"Eintritt verboten!" steht auf dem verwitterten roten Schild am rostigen Stacheldrahtzaun des französischen Forschungszentrums für Atomenergie (CEA). Hinter dem Zaun dampfen die Kühltürme alter Atomreaktoren. Sie gehören zum "Unterirdischen Lager für Zukunftsprojekte" des CEA, wie auf dem alten Schild am Zaun gerade noch zu lesen ist.

So sieht der Karikaturist der Pariser Zeitung Le Monde die "finstere Zukunft der französischen Kernenergie". In einem aufsehenerregenden Artikel berichtete die Zeitung vergangene Woche, dass die französische Regierung die Atomenergie-Forschung eingestellt hat. Genauer: Das CEA hat schon vor Monaten alle Arbeiten am Zukunftsprojekt des schnellen Brüters gestoppt. "Wir setzen weder Mittel noch Energie dafür ein", sagten CEA-Mitarbeiter der Zeitung. Offiziell wird der endgültige Ausstieg noch dementiert, wahrscheinlich werde man "in der zweiten Jahrhunderthälfte" die Arbeit am schnellen Brüter fortsetzen.

Für die Atomindustrie, nicht nur in Frankreich, ist das eine Art größter anzunehmender Unfall. Obwohl viele Länder, darunter Deutschland, die Schnellbrüter-Technologie schon vor Jahrzehnten aufgaben, bleibt sie bis heute der große Traum der Branche.

Schnellbrüter versprechen – theoretisch – bei der Energiegewinnung im Reaktor mehr von ihrem Plutonium-Brennstoff zu produzieren, als zu verbrauchen. Nicht ohne Grund war das erste für die Stromerzeugung ausgelegte Atomkraftwerk der Welt, der Anfang der Fünfzigerjahre in den USA gebaute Versuchsreaktor EBR 1, ein Schnellbrüter. Mit ihm war die Hoffnung auf eine sich ewig reproduzierende, nie versiegende Energiequelle geboren.

Fast überall im Westen und Osten schenkten die wirtschaftlichen und politischen Eliten dieser Hoffnung über Jahrzehnte ihren strengen Fortschrittsglauben. Rückschläge blieben nicht aus. Erste Prototyp-Reaktoren in Frankreich und Japan verschlangen Milliarden und scheiterten doch alle am gleichen Problem: Schnellbrüter brauchen Natrium als Kühlmittel, das im Kontakt mit Wasser und Luft brennt. Fast überall besiegelten letztlich Natriumbrände das Ende der Experimente.

Doch in Frankreich, wo nach wie vor 72 Prozent der Stromproduktion aus den 58 Atomkraftwerken des Landes stammen, währte der Glaube an die Technik bis heute. "Frankreich wird über Energiereserven wie die von Saudi-Arabien verfügen", versprach schon der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing. Und so richtig wollte ihm bisher keiner seiner Nachfolger widersprechen, Emmanuel Macron eingeschlossen.

Doch nun ist der Traum geplatzt. "In der französischen Energiepolitik ist kein Platz mehr für die Vorstellung von einer immerwährenden Atomindustrie, die das Schnellbrüter-Projekt verkörperte", sagt der französische Energieexperte Yves Marignac, Leiter der Organisation WISE-Paris, die Anfang der Achtzigerjahre gegründet wurde, um ein informationspolitisches Gegengewicht zur Atomlobby zu etablieren.

Grund sind die immensen Kosten: Das Schnellbrüter-Projekt Astrid, nach dem englischen Namen Advanced Sodium Technological Reactor for Industrial Demonstration, kostete bisher schon 738 Millionen Euro und sollte beim Bau eines Prototyps weitere fünf bis zehn Milliarden Euro verschlingen. Dabei hat der französische Kraftwerkbetreiber EDF schon genug Probleme, einen neuen herkömmlichen Druckwasser-Atomreaktor in Flamanville am Ärmelkanal fertigzustellen, dessen Kosten über die Jahre von drei auf elf Milliarden Euro gestiegen sind. Überdies ist die mehrheitlich im Staatsbesitz befindliche EDF hoch verschuldet. Das Pariser Finanzministerium schreckt vor weiteren ungewissen Projekten offenkundig zurück.

Schon im französischen Energierahmengesetz für die nächsten fünf Jahre, das Anfang 2019 durch die Pariser Nationalversammlung ging, war deshalb vom einstigen Vorzeigeprojekt Astrid kaum mehr die Rede. Das hatte jedoch in der französischen Öffentlichkeit keine Aufmerksamkeit gefunden.