Der Iran hat sein Atomprogramm weiter betrieben – und niemand hat es bemerkt

Der Premierminister ist zutiefst davon überzeugt, dass er dereinst daran gemessen werden wird, ob er die Iraner auf ihrem Weg zur Bombe stoppen konnte. Die Netanjahus seien dazu berufen, einen zweiten Holocaust zu verhindern, das hatte ihm schon sein Vater eingeimpft, ein in Warschau geborener Historiker, der zeit seines Lebens über antijüdische Pogrome forschte und ein wehrhaftes Großisrael propagierte. Auch Netanjahus Bruder Jonathan hatte als Kommandeur einer Eliteeinheit den bedingungslosen Kampf gegen Terroristen vorgelebt, unter dem größtmöglichen Opfer: Er verlor sein Leben, als er die israelischen Spezialkräfte anführte, die 1976 am Flughafen der ugandischen Stadt Entebbe mehr als hundert Geiseln befreiten.

Geprägt von seiner Familiengeschichte, ist Benjamin Netanjahu geradezu besessen davon, überall Verrat zu wittern – in Washington, in Europa, ja selbst daheim, in den eigenen Reihen. Wenn es in seiner Residenz in der Balfourstraße in Jerusalem um den Iran geht, lässt Netanjahu – so schildern es heute Mitarbeiter – nicht nur sämtliche Handys aus den Räumen verbannen. Er beharrt auch darauf, die Festnetzanschlüsse und den Fernseher auszustöpseln, aus Angst, ein fremder Geheimdienst könnte das Netzwerk infiltriert haben.

So ist es kein Zufall, dass Netanjahu im November 2010 die vierzig wichtigsten Militärs und Geheimdienstbeamten des Landes an einem ganz besonders abgeschotteten Ort zusammenruft, um sich über einen bevorstehenden Angriff auf die Anlagen in Isfahan, Natans und Fordo zu beraten: in der Akademie des Mossad. Es ist ein graues Sechzigerjahregebäude, das einst mit Geldern der CIA errichtet wurde und das nicht nur für höchste Geheimhaltung berühmt ist, sondern auch für seinen exzellenten Service: Butler mit weißen Handschuhen servieren dort dicke Zigarren und Alkoholika nach Wahl.

Netanjahu und sein Verteidigungsminister – noch immer Ehud Barak – sind der Meinung, es sei nun Zeit für eine Attacke und die israelische Armee sei inzwischen bereit dafür. Barak hat die Militärs sogar angewiesen, die Luftwaffe binnen 60 Tagen zu mobilisieren. Offenkundig hat der Iran sein Atomprogramm im Verborgenen weiter vorangetrieben; offenkundig haben es weder der Mossad noch die CIA oder der BND rechtzeitig bemerkt; und offenkundig ist die Atomanlage bei Fordo, tief eingegraben im Inneren eines Berges, weit schwieriger zu zerstören als alle anderen. Der Iran, warnt Barak wieder und wieder, werde bald in "eine Zone der Immunität" eintauchen, in der das Nuklearprogramm so weit fortgeschritten sei, dass es auch durch ein Angriff kaum noch zu stoppen sei. Es müsse etwas passieren, und das schnell.

Doch Netanjahu und Barak stoßen an jenem Novembertag 2010 auf Widerstand – bei den eigenen Leuten. Der Generalstabschef der israelischen Armee Gabi Aschkenasi ergreift das Wort und trägt eine überraschend skeptische Einschätzung vor: Die gewünschte Operation sei von der israelischen Armee in dem von Netanjahu und Barak gewünschten Zeitraum nach wie vor nicht zu leisten, sagt er nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Teilnehmer. Israels Waffen seien nicht modern, nicht schlagkräftig genug, die Armee brauche mehr Zeit für die Vorbereitung. Auch Mossad-Chef Meir Dagan spricht sich gegen einen Erstschlag aus. Die Botschaft des herbstlichen Treffens ist ernüchternd: Selbst wenn der Premier und sein Verteidigungsminister es wollen – Israel allein kann derzeit keinen erfolgreichen Angriff führen. "Wenn der Armeechef sagt, dass die Operationskapazitäten nicht ausreichen, kannst du ihn feuern", erinnert sich Barak an die Szene, "aber du kannst nicht den Marschbefehl erteilen."

Um das Atomprogramm eines Landes zu sabotieren, gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann Fabriken und Forschungsanlagen bombardieren und zerstören. Man kann das Land mit Sanktionen belegen, um der Wirtschaft den Saft abzudrehen. Man kann aber auch die Menschen eliminieren, die hinter dem Programm stehen – jene iranischen Wissenschaftler, die die Bombe bauen.

Israelische Killerkommandos sollen iranische Wissenschaftler in Teheran töten

US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Ruhani betreiben eine Politik der Eskalation. © Adams Carvalho für DIE ZEIT

Im Mossad gibt es auch Stimmen, die sich dagegen aussprechen, Wissenschaftler zu töten, es handelt sich ja nicht um Terroristen. Dennoch einigen sich die Israelis auf eine Strategie der schnellen und geheimen Mordanschläge, auf einen Schattenkrieg.

Netanjahu autorisiert den Mossad-Chef Dagan, Killerkommandos in die Städte Teheran und Natans zu schicken. Für solche Operationen hat der Mossad mehrere Elitekommandos ausgebildet, eines heißt "Kidon", was im Hebräischen "Bajonett" bedeutet.

Am 12. Januar 2010 stirbt in Teheran der Teilchenphysiker Massud Ali-Mohammadi, 50, durch eine ferngesteuerte Bombe, als er frühmorgens aus seinem Haus auf die Straße tritt.

Am 29. November 2010 wird der 44-jährige Universitätsprofessor Madschid Schahriari von einer Bombe zerrissen, die vorbeifahrende Motorradfahrer an seiner Autotür im Zentrum der Hauptstadt angebracht haben.

Am Nachmittag des 23. Juli 2011 töten Schüsse den 35 Jahre alten Atomwissenschaftler Dariusch Rezaie, als er gerade seine kleine Tochter aus dem Kindergarten im Osten Teherans abholt.

Am 11. Januar 2012 kommt Mostafa Ahmadi Roschan, 33, Chemiker und Vizechef der Urananreicherungsanlage in Natans, ums Leben; wieder löst eine am Auto befestigte und ferngezündete Magnetbombe die Explosion aus.

Die Namen von 15 Wissenschaftlern stehen auf der Todesliste der Israelis, mindestens sechs davon sterben. Die Iraner nehmen einige Verdächtige fest und richten sie nach angeblichen Geständnissen als vermeintliche Täter hin. Der israelische Geheimdienst, so ist es seine Angewohnheit, bestätigt nicht, für die Morde verantwortlich zu sein, streitet es aber auch nicht ab.

Allerdings verbreiten die Israelis im Bemühen, in Teheran Angst und Schrecken zu erzeugen, so viele Details über die Taten, dass bald keine Zweifel mehr besteht, wer da am Werk ist.

Nur eines Mannes sind die Mossad-Kommandos bis heute nicht habhaft geworden: des mutmaßlichen Masterminds hinter der iranischen Bombe, eines Wissenschaftlers namens Mohsen Fachrisadeh, der im Ruf steht, eine Art iranischer Robert Oppenheimer zu sein. Es heißt, er sei auch bei nordkoreanischen Atomtests dabei gewesen.

Fachridaseh galt lange Zeit als Mann ohne Gesicht, von dem nicht einmal ein Foto existiert. Aber irgendwann gelingt es dem Mossad, ihn zu identifizieren, sein Name steht ganz oben auf der Todesliste des Geheimdienstes. Die Israelis schaffen es sogar, einen Agenten in Fachridasehs Nähe zu platzieren.

Wie wichtig Fachridaseh ist, zeigt sich daran, dass George W. Bush persönlich ein Tonband mit dessen Stimme vorgespielt wird.

Mehrere Tage lang befindet sich der Iraner im Fadenkeuz der Israelis, es wäre wohl möglich gewesen, ihn zu töten. Doch der Mossad zögert. Nicht weil er das Leben des Atomexperten schonen möchte, sondern aus Effizienzgründen. Eine starke Fraktion innerhalb des Geheimdienstes, so sagen es Eingeweihte heute, glaubt damals, eine langfristige Überwachung Fachridasehs sei für Israel wertvoller. Doch dazu kommt es nicht mehr. Der Mann entwischt.

Jahre später, Ende April 2018, wird Netanjahu der Weltöffentlichkeit mehrere Fotos des inzwischen 56 Jahre alten Fachridaseh präsentieren. "Behalten Sie diesen Namen im Kopf", wird Netanjahu rufen, "Fachridaseh!"

In Washington hat die CIA in den täglichen Morgenbesprechungen im Weißen Haus von den Killerkommandos des Mossad berichtet. Inzwischen ist dort ein neuer Präsident im Amt, der Demokrat Barack Obama. Im April 2010 empfängt er seinen Verteidigungsminister – wie zuvor George W. Bush hat er das Amt mit Robert Gates besetzt –, um über den Iran-Konflikt zu sprechen.

Die Amerikaner gehen davon aus, dass Israel jederzeit in der Lage ist, einen Krieg zu beginnen. Der Verteidigungsminister Gates hat seinem Präsidenten deshalb ein streng geheimes Papier mit unbequemen Fragen zukommen lassen: Was, wenn Israel tatsächlich losschlägt? Würden die USA die Israelis unterstützen und ebenfalls Luftangriffe fliegen? Und was, wenn der Iran mit einem Gegenangriff auf Israel antwortet?