israel ein neuer Verteidigungsminister ins Amt: Ehud Barak, ehemaliger General, ehemaliger Ministerpräsident. Die iranische Bedrohung steht ganz oben auf seiner Agenda. Barak stellt seinen Militärs eine direkte Frage: Kann die israelische Luftwaffe die iranische Atominfrastruktur vernichten?

Für einen erfolgreichen Angriff müssten die Israelis zeitgleich mehrere Anlagen zerstören, die Urananreicherungsanlage in Natans, eine Fabrik in der Universitätsstadt Isfahan sowie einen Reaktor in Araq. "Uns war klar: Entscheidend würde sein, dass wir den Iran komplett überraschen", sagt Barak heute. Was ihm zunächst nicht klar ist: Die Bunker der iranischen Atomanlagen sind zu stark, als dass die israelischen Bomben sie durchbrechen können. Ein Angriff ohne amerikanische Hilfe ist zum Scheitern verurteilt.

Aber sind die USA dazu bereit?

Die republikanische Regierung unter dem Präsidenten George W. Bush, der im Frühjahr 2008 dem Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit entgegensieht, ist in dieser Frage gespalten. Bush hat Feldzüge gegen Afghanistan und den Irak begonnen, er ist kriegsmüde. Andererseits, so sagt er es in einem Interview im Mai jenes Jahres, ist er überzeugt davon, "dass die größte langfristige Bedrohung für den Frieden im Nahen Osten der Iran ist".

Zu jenen, die energisch auf einen Angriff drängen, zählt Bushs Vizepräsident Dick Cheney. Vehement dagegen spricht sich Robert Gates aus, der Verteidigungsminister. Gates verfasst sogar einen persönlichen Brief an den Präsidenten, in dem er argumentiert, die USA dürften sich "niemals zur Geisel einer anderen Nation machen, egal, wie nah uns dieser Verbündete steht". Die andere Nation ist in diesem Fall Israel.

Mitte Mai 2008 feiern die Israelis den 60. Jahrestag der Staatsgründung. Als Ehrengast ist George W. Bush zu einem dreitägigen Besuch geladen. Am letzten Abend bittet der damalige israelische Premierminister Ehud Olmert in seine Jerusalemer Residenz. Nach dem Abendessen ziehen sich Olmert und Bush in eine Lounge zurück, sie lassen Ehud Barak hinzurufen, den Verteidigungsminister. In schweren Ledersesseln sitzend, verhandeln die drei Politiker über Krieg und Frieden.

Barak, so schildert Olmert den Abend, habe sich eine Zigarre angezündet, ein Glas Whiskey eingeschenkt und einen Vortrag über den ersten Golfkrieg und die Gefährlichkeit des Irans begonnen – als ihn George W. Bush unterbricht.

"Wissen Sie, was Nein bedeutet, General?", ruft der US-Präsident und schlägt mit der Hand auf den Tisch. "Nein heißt Nein!"

Aber Barak lässt sich nicht abbringen. Er setzt noch einmal an und bittet Bush um schwere, bunkerbrechende Bomben. "Wofür brauchen Sie die?", entgegnet Bush nach Olmerts Erinnerung. "Gegen den Iran? Habe ich nicht eindeutig Nein gesagt?"

Barak beschreibt das Ende des Gesprächs anders. Nach seinem Vortrag habe sich Bush zu Olmert gedreht, mit dem Finger auf Barak gezeigt und gesagt: "Dieser Typ macht mir eine Höllenangst!"

Im Rückblick, glaubt Barak, habe Bushs Zurückhaltung keinen großen Unterschied gemacht: "Ende 2008 hatten wir keinen durchführbaren Plan für einen Angriff."

Israel wäre ohnehin nicht zu einer Attacke in der Lage gewesen? Diese Aussage lässt ein Phänomen erkennen, das in diesem Konflikt von zentraler Bedeutung ist: den Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit.

Der Iran versucht, den Eindruck zu erwecken, von der Bombe noch weit entfernt zu sein, um möglichst keinen Angriff zu provozieren. Israel will militärisch potent erscheinen, um möglichst viel Druck auszuüben. Und den USA ist daran gelegen, ihrem Verbündeten Israel die Treue zu halten, ohne gleichzeitig einen unkontrollierbaren Krieg zu riskieren.

Das ist die Situation im Jahr 2008. Dann geschehen zwei Dinge, die den Konflikt weiter anheizen.

Im Iran, nahe Fordo, 30 Kilometer nördlich der heiligen Stadt Ghom, entdeckt 2008 ein britischer Spion einen bislang unbekannten Stollen, der tief hinab in ein Bergwerk führt, in dem die Iraner heimlich Uran anreichern. Auf einmal ist klar: Sie sind der Bombe weit näher als bis dahin angenommen. Und in Israel wird Anfang des Jahres 2009 Benjamin Netanjahu vom konservativen Likud zum israelischen Premierminister gewählt, bereits zum zweiten Mal nach 1999.

Netanjahu, der neue, altbekannte Regierungschef, von seinen Landsleuten nur "Bibi" genannt, als seien sie mit ihm per Du, hat den Kampf gegen die iranische Bedrohung zu "einem persönlichen Kreuzzug" erklärt, wie ein langjähriger enger Berater Netanjahus heute sagt.

Mal steht der israelische Premierminister auf der Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz und hält ein Trümmerteil einer abgeschossenen, angeblich iranischen Drohne in die Höhe, grimmig drohend: "Israel wird es nicht zulassen, dass der Iran uns eine Schlinge des Terrors um den Hals legt." Mal präsentiert er in New York vor den Vereinten Nationen eine cartooneske Zeichnung einer Bombe mit brennender Lunte, in die er mit Filzstift eine dicke rote Linie hineinmalt, wobei er ausruft: "Es geht hier um die Zukunft der Welt!"