Im Oval Office will er mit Trump über die Details der Atomverhandlungen sprechen, Macron hat sich tief in das Thema eingearbeitet. Trump, so berichten informierte Diplomaten, habe von den Details keine Ahnung gehabt, sondern Macron nur angekündigt, den Vertrag ohnehin platzen zu lassen. Als der Franzose protestiert und auf den Erfolg der Verhandlungen mit Brian Hook verweist, soll Trump ihn ratlos angeschaut und entgegnet haben: "Wer ist Brian Hook?"

Zwei Wochen später steigen die Vereinigten Staaten aus dem Atomdeal aus. Es wirkt, als habe der amerikanische Präsident nie vorgehabt, ernsthaft nachzuverhandeln. Die Eiche, die Macron gepflanzt hat, wird später eingehen, der Iran-Konflikt aber ist zu neuem Leben erwacht.

Donald Trump hat sich im Weißen Haus mit Kriegstreibern umgeben, allen voran sein nationaler Sicherheitsberater John Bolton, der seine Iran-Strategie einst in einem Zeitungsartikel so beschrieb: "Um den Iran an der Bombe zu hindern, sollte man den Iran bombardieren." Iranischen Dissidenten versprach Bolton, das Regime werde in zwei Jahren untergehen und "wir werden in Teheran feiern".

Auch Trumps derzeitiger Außenminister Mike Pompeo, als ehemaliger CIA-Chef mit allen Finessen des Schattenkriegs vertraut, gilt als Hardliner. Fast alle Bedenkenträger wie den Außenminister Rex Tillerson, den Verteidigungsminister James Mattis und den Sicherheitsberater H. R. McMaster hat Trump inzwischen aus dem Amt gedrängt.

Das muss nicht heißen, dass es zum Krieg kommt. Trump verfolgt eine Strategie des maximalen Drucks, um den Iran zu bezwingen. Womöglich kapituliert Teheran unter der Last der neuen amerikanischen Sanktionen, die auch europäische Unternehmen, die mit dem Iran Geschäfte machen, mit drakonischen Strafen belegen. Womöglich gelingt es den Europäern, rechtzeitig einen neuen diplomatischen Ausweg zu finden, wie es Macron vor anderthalb Wochen beim G7-Treffen in Biarritz mit der Blitzeinladung des iranischen Außenministers versucht hat.

Doch solange dies nicht der Fall ist, besteht fast täglich die Gefahr einer militärischen Eskalation.

Mitte September wird in Israel ein neues Parlament gewählt, die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu und seinem schärfsten Konkurrenten, dem ehemaligen Armeechef Benny Gantz, voraus. Netanjahu ist 69 Jahre alt, er regiert mit Unterbrechungen seit über 13 Jahren und ist damit länger im Amt als der legendäre israelische Staatsgründer David Ben Gurion. Der Kampf gegen die iranische Atombombe ist sein letztes großes, unerledigtes Projekt.

Bei 2000 Grad Celsius schmelzen die Stahlwände der Safes wie Butter

Von der iranischen Regierung ist zu erwarten, dass sie die Situation weiter, Schritt für Schritt, eskalieren lässt, so wie in den vergangenen Monaten. Mal mit dem Kapern eines Tankers, mal mit Haftminen in der Straße von Hormus, mal mit dem Vorantreiben des Atomprogramms. Das Land verfügt bereits wieder über mehr angereichertes Uran, als es das Atomabkommen vorsieht, und kann den Bau der Bombe jederzeit vorantreiben, die Geräte dafür sind alle vorhanden. "Die amerikanische Führung wird nicht so verrückt sein, gegen uns einen Krieg zu beginnen", sagt der iranische Botschafter bei der Atomenergiebehörde in Wien Kazim Gharibabadi gegenüber der ZEIT. "Sie wissen, wie stark wir sind und dass wir zurückschlagen können."

Es klingt wie eine Kampfansage und ist wohl doch eher bange Hoffnung. Jetzt, da ihnen Amerikaner und Israelis gleichermaßen aggressiv gegenüberstehen, ist der Iran so bedroht wie vielleicht nie zuvor in den mehr als zwanzig Jahren, die dieser Konflikt nun andauert.

Die neue Einigkeit zwischen den USA und Israel, sie zeigte sich zum Beispiel am 31. Januar 2018. In den Abendstunden jenes Tages überwinden Agenten des Mossad die Absperrungen an einer Lagerhalle am Stadtrand von Teheran. Sie brechen das Tor auf und holen mehrere mitgebrachte Schweißgeräte heraus. In der Halle stehen 32 Tresore mit farbig markierten Akten, grün, rot, schwarz.

Die Mossad-Leute schweißen etwa zehn der Safes auf, sie scheinen zu wissen, wonach sie suchen. Bei Temperaturen um 2000 Grad Celsius schmelzen die Stahlwände wie Butter.

Fast sieben Stunden lang schleppen die Israelis Material aus der Halle, 114 Aktenordner und 55.000 Seiten Papier, dazu 183 CDs, auf denen mehr als 55.000 Dateien gespeichert sind. Verteilt auf mehrere Lastwagen, schmuggeln sie das Material nach Tel Aviv. Hochrangige israelische Regierungsmitarbeiter haben der ZEIT den Ablauf des Abends beschrieben und Einblick in weite Teile der Dokumente gewährt. Die Angaben sind schwer zu überprüfen, aber die iranische Regierung bestreitet die Ereignisse nicht, sondern droht nur, das "zionistische Regime" werde den Überfall noch bereuen.

Die Dokumente sind eine Art Zentralarchiv des iranischen Atomprogramms, sie bestätigen, was der Spion Dolphin und andere mehr als 15 Jahre zuvor beschrieben hatten: dass der Iran ein aktives Nuklearprogramm betrieb, das weiter entwickelt war, als die iranische Staatsführung je zuzugeben bereit war. Der Fund von Teheran ist eine Anklage gegen ein Regime, das die Welt jahrelang systematisch belogen hat.

Der Chef des Mossad, Jossi Cohen, fliegt nach dem Coup eigens nach Washington, um Mike Pompeo eine vollständige Kopie der Daten zu übergeben. Vorbei die Zeiten, in denen sich Israelis und Amerikaner misstrauisch belauerten.

Der ebenso kühne wie unverfrorene Einbruch, heißt es in Tel Aviv, sei der Beginn einer neuen Offensive, um dem iranischen Atomprogramm den Todesstoß zu versetzen.

Als sich Cohen und Pompeo die Hände schütteln, lächeln sie.

Mitarbeit: Ronen Bergman, Mark Mazzetti