Nun also sitzt Gates im Oval Office und erklärt als Erstes, dass dem Präsidenten im Falle eines israelischen Angriffs nur wenige Stunden, womöglich sogar nur Minuten blieben, um zu reagieren. Die eigentliche Entscheidung müsse also bereits vorher getroffen werden, am besten jetzt.

Obama aber, so erinnert sich Gates später, will sich nicht festlegen. Stattdessen wendet er sich seinem Vizepräsidenten Joe Biden zu und sagt: "Fürs Protokoll und alle, die an ihren Memoiren schreiben: Ich werde keine Entscheidung über Israel oder den Iran treffen. Joe, du bist mein Zeuge!"

Gates, der sich von Obamas Worten getroffen fühlt, wird die Episode später in seinen Memoiren wiedergeben.

Heute weiß man, dass Obama damals auch deshalb so scheinbar unentschlossen agiert, weil er anderes im Sinn hat. Ihm schwebt eine große Lösung vor, ein Befreiungsschlag nicht nur für Israel und den Iran, sondern für die ganze Region durch mutige, ja verwegene Diplomatie. Und er hofft zugleich auf die Effizienz einer neuen Art der Kriegsführung, wie es sie noch nie zuvor in der Geschichte gegeben hat.

Kurz vor der Amtsübergabe im Januar 2009 hatte Bush seinen Nachfolger Obama in eine spektakuläre Planung von Geheimdiensten und Armee eingeweiht. Hin- und hergerissen zwischen dem Kriegstreiber Cheney und dem Kriegsgegner Gates, hatte Bush in den letzten Wochen seiner Amtszeit gefordert, man brauche "eine dritte Option".

Und so starteten die US-Geheimdienste die Operation "Olympic Games". In deren Mittelpunkt stehen die Zentrifugen zur Urananreicherung in der iranischen Stadt Natans: Hightech, aber störanfällig. Laufen sie zu schnell, explodieren sie. Werden sie zu schnell abgebremst, gehen sie ebenfalls kaputt.

Was also, wenn man mit einem Computervirus heimlich in die Steuersoftware der Maschinen eingriffe? Dieses Programm könne den Unterschied zwischen Krieg und Frieden ausmachen, sagt Bush nach Recherchen des New York Times-Journalisten David Sanger damals zu Obama.

Die Israelis werden in das Unternehmen eingeweiht. In Dimona, ihrem hochgeheimen Nukleargelände in der Negev-Wüste, bauen sie die iranische Anreicherungsanlage in Natans nach. Ebenso wie die Amerikaner in Oak Ridge, im Bundesstaat Tennessee, wo einst das Uran für die Hiroshima-Bombe hergestellt wurde. Ein Zufall kommt ihnen zu Hilfe: Nachdem der libysche Diktator Gaddafi Jahre zuvor sein Atomprogramm aufgegeben hatte, hatten die USA die Anlage abtransportiert und eingelagert, auch Zentrifugen von der Art, wie sie jetzt die Iraner in Natans verwenden. An Gaddafis Geräten testen die Amerikaner, ob die schwankenden Geschwindigkeiten die Maschinen tatsächlich zerstören. Das Ergebnis ist spektakulär. Die Zentrifugen zerspringen wie Glaskaraffen.

Im Palast des Sultans überbringen die Amerikaner eine Botschaft des Präsidenten

Die zerstörten Einzelteile werden im Weißen Haus präsentiert. Obamas Leute rollen riesige Pläne der Anreicherungsanlage in Natans aus. Obama will wissen, ob man verhindern kann, dass das Computervirus beispielsweise auf ein iranisches Krankenhaus überspringt und Unschuldige tötet. Die Experten antworten, man habe die Sache im Griff.

Obama gibt den Befehl zum Angriff.

Die Computer der Atomanlage in Natans sind nicht mit dem Internet verbunden. Das Virus kann also nicht von außen in die Rechner eindringen. Eingeweihte werden später sagen, ein westlicher Spion habe unbemerkt einen USB-Stick mit dem Virus an einen der Computer angeschlossen. Sicher ist: Im Sommer 2009 liegen die ersten iranischen Zentrifugen in Trümmern, und das Virus frisst sich weiter durch die Computer der Atomanlage. Am Ende wird es rund 1000 Zentrifugen zerstören, ehe es durch eine Panne aus der Fabrik ausbricht und weltweit mehr als 100.000 unbeteiligte Computer infiziert, bevor es unschädlich gemacht wird.

Die Operation Olympic Games aber hat ihr Ziel erreicht: Das iranische Anreicherungsprogramm wird massiv verlangsamt. Die USA haben den weltweit ersten Schlag im Cyberkrieg geführt. Obamas digitaler Marschbefehl ist der Versuch, nicht nur die iranische Bombe, sondern auch einen großen Krieg zu verhindern. Solange die Sabotageaktionen wirken, starten keine Kampfflugzeuge. Das ist Obamas Kalkül. Das Computervirus soll Menschenleben retten.

Zugleich beginnt der US-Präsident mit den Vorbereitungen für die große Verhandlungslösung. Einerseits erhöht er den Druck, indem er die seit 2006 vom UN-Sicherheitsrat ausgesprochenen Sanktionen gegen Teheran noch verschärft: Unternehmen, die mit dem Iran Handel treiben, müssen mit scharfen Strafen rechnen, der Geldfluss in den Iran versiegt vielerorts. Andererseits versucht Obama mit dem Regime in Teheran Kontakt aufzunehmen. Schon das ist schwierig. Die USA und der Iran haben bereits Jahre zuvor jegliche diplomatischen Beziehungen eingestellt. Es existiert keine amerikanische Botschaft in Teheran und keine iranische Botschaft in Washington.

Im Dezember 2010 treffen zwei von Obamas Beratern aus dem Weißen Haus in Maskat ein, der Hauptstadt des Sultanats Oman. Der Sultan unterhält nicht nur gute Beziehungen zu den USA, sondern auch zu Syrien und dem Iran, er gilt als Vermittler zwischen den Welten. Kaum einer eignet sich besser dafür, Nachrichten zwischen dem Iran und dem "großen Satan" auszutauschen, wie der Ajatollah Chomeini die USA einst bezeichnet hatte.

Im Palast des Sultans übermitteln die zwei Amerikaner eine Botschaft ihres Präsidenten an Ajatollah Chamenei, Chomeinis Nachfolger als geistiges Oberhaupt des Irans: Obama habe die Hoffnung, dass eine diplomatische Lösung für den Atomstreit möglich ist – sei aber zugleich entschlossen, militärische Gewalt anzuordnen, wenn der Iran sich einer solchen Lösung widersetze. Die Vereinigten Staaten würden eine zivile Nutzung der Atomkraft tolerieren, nicht aber ein militärisches Nuklearprogramm.

Die Amerikaner wissen, dass ihr Vorstoß nur Erfolg haben kann, wenn Israel weiterhin von Luftangriffen absieht. Womit Netanjahu aber weiterhin droht. "Wir hatten das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft", erinnert sich ein ehemaliger Pentagon-Beamter.

Den Israelis sagt Obama über seinen geheimen Vorstoß: nichts.

Und so entwickelt sich aufs Neue ein brandgefährliches Pokerspiel um Schein und Wirklichkeit: Die Israelis treten auf, als stünden sie kurz davor, den Iran anzugreifen – obwohl die Militärs davon abraten. Die Amerikaner vermitteln öffentlich das Gefühl, an der Seite Israels zu stehen – und beginnen zugleich hinter Netanjahus Rücken mit Geheimverhandlungen. Und die Iraner versichern der Welt treuherzig, sie hätten nichts im Sinne als eine zivile Nutzung der Atomenergie – und arbeiten doch im Verborgenen weiter am Ausbau der militärischen Infrastruktur. Es sei ein dreidimensionaler großer Bluff gewesen, sagt ein Berater des amerikanischen Verteidigungsministeriums.