Die Israelis schaffen es, sämtliche Verhandlungsgespräche heimlich abzuhören

Ohne dass die Israelis es bemerkten, hat Obama hinter den Kulissen sein diplomatisches Vorhaben vorangetrieben. Aus den geheimen Sondierungen, die Obamas Leute 2010 im Oman begannen, entstehen im Frühjahr 2013 offizielle Gespräche zwischen den beiden verfeindeten Nationen USA und Iran, eine politische Sensation nach Jahrzehnten der Funkstille. Später stoßen Chinesen, Russen und drei europäische Länder hinzu: Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Zwanzig Monate lange verhandeln die sechs Nationen mit dem Iran, es sind Runden des Täuschens und Enttäuschens, aber auch der Hoffnung bis hin zu Euphorie. Während die Gespräche bereits laufen, registrieren westliche Geheimdienste verdächtige Telefonate zwischen Brüssel und Teheran. Eine Untersuchung ergibt, dass ein Mitarbeiter der Europäer Informationen mit der Regierung in Teheran austauscht. Ein Spion der Iraner. Nachdem er aufgeflogen ist, wird der Mann unauffällig versetzt, bis heute wird der Fall in Brüssel unter der Decke gehalten.

Die Israelis, auch das wird sich noch herausstellen, sitzen zwar nicht mit am Tisch, ihr Geheimdienst aber schafft es, sämtliche Verhandlungsgespräche abzuhören. Zudem wird in den Hotels der Europäer auch der berüchtigte Computervirus "Flame" gefunden. Offenbar wollten die Israelis nichts dem Zufall überlassen.

Trotzdem muss Netanjahu einsehen: Obama hat ihn ausmanövriert. Einen Militärschlag würde die Weltöffentlichkeit nun als Akt der Brandstiftung werten. Und mit einem unterzeichneten Abkommen wäre der Paria Iran auf dem besten Weg zurück in die internationale Staatengemeinschaft.

Was schließlich am 14. Juli 2015 im Coburg-Palais zu Wien von den Verhandlungspartnern beschlossen und in einen gut 150 Seiten langen Vertrag gegossen wird, ist eine Sensation, ein Sieg der Verhandlungskunst.

Das Atomabkommen verlangt von allen Seiten schmerzliche Zugeständnisse: Die Iraner müssen mehr als 95 Prozent ihres angereicherten Urans vernichten oder außer Landes schaffen, die Zahl ihrer Zentrifugen um zwei Drittel reduzieren und sich strengen Kontrollen unterziehen. Im Gegenzug werden die internationalen Sanktionen gegen den Iran nach und nach aufgehoben. Zudem darf Teheran weiter nuklear forschen und muss die Urananreicherung nicht komplett einstellen.

Die israelische Regierung ist entsetzt. Netanjahu, sagt einer seiner ehemaligen Berater, habe bereits die Aufnahme der Geheimverhandlungen mit dem Iran als ultimativen Verrat empfunden. Er vergleicht die Gespräche mit der Appeasementpolitik der Dreißigerjahre gegenüber den Nazis. Zu einem seiner Diplomaten sagt er: "Obama ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung."

Tatsächlich enthält der Vertrag große Lücken. Er schränkt Teherans Aufrüstung mit konventionellen Waffen nicht ein, auch nicht das Raketenprogramm. Er verbietet den Führern des Gottesstaates nicht, radikale Palästinenser-Organisationen wie Hamas oder Hisbollah zu finanzieren und ihren außenpolitischen Einfluss von Syrien über den Libanon bis zum Irak und Jemen aggressiv auszuweiten. Und er bindet die Iraner nur 15 Jahre. Ab 2030 ist wieder fast alles offen.

Aber bis dahin, das ist die Hoffnung, ist das Gespenst des Krieges verdrängt.

Dann, im November 2016, gut ein Jahr nach Abschluss des Abkommens, gewinnt Donald Trump für die Republikaner die amerikanischen Präsidentschaftswahlen.

Von Anfang an hatten die Republikaner den Vertrag kritisiert. Zu weich gegenüber dem Iran, das war das Argument. Donald Trump hatte mit diesem Thema sogar Wahlkampf gemacht, bei Auftritten überall im Land, in Arizona, Florida, Iowa, hatte er den Menschen entgegengerufen, den "schlechtesten Deal aller Zeiten" sofort rückgängig zu machen. Der "Schurkenstaat Iran" war ein dankbares Feindbild.

Trumps Sicherheitsberater sagt: "Man sollte den Iran bombardieren"

Mit Trumps Wahl ist in dem fast zwanzig Jahre währenden Konflikt erstmals die Situation entstanden, dass der israelische und der amerikanische Regierungschef bis hin zur Wortwahl ähnlich denken. Sie sprechen von "töten", von "auslöschen", von "Leiden, wie sie die Welt nie zuvor gesehen hat".

In den Monaten nach seiner Amtseinführung unternimmt Trump vieles, um Netanjahu entgegenzukommen. Er verlegt die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, was international umstritten ist. Er erkennt die besetzten Golanhöhen als israelisches Gebiet an. Er kürzt die Hilfsgelder für die Palästinenser.

An das Atomabkommen aber wagt er sich zunächst nicht heran.

Im Januar 2018 treffen sich Diplomaten aus Paris, London und Berlin in Washington mit einer Delegation der amerikanischen Regierung, die von Brian Hook angeführt wird, einem republikanischen Anwalt, den Trump zum Iran-Beauftragten ernannt hat. Es geht darum, das Atomabkommen nachzuverhandeln, einen neuen Schriftsatz aufzusetzen und diesen den Iranern vorzulegen – um den Vertrag zu retten, wie die Europäer hoffen.

Vier Monate lang sprechen die Europäer mit den Amerikanern, man trifft sich reihum in Paris, London, Berlin und erneut in Washington. Wieder werden Physiker hinzugezogen, die EU schickt einen Vertreter, das Kanzleramt ebenfalls, auch das Weiße Haus ist mit zwei Beamten vertreten. Wieder geht es in den Gesprächen um die Atomanlagen, iranische Mittel- und Langstreckenraketen, unangekündigte Inspektionen. Die Amerikaner wollen zudem über die aggressive Rolle des Irans in der Region reden.

Im März wirkt es, als seien die Gespräche gescheitert.

Im April haben die Europäer den Eindruck, eine Einigung sei nun doch zum Greifen nah. Es gibt jetzt einen Entwurf für eine Erklärung, eine Ergänzung des ursprünglichen Abkommens, fünf Seiten lang, in dem die strittigen Punkte in Klammern stehen. Dazu zählt vor allem die Frage, wie sich sicherstellen lässt, dass der Iran mindestens ein Jahr braucht, um nach einer Aufkündigung des Vertrags die Bombe zu bauen. Auch darüber, wie es nach 2030 weitergehen soll, gibt es unterschiedliche Meinungen.

"Wir waren fast am Ziel", glaubt ein europäischer Diplomat. Die US-Regierung bestreitet das.

Am 24. April 2018, noch vor dem Ende der erneuten Verhandlungen, trifft der französische Präsident Emmanuel Macron im Weißen Haus ein. Macron, der mit Trump eine Männerfreundschaft zu kultivieren versucht, hat sich sorgsam vorbereitet. Auf dem Rasen im Süden des Weißen Hauses pflanzt er eine Eiche, die aus einem Wald bei Paris stammt. Der Baum, schreibt er auf Twitter, sei eine Erinnerung an die "engen Beziehungen, die uns verbinden".