Zu einem militärischen Angriff, das wissen die Israelis besser als jede andere Nation, gehört immer auch die Frage, wie der Angegriffene reagieren wird. 1981 hatte die israelische Luftwaffe einen Reaktor im Irak bombardiert, um zu verhindern, dass Saddam Husseins Regime zur Atommacht reift. 2007 zerstörten israelische Kampfjets einen syrischen Reaktor bei der Stadt Deir al-Sur und begruben damit die atomaren Ambitionen des Diktators Baschar al-Assad.

Wie also würde die iranische Regierung auf einen Militärschlag antworten? Und welche politischen Folgen hätte eine Attacke? Netanjahu argumentiert bei seinen Gesprächen in Washington, die Regierung in Teheran werde reagieren wie einst die Iraker und die Syrer: so gut wie gar nicht. Saddam ließ damals den zuständigen Kommandeur der Luftabwehr und die ihm unterstehenden Offiziere hinrichten, blieb gegenüber Israel aber untätig. Und Assad verhielt sich einfach so, als hätte es die Luftschläge nie gegeben, in einer Mischung aus Scham ob der militärischen Schlappe und dem peinlichen Gefühl, bei nuklearen Gehversuchen ertappt worden zu sein.

Netanjahu behauptet, so werde es auch diesmal kommen.

Der israelische Premier träumt insgeheim sogar von einem Dominoeffekt. "Bibi war überzeugt davon, dass das iranische Regime wacklig war und ein Luftschlag gegen die Nuklearanlagen sehr wahrscheinlich einen Volksaufstand auslösen könnte", erinnert sich Robert Gates in seinen Memoiren. Ein kurzer Angriff, der nicht nur die Atomanlagen zerstört, sondern auch noch das Regime in Teheran – wäre das nicht eine elegante Lösung?

Gates entgegnet ihm: "Die Perser sind ganz anders als die Iraker und die Syrer." Er glaubt, im Falle eines israelischen Angriffs werde sich das iranische Volk hinter seine Regierung stellen. Netanjahu würde mit einer Attacke "einen Krieg in der gesamten Region auslösen".

Um die Israelis hinzuhalten, spielt der neue amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta – Gates’ Nachfolger – im Pentagon seinem israelischen Amtskollegen Ehud Barak ein als streng geheim eingestuftes Video vor: Wieder haben die Amerikaner im eigenen Land eine iranische Atomanlage nachgebaut, diesmal den Bergstollen von Fordo, wo die iranischen Wissenschaftler im Untergrund Uran anreichern. Der Film zeigt nach Angaben mehrerer Israelis und Amerikaner, wie die US-Luftwaffe den Nachbau überfliegt und dabei die mächtigste aller konventionellen Bomben abwirft: die MOP oder auch "Massive Ordnance Penetrator", ein 13.600 Kilogramm schweres, sechs Meter langes Ungetüm, das die US-Armee nach dem Irakkrieg entwickelt hat, um jeden noch so dicken Bunker zu durchbrechen. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie der nachgebaute Stollen buchstäblich zerbröselt. Ehud Barak, der die Episode erstmals schildert, sagt, er sei beeindruckt gewesen.

Die Amerikaner, das ist die Botschaft, stünden bereit, Israel zu unterstützen, aber erst wenn die Zeit reif ist, und das sei noch nicht der Fall. "Das ist wie bei einer Prügelei mit einem Schlägertypen aus der Nachbarschaft", sagt Obama zu Barak nach dessen Erinnerung, als die beiden Männer im Dezember 2011 in Washington aufeinandertreffen. "Im Moment seid ihr allein, der größere Freund ist gerade nicht da. Allein kannst du den Gegner nicht schlagen, sondern ihm nur ein blaues Auge verpassen. Warum nicht warten, bis dein Freund kommt und die Angelegenheit erledigt?" Eine Anfrage der ZEIT hierzu ließ Obama unbeantwortet.

Israel wartet tatsächlich.

Jedenfalls sieht es zunächst danach aus. Aber dann, Anfang 2012, treffen in Washington mehrere Nachrichten ein, die darauf hindeuten, dass ein Angriff bevorsteht. Und es scheint nicht nur um Luftschläge zu gehen. Amerikanische Spionagesatelliten haben neben einer verdächtig hohen Zahl von Kampfbombern in der Nähe von Tel Aviv auch ungewöhnliche Truppenbewegungen der israelischen Armee ausgemacht. Als Israel dann auch noch eine lange geplante gemeinsame Militärübung mit den Amerikanern absagt, gibt es, so mutmaßt man in Washington, nur eine plausible Erklärung: Israel plant eine Attacke und befürchtet, die Iraner durch das Manöver in Alarmbereitschaft zu versetzen.

In dieser Situation greift Leon Panetta zum Telefon und ruft Ehud Barak an. In dessen Erinnerung entspinnt sich folgender Wortwechsel, den Panetta sinngemäß bestätigt.

"Werdet ihr angreifen?"

"Wir haben keine Entscheidung getroffen", antwortet Barak. "Aber wir halten uns die Optionen offen."

Wenig später ein weiteres Telefonat. Panetta bittet Barak darum, im Falle eines Angriffs von Israel frühzeitig informiert zu werden. "Wenn ihr euch entscheidet loszuschlagen: Welche Vorwarnzeit gebt ihr uns?", fragt Panetta.

"Wie viel Zeit hätte er denn gern?", erwidert der Israeli.

"Zehn Tage", sagt Panetta.

"Ich glaube nicht, dass ihr mehr als zwölf Stunden bekommt", antwortet Barak kühl.

Die Beziehungen zwischen den USA und Israel befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand der fortschreitenden Zerrüttung. Benjamin Netanjahu sieht in Barack Obama keinen Freund Israels mehr. Zu oft hat Obama den Bau israelischer Siedlungen in den besetzten Gebieten kritisiert.

Damals, im Frühjahr 2012, ist Netanjahu entschlossen, allein loszuschlagen. Trotzdem bleiben die israelischen Kampfflugzeuge am Boden. Bei der Recherche für diesen Artikel wird Netanjahu dem israelischen Journalisten Ronen Bergman, der für die ZEIT und die New York Times arbeitet, sagen, es sei ihm trotz aller Bemühungen nicht gelungen, das Kabinett, das einem Waffengang hätte zustimmen müssen, zu überzeugen. "Wenn ich eine Mehrheit gehabt hätte, hätte ich es ohne Zweifel getan", sagt Netanjahu, "es war kein Bluff."

Bald danach ist es für einen Angriff zu spät.